Die letzte „Late Show“ mit Stephen Colbert
Mehr als zehn Jahre lang begrüßte Stephen Colbert Gäste und Publikum der berühmten „Late Show“ im US-Fernsehen – heute Abend allerdings zum letzten Mal. Nicht nur der Trump-Kritiker selbst vermutet hinter dem Abschied politische Gründe.
In Anzug und Krawatte stehen Stephen Colbert und David Letterman auf dem Dach des berühmten Ed Sullivan Theaters. In diesem New Yorker Gebäude wird die legendäre „Late Show“ seit fast 33 Jahren produziert. Bevor Colbert die Sendung übernahm, machte Letterman sie zu einem Late-Night-Giganten.
„Ich dachte eigentlich, dass der heutige Abend vielleicht ein bisschen traurig wird, weil deine Zeit hier zu Ende geht. Aber das erfüllt mein Herz mit wahrer Freude“, erklärt Letterman. Und zusammen mit Colbert wird er wenige Sekunden später „CBS-Eigentum“ vom Dach auf die Straße werfen. Zum Beispiel alte Sessel oder Bürostühle, die jetzt keiner mehr braucht. Denn die „Late Show“ wird vom Sender abgesetzt.
Scharfe Vorwürfe gegen CBS
Auf der riesigen Zielscheibe, die Colbert und Letterman unten auf der Straße treffen und mutwillig zerstören wollen, ist das Logo von CBS abgebildet. Die Aktion soll verdeutlichen, was die beiden von dem Sender halten. Ihr Vorwurf: CBS wolle der US-Regierung und US-Präsident Donald Trump gefallen und stelle sein Programm deshalb um. Trump-Kritiker Colbert wurde vom Präsidenten immer wieder verbal attackiert.
„Hättet ihr je gedacht, mal einen Job zu machen, der den US-Präsidenten so bewegt?“, fragt Colbert in einer seiner letzten Sendungen. Auf seiner Gäste-Couch sitzen gleich vier weitere Late-Night-Moderatoren: Jimmy Kimmel, Seth Meyers, John Oliver und Jimmy Fallon. Sie alle zeigen sich solidarisch mit Colbert. Aus Respekt vor ihm wollen Fallon und Kimmel sogar auf aktuelle Episoden ihrer Shows verzichten, wenn Colbert zeitgleich seine Abschiedssendung ausstrahlt.
Sender spricht von „rein finanzieller Entscheidung“
Das Ende der „Late Show“ sei eine „rein finanzielle Entscheidung“, teilte CBS im vergangenen Jahr gemeinsam mit Mutterkonzern Paramount mit. Das Late-Night-Genre bringe nicht mehr genug Werbeeinnahmen. Da sei zwar was dran, meint New-York-Times-Kolumnist Jason Zinoman. Die Entscheidung fiel allerdings ausgerechnet dann, als Paramount die Zustimmung der Trump-Regierung zu einer großen Fusion brauchte.
„Dass sie ausgerechnet genau das tun, was Donald Trump ganz offensichtlich freuen würde – da fällt es schwer zu glauben, dass da keine politischen Motive im Spiel waren“, merkt Zinoman im ARD-Interview an. „Auch der Chef der US-Kommunikationsbehörde FCC kritisiert Fernsehsendungen und Talkshow-Moderatoren auf eine Weise, wie es noch kein Vorgänger getan hat“, so der Kolumnist.
Meinungsfreiheit in Gefahr?
Überbewerten will Zinoman das Ende der Colbert-Show aber nicht. Auch, wenn ihn die Entwicklung großer US-Medienkonzerne besorgt – die Meinungsfreiheit sieht er nicht in Gefahr. In Amerika gebe es nach wie vor eine lebendige Kultur frecher Comedy über Politik und die Regierung. Sie mag im TV langsam verschwinden. Dafür kämen immer mehr Stimmen in sozialen Netzwerken dazu, die sich frei äußern könnten.
Nach einer Phase der Transformation könnte die Late Night im Internet – in Video-Podcasts oder auf YouTube – eine Zukunft haben, glaubt Zinoman: „Vielleicht wird das Interesse der Menschen mit dem Vormarsch der KI sogar noch größer. Das Gesicht von jemandem zu sehen, ein menschliches Gesicht, das mit einem anderen menschlichen Gesicht spricht, ist etwas sehr Eindrucksvolles. Und genau darum geht es im Kern bei diesem Genre.“
Besondere Gäste zum Abschied
In seinen letzten Sendungen hat Colbert nochmal alles gegeben. Er präsentierte dem Publikum hochkarätige Gäste wie den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, Rock-Ikone Bruce Springsteen oder Film-Legende Steven Spielberg. Wie die allerletzte „The Late Show with Stephen Colbert“ aussehen wird, ist bisher ein streng gehütetes Geheimnis.
Für den „Tag danach“ hat US-Moderator Colbert bereits einen wichtigen Termin: die Hochzeit seines Bruders. Aber auch beruflich wird der beim Publikum beliebte 62-Jährige sicher nicht von der Bildfläche verschwinden. Für seine Zukunft könne er sich weiterhin Comedy vorstellen oder möglicherweise einen Podcast. Zuerst aber arbeitet er an einem Drehbuch für einen neuen „Herr der Ringe“-Film mit. Das verriet Colbert, der seit vielen Jahren erklärter Fan der Mittelerde-Saga ist, in einem gemeinsamen Video mit Regisseur Peter Jackson.

