„Dorfklub“ aus dem Saarland in der Bundesliga


Kein eigener Bahnhof, gerade mal 7000 Einwohner und nur drei Bäckereien – es ist wohl keine Übertreibung zu behaupten, dass Elversberg ab der kommenden Saison einer der außergewöhnlichen Bundesliga-Standorte sein wird. Elversberg gehört zur Gemeinde Spiesen-Elversberg (insgesamt 12.800 Einwohner) im Bundesland Saarland im Südwesten Deutschlands und löst nun Unterhaching (26.000) als kleinsten Bundesliga-Gastgeber ab.

„Mondlandung“ geschafft – jetzt geht es zum Mars

Denn die Sportvereinigung Elversberg von 1907, der Fußball-„Dorfklub“ des Städtchens, hat es tatsächlich geschafft, sich als Zweiter der 2. Liga sportlich für die Fußball-Bundesliga zu qualifizieren. Das entscheidende Spiel gewann Elversberg am Sonntag gegen Preußen Münster mit 3:0. Neben dem FC Schalke 04, der mit 210.000 30-mal so viele Vereinsmitglieder hat, wie Elversberg Einwohner, ist die SVE damit Aufsteiger in Liga eins.

„Ein Freund hat mir diese Woche gesagt: Wenn die SVE aufsteigen kann, ist das so, als würde man zum Mond fliegen. Und die Mondlandung haben wir heute geschafft“, freute sich SVE-Trainer Vincent Wagner und schaute bereits auf die Herausforderung der nächsten Saison. 

„Jetzt wartet die Reise zum Mars. Das hat noch keine Person geschafft, das wird nun die Aufgabe. Mit Elversberg den Klassenerhalt zu schaffen, ist wie die Reise zum Mars.“

Stadion unter DFL-Mindestanforderung

Die Vorfreude auf Gastspiele in den Arenen von Bayern München, Borussia Dortmund oder Eintracht Frankfurt sei riesig, sagte Mittelfeldspieler Tom Zimmerschied. „Wenn man das alles mal gespielt hat, kann man überall einen Haken hinter machen und sehr stolz auf sich sein. Die Bundesliga ist die Krönung der Arbeit der letzten Jahre.“

Blick auf die Baustelle Nordtribüne im Stadion der SV Elversberg
Die Umbauten am Stadion laufen – aber bis Frühjahr 2027 spielt die SVE noch auf einer BaustelleBild: Fabian Kleer/Fußball-News Saarland/picture alliance

Für die Stars des FC Bayern und anderer Vereine werden die Auswärtsfahrten nach Elversberg zunächst zum Abenteuer. Das Waldstadion an der Kaiserlinde hat derzeit nur 10.000 Plätze und wird bis zum Frühjahr 2027 auf 15.000 Plätze ausgebaut, um die Mindestanforderungen der DFL für die Bundesliga zu erfüllen. Umziehen und duschen müssen sich die Spieler bis dahin in Containern, die neben dem Stadion aufgebaut sind. 

Sportliche Erfolgsväter Steffen und Book

Der sportliche Aufstieg der SV Elversberg ist eng mit zwei Namen verbunden, die heute nicht mehr im Verein sind: Trainer Horst Steffen und Sportdirektor Nils‑Ole Book. Steffen formte von 2018 bis 2025 Jahre eine klar strukturierte, spielstarke Mannschaft und legte damit das sportliche Fundament des Durchmarschs.

Er übernahm das Team in der viertklassigen Regionalliga und führte es über die 3. in die 2. Liga. 2025 – vor seinem Abschied zu Werder Bremen – scheiterte er mit der SVE nur knapp in der Relegation am 1. FC Heidenheim.

Trainer Horst Steffen Sportdirektor Nils-Ole Book von der SV Elversberg schütteln vor einem Spiel die Hand
Bis 2025 ein erfolgreiches Duo: Elversbergs Trainer Horst Steffen (l.) und Sportdirektor Nils-Ole Book (r.)Bild: Steven Mohr/Jan Huebner/IMAGO

Parallel dazu baute Book einen Kader auf, der weniger auf große Namen als auf Entwicklungspotenzial setzte. Er war ab 2017 zunächst in der Scouting-Abteilung der SVE, ab 2018 Sportdirektor und später Sportvorstand. Seit diesem Frühjahr ist er Nachfolger von Sebastian Kehl als Sportdirektor von Borussia Dortmund.

Viele Leistungsträger reiften erst in Elversberg zu Schlüsselspielern. Bestes Beispiel ist Nationalstürmer Nick Woltemade, der als Leihgabe aus Bremen kam, in der Drittliga‑Saison 2022/2023 explodierte und sich anschließend Richtung Bundesliga orientierte. Auch Fisnik Asllani, Torjäger der TSG Hoffenheim, war 2024/2025 als Leihspieler bei der SVE sehr erfolgreich.

Klub als Familienangelegenheit

Was die Vereinsführung angeht, ist die SV Elversberg eine Art Familienunternehmen. Zentrale Figur ist mit dem früheren Bundesligaprofi und heutige Pharmaunternehmer Frank Holzer ein Mann aus der Region. Der Saarländer übernahm den damals verschuldeten Dorfklub bereits 1989, sanierte ihn und prägt ihn seither in unterschiedlichen Rollen – vom Präsidenten bis zum heutigen Aufsichtsratschef. 2011 übernahm sein Sohn Dominik, früher aktiver Spieler der SVE, das Amt des Vereinspräsidenten und führt es bis heute. 

Frank und Dominik Holzer neben anderen Mitgliedern der Vereinsführung und Prominenten auf der Tribüne in Elversberg
Vater Frank Holzer (2.v.l. mit Hugo-Kappe) und Sohn Dominik (2.v.r.) auf der TribüneBild: Fabian Kleer/Fußball-News Saarland/picture alliance

Holzers Unternehmen Ursapharm, ein international tätiger Hersteller von Arzneimitteln mit Schwerpunkt Augenheilkunde und rund 350 Millionen Euro Jahresumsatz, fungiert als wichtigster Geldgeber und Sponsor des Vereins. Über Jahrzehnte wurde Infrastruktur aufgebaut, der Klub Schritt für Schritt professionalisiert. Die Entwicklung folgt dabei keinem kurzfristigen Investorenmodell, sondern ist langfristig angelegt.

Der Aufstieg in die Bundesliga ist eher als eine Art „Betriebsunfall“ zu betrachten, als dass er einen tatsächlich geplanten Erfolg darstellt. Bezeichnenderweise gratulierte Trainer Vincent Geiger dem Klub nach dem Aufstieg, dass er dadurch für die Saison 2027 bereits „den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga geschafft“ habe. Diese Demut und das ruhige Umfeld zeichnen die Saarländer aus, die vor gerade einmal fünf Jahren noch vor rund 400 Zuschauern in der Regionalliga spielten.

Elversberg kein Hoffenheim 2.0

Trotzdem bleiben kritische Stimmen nicht aus. Gerade Fans großer Traditionsvereine vergleichen Elversberg mit Konstrukten wie der TSG Hoffenheim, weil ein einzelner finanzstarker Förderer eine zentrale Rolle spielt. 

Doch sowohl was den Umfang der Investitionen als auch was die sportliche Zielsetzung angeht, stimmt der Vergleich nur bedingt. Als Hoffenheim 2008 aus der 2. Liga aufstieg, war klar, dass man nie wieder dorthin zurückwollte – im Gegenteil. Gleich in der Premierensaison wurde die TSG punktgleich vor dem FC Bayern sogar Herbstmeister.

Das ist bei der SV Elversberg, die vom ersten Spieltag an gegen den Abstieg spielen wird, wohl nicht zu erwarten. Eher steht bis Weihnachten ein Mensch auf dem Mars.



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