Ist Kevin Warsh Trumps Notenbank-Marionette?
Donald Trump richtet Kevin Warshs Amtseinführung am Freitag (22.05.2026) im Weißen Haus aus. Das ist doppelt ungewöhnlich: Der Chef der US-Notenbank Fed (Federal Reserve) wird üblicherweise weder dort vereidigt noch in Anwesenheit des Präsidenten – als Zeichen, dass die Zentralbank unabhängig ist von der Politik.
Bei Kevin Warsh zweifeln einige Experten und vor allem Demokraten an eben dieser Unabhängigkeit. So auch die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, die Warsh bei einer Anhörung im April Trumps „Marionette“ nannte und in die Mangel nahm: Unabhängigkeit erfordere Mut, sagte Warren dort. „Lassen Sie uns ihren Mut überprüfen, Herr Warsh. Hat Donald Trump die Wahl 2020 verloren?“
Kevin Warsh rang um eine Antwort. Er wolle die Politik aus seinem Amt heraushalten, erwiderte er dann. Warren hakte mehrmals nach, doch Warsh wollte diese Frage weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Trump behauptet bis heute wahrheitswidrig, Joe Biden habe die Präsidentenwahl 2020 „gestohlen“.
„Warshs Anhörung hat die Zweifel an seiner Unabhängigkeit nicht beseitigen können“, so die US-Ökonomin Claudia Sahm auf DW-Anfrage. Diese Skepsis habe sich dann auch im Abstimmungsergebnis widergespiegelt. Nur 54 Senatoren stimmten für Warsh, 45 votierten gegen seine Wahl zum Fed-Chef.
„Noch nie wurde ein Fed-Vorsitzender mit so einer knappen Mehrheit bestätigt“, so Sahm, die selbst länger für die Notenbank gearbeitet hat und heute Chefvolkswirtin der Anlagefirma New Century Advisors ist.
Eine Personalie mit Sprengkraft
Der Vorsitz der US-Notenbank ist einer der mächtigsten Posten in den USA, denn er sitzt einem Gremium von Notenbank-Gouverneuren vor, das über die Höhe der Leitzinsen entscheidet.
Und die haben großen Einfluss auf die Konjunktur, auf den Dollarkurs, auf Banken und Unternehmen und darüber, ob Produkte teurer oder billiger werden. Es geht dabei um Vertrauen, stabile Preise und letztlich auch um die Stabilität der gesamten Weltwirtschaft.
Klar ist: Kevin Warsh ist Donald Trumps Kandidat. Und der Präsident macht keinen Hehl daraus, was er von ihm erwartet. Wenn „Kevin“ die Zentralbank leite, dann würden die Zinsen sinken, sonst wäre er „enttäuscht“, sagte Trump. Das Kalkül des Präsidenten ist klar: Niedrige Zinsen sollen die Konjunktur beleben und so die Chancen der Republikaner bei den Zwischenwahlen im November erhöhen.
Warsh behauptet öffentlich, Trump habe nicht versucht, Einfluss auf ihn auszuüben: „Der Präsident hat mich in keinem unserer Gespräche jemals gebeten, mich im Voraus festzulegen, irgendeine Zinsentscheidung zu treffen oder zu bestimmen – und ich würde dem auch niemals zustimmen“, beteuerte der 56-Jährige während seiner Anhörung im US-Senat.
Trump sägt an der Unabhängigkeit der Zentralbank
Wie Druck von Donald Trump aussehen kann, weiß Warshs Amtsvorgänger Jerome Powell aus eigener Erfahrung. Weil er während Trumps zweiter Amtszeit die Zinsen nicht weit genug senkte, überzog ihn Trump mit Beschimpfungen und ließ sogar das Justizministerium gegen Powell ermitteln.
Dabei ist die US-Notenbank offiziell unabhängig von Weisungen der Politik. Sollte sich das ändern, werde das massive Auswirkungen haben, sagt Ökonom Kenneth Rogoff im DW-Gespräch: „Die Unabhängigkeit der US-Notenbank hat im globalen Finanzsystem eine einzigartige Bedeutung. Denn der Dollar steht an der Spitze des globalen Finanzsystems. Wenn die USA instabil werden, betrifft das alle“, so der Harvard-Professor.
Donald Trumps Handelspolitik und der Iran-Krieg belasteten international das Vertrauen in den US-Präsidenten. „Doch wenn ich mit Investoren spreche und sie frage, worauf sie wirklich achten, dann sagen sie: auf die Unabhängigkeit der Zentralbank“, so Rogoff.
Warshs Lebenslauf: ein Bilderbuch
Kevin Warsh wuchs im Bundesstaat New York in einer Mittelschichtsfamilie auf und ging auf eine öffentliche Schule. Er schaffte den Sprung an die Elite-Universität Stanford, wo er Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaft und Statistik studierte. Zusätzlich machte er 1995 an der renommierten Harvard Law School einen Jura-Abschluss.
Es folgte eine Station im Investmentbanking bei der Großbank Morgan Stanley. Im Jahr 2002 ernannte ihn der damalige US-Präsident George W. Bush zu seinem Wirtschaftsberater. Im selben Jahr heiratete Warsh Jane Lauder, die Erbin des Kosmetikimperiums Estée Lauder.
Viel Geld und viele Verbindungen
Im Jahr 2006 wurde Warsh, damals gerade einmal 35 Jahre alt, als bisher jüngstes Mitglied in die Führungsriege der Fed berufen, das Federal Reserve Board of Governors.
Hier machte er sich einen Ruf als geldpolitischer „Falke“, weil er die Maßnahmen des damaligen Notenbank-Chefs Ben Bernanke öffentlich kritisierte.
Bernanke setzte in der Finanzkrise ab 2007 auf eine sehr lockere Geldpolitik, senkte die Leitzinsen maximal und kaufte Staatsanleihen im großen Stil. Im Streit mit Bernanke verließ Warsh 2011 die Fed wieder und arbeitete danach im Investmentbereich und an Universitäten.
Warsh verfügt über ein großes Vermögen. Das Office of Government Ethics, eine Regierungsstelle, die Interessenskonflikte von Staatsangestellten überprüft, stuft Warshs Nettovermögen auf bis zu 200 Millionen Dollar ein. Hinzu kommt das Vermögen seiner Ehefrau, das das Magazin „Forbes“ auf zwei Milliarden Dollar schätzt.
Kann er alle besänftigen?
Der neue Chef der wichtigsten Notenbank der Welt bringt also sowohl Erfahrung innerhalb der Fed mit als auch Kenntnis über die Mechanismen und Vorlieben der Wall Street. Er wird also auch wissen, dass er jeglichen Eindruck vermeiden muss, der Kurs der Zentralbank würde von Donald Trump diktiert.
Wenn dieser Eindruck entstehe, würden die Märkte reagieren, sagt Ökonom Kenneth Rogoff: „Wenn man versucht, die Unabhängigkeit der Zentralbank zu untergraben, fragen die Märkte: Was haben die vor? Versuchen Sie, uns zu beeinflussen? Und sie treiben dann sofort die Zinsen in die Höhe – was natürlich genau das Gegenteil von dem ist, was die Regierung wollte.“
Ökonomin Claudia Sahm ist sich sicher: „Bis zu diesem Punkt musste Warsh den Präsidenten beeindrucken, um den Job zu bekommen.“ Jetzt müsse er die Finanzmärkte und den Zentralrat der Fed überzeugen, dass er die Notenbank gut führen wird. „Es ist unwahrscheinlich, dass er alle zufriedenstellen kann.“
Was passiert mit den Zinsen?
Warsh selbst hatte sich Medienberichten zufolge zuletzt für niedrigere Zinsen ausgesprochen – ganz im Sinne von Donald Trump. Das ist überraschend, denn das wirtschaftliche Umfeld spricht eher für das Gegenteil. Durch den Iran-Krieg und gestiegene Benzinpreise ist die Inflation im Auftrieb. Würde die Fed nun die Leitzinsen senken, dürfte das zwar die Wirtschaft ankurbeln, aber auch die Preise weiter anheizen.
Mehrere Mitglieder des zwölfköpfigen Fed-Zentralrats haben sich deshalb bereits gegen Zinssenkungen ausgesprochen. Sollte Kevin Warsh also tatsächlich unverzüglich Donald Trumps Kurs umsetzen wollen, müsste er sich dort durchsetzen.
Hinzu kommt: Der von Trump so verhasste Jerome Powell wird die Fed nach seinem Amtsende nicht verlassen. Bei seiner letzten Pressekonferenz als Notenbank-Chef kündigte er an, er werde als Vorstandsmitglied weiter in der Zentralbank verbleiben.
Powells Karriere zeigt auch, wie sehr sich Dinge ändern können. Donald Trump, der ihn heute „inkompetent“, „Trottel“ oder gar „korrupt“ nennt, hatte Powell 2017 selbst für das Amt des Fed-Chefs vorgeschlagen.
