Russisches Geheimprojekt „Skythen“ – Atomraketen am Meeresgrund?


Putin vor Russland-Flaggen


exklusiv

Stand: 21.05.2026 • 06:12 Uhr

Ein russisches Militärprojekt wird von der NATO mit Sorge betrachtet. Nach Recherchen von WDR und NDR geht es dabei um die Stationierung von Atomraketen am Meeresgrund.

Von Florian Flade, WDR und Antonius Kempmann, NDR

Die Stadt Sewerodwinsk liegt im Nordwesten Russlands, am Weißen Meer. Sie ist bekannt für den Schiffsbau, schon seit Sowjetzeiten gibt es hier mehrere Werften. Unter anderem werden dort U-Boote gebaut. Sewerodwinsk ist auch der Heimathafen eines Schiffes, das auf den ersten Blick nicht gerade ungewöhnlich wirkt. Es heißt „Zvezdochka“, Russisch für „Sternchen“, ist 96 Meter lang und rund 18 Meter breit.

Nach Recherchen von WDR und NDR haben westliche Geheimdienste aus der NATO-Allianz das Schiff seit einiger Zeit besonders im Blick. Denn die „Zvezdochka“ ist ein Spezialschiff, angefertigt für das russische Militär, um mit Hebekränen und Verladerampen schweres Gerät auf hoher See zu bewegen, auch in den eisigen Gewässern im Nordmeer. Die Geheimdienstvertreter glauben, dass es für ein geheimes russisches Militärprojekt eingesetzt wird, das den Namen „Skythen“ trägt, und klingt, als käme es aus einem James-Bond-Film: Dabei soll es um die Stationierung von Atomraketen am Meeresgrund gehen.

WDR und NDR haben in den vergangenen Monaten zu diesem Raketen-Projekt recherchiert, Satellitenbilder ausgewertet, russische wissenschaftliche Datenbanken und historische Dokumente ausgewertet, mit Militärs und Experten gesprochen. Demnach könnte Russland schon seit Jahren daran arbeiten, ballistische Raketen auf bislang unbekannte Weise im Meer zu platzieren. Was die NATO wiederum im Kriegsfall vor Herausforderungen stellen würde: Denn versteckt am Meeresgrund könnten diese Abschussrampen kaum entdeckt und bekämpft werden.

Kaum offizielle Informationen

Der Name des Militärprojekts, über das bislang kaum offizielle Informationen vorliegen, ist offenbar eine historische Referenz zur zentralasiatischen Volksgruppe der Skythen. Ähnlich wie bei der neuen russischen Atomrakete „Sarmat“, deren Bezeichnung wohl an das Reitervolk der Sarmaten angelehnt ist, und die in der vergangenen Woche in Russland getestet worden ist.

Sowohl die NATO als auch das russische Verteidigungsministerium wollten sich auf Anfrage nicht zum Projekt „Skythen“ äußern. Die russische Botschaft in Berlin teilte mit, dass ihr bezüglich des angefragten Sachverhalts keine Informationen vorlägen.

Helge Adrians, Marineoffizier und derzeit Gastwissenschaftler bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), sieht solch ein Projekt als Versuch sich unabhängiger von sehr aufwändigen und teuren Plattformen wie U-Booten oder großen Kreuzern zu machen. Durch die Stationierung von Raketensilos auf dem Meeresgrund könne Russland auch in Zeiten eingeschränkter finanzieller Ressourcen die nukleare Abschreckung aufrechterhalten.

„Interkontinentalraketen am Meeresboden zu positionieren und einsatzbereit zu halten, hat meines Erachtens zwei wesentliche Vorteile“, so der Militärexperte. „Erstens erscheint es sehr aufwendig, sie zu neutralisieren. Zweitens bietet dieses Verfahren die Möglichkeit, U-Boote und deren Personal einzusparen (…) Russland könnte mit vergleichsweise wenig Aufwand und Kosten denselben Effekt erzielen, für den es heute bemannte U-Boote benötigt.“

Technische Herausforderungen

Adrians betont jedoch, die technischen Herausforderungen wie der Umgang mit Meeresströmungen und der Versandung der Silos sowie die Ausbringung, die Energieversorgung und der Datenaustausch mit den Raketen seien keinesfalls trivial. Dies stünde einem breiten Einsatz der Technologie vermutlich entgegen.

Bei dem Projekt soll es, so heißt es aus westlichen Geheimdienstkreisen, offenbar darum gehen, Raketen, die mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden können, in eigens dafür konstruierten Silos oder Containern in teilweise mehreren Hundert Metern Tiefe am Meeresgrund zu platzieren. Dort könnten sie lange Zeit stationiert bleiben und ferngesteuert gezündet werden. Bei der Platzierung der Raketensilos soll, heißt es aus NATO-Kreisen, das besagte Transportschiff „Zvezdochka“ und wohl auch ein spezielles U-Boot namens „Sarov“ eingesetzt werden.

Militärisch werden drei atomare Bewaffnungsarten unterschieden, die sogenannte „Nukleare Triade“. Bodengestützt: In Silos in der Erde, oder auf Fahrzeugen. Luftgestützt: Durch Kampfflugzeuge und Bomber. Oder seegestützt: Auf Kriegsschiffen und insbesondere durch U-Boote. Sowohl die USA als auch Russland und China verfügen über alle drei Möglichkeiten.

Schon während des Kalten Krieges wurden jedoch auch andere Formen der Stationierung von Atomwaffen erforscht. Die Idee, solche Waffen in den Ozeanen zu verstecken, ist nicht neu: In einer Pentagon-Studie aus dem Jahr 1980 finden sich entsprechende Überlegungen (Projekt „Orca“) inklusive einer Modellskizze eines Raketensilos, das am Meeresgrund verankert wird. Im Kriegsfall würde es losgelöst werden, an die Wasseroberfläche steigen und dort die Rakete freisetzen.

Analyse durch das US-Militär

Das US-Militär analysierte die Vor- und Nachteile eines solchen Systems: Als vorteilhaft wurden insbesondere die Langlebigkeit, die geringen Kosten und das geringe Risiko, dass das System von einer gegnerischen Macht zerstört werden könne, bewertet. Andererseits sei es schwierig, Daten an die Raketen am Meeresgrund zu übertragen oder deren Einsatzbereitschaft auch nur zu testen, ohne den Standort zu verraten.

Während die USA offenbar aus diesen Erwägungen auf die Entwicklung solcher Systeme verzichtet haben, soll ein entsprechendes Projekt in Russland laut NATO-Insidern vorangetrieben worden sein. Schon Ende der 1990er Jahre wurde in Russland entsprechende technische Konstruktionen als Patent angemeldet.

Nach Erkenntnissen der NATO wurde unter anderem für das besagte Projekt eine Rakete mit dem Namen „Skif“ entwickelt, bei der es sich um eine abgewandelte Form der Rakete „Sineva“ handeln soll, mit der bislang vor allem russische U-Boote bewaffnet sind. Die „Skif“-Raketen, die vom Meeresgrund aus gestartet werden können, sollen eine Reichweite von bis zu mehreren Tausend Kilometern haben. Erste Tests sollen bereits vor einigen Jahren stattgefunden haben.

Psychologischer Effekt beim Gegner

Im März 2018 hatte der russische Präsident Wladimir Putin bei einer Rede insgesamt sechs neuartige Waffensysteme vorgestellt, angebliche „Superwaffen“ – darunter Hyperschall-Marschflugkörper und ein Riesentorpedo mit Nuklearantrieb. Der Gegner, so Putin, könne sich gegen diese Waffen nicht verteidigen, sie seien technisch revolutionär und einzigartig.

Dem Militärhistoriker Matthias Uhl zufolge, verfolgt Russland mit derartigen Projekten eine Doppelstrategie. Neben den militärischen Fähigkeiten setzten derartige Systeme immer auch auf psychologische Effekte bei den Gegnern: „Ihre Bedeutung liegt weniger im tatsächlichen Gefecht als im politischen Diskurs. Im Ausland sollen diese Waffen für Abschreckung und Verunsicherung wirken“, so Uhl. Das Konzept der „Superwaffen“ habe in Russland eine lange Tradition, diese würden im Rahmen russischer Militärpolitik als Ausdruck symbolischer Macht verstanden. Die atomare Komponente vieler „Superwaffen“ unterstreiche diese Bedeutung zusätzlich.

„Meeresboden-Vetrag“ unterzeichnet

Tatsächlich war schon im Kalten Krieg die Sorge groß, dass die Atommächte irgendwo in den Weltmeeren Nuklearwaffen platzieren könnten. 1971 wurde daher sogar völkerrechtliches Übereinkommen ins Leben gerufen: der „Vertrag über das Verbot der Anbringung von Kernwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen auf dem Meeresboden und im Meeresuntergrund“. Sowohl die USA, als auch die Sowjetunion und rund 80 weitere Staaten haben den „Meeresboden-Vertrag“ unterzeichnet.

Das Abkommen ist weiterhin in Kraft, sieht allerdings nur ein Verbot der Stationierung von Kernwaffen in internationalen Gewässern vor, nicht aber in den eigenen Küstenregionen. Bei „Skythen“ soll es jedoch um eine Platzierung in russischen Gewässern gehen.

Ob die Unterwasser-Raketen tatsächlich schon stationiert sind und die Projektphase überschritten haben, ist unklar. Wiktor Bondarew, früherer Oberkommandierender der russischen Luft- und Weltraumkräfte, behauptete jedoch bereits 2017 gegenüber einer russischen Nachrichtenagentur: „Skif-Raketen, die sich am Meeresgrund verstecken, sind Teil des Arsenals der russischen Streitkräfte“.



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