Hannover 96: Ein komplett unnötig verpasster Aufstieg – Sport


Da behaupte noch jemand, bei Hannover 96 höre niemand mehr auf die Worte von Martin Kind. Gerade hatte der frühere Vereinsboss und heutige Aufsichtsratschef noch kundgetan, wie blöd und überflüssig er Relegationsspiele findet; unsympathisch und ungerecht sei die Extrarunde zum Saisonende, sagte Kind. Und siehe da: Die Spieler haben ihn von dieser Pein befreit.

Allerdings nicht auf jene Weise, die Kind im Sinn hatte. Zweiter hätte Hannover werden sollen und damit direkt in die Bundesliga aufsteigen, so war’s gemeint. Und eben nicht: auf Rang vier landen, dem schmerzlichsten aller Plätze im Aufstiegsrennen, hinter Elversberg und sogar noch hinter Paderborn.

Entsetzen machte sich am Sonntagnachmittag breit in der Arena am Maschsee, nach dem 3:3 im Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Die Spieler lagen oder saßen auf dem Rasen, die Fans schwiegen. Er spüre eine „unfassbare Leere“, sagte Kapitän Enzo Leopold, „das tut richtig, richtig weh“. Der letztlich entscheidende Ausgleichstreffer, der Hannover vom Relegationsrang schubste, fiel in der 83. Minute durch den Nürnberger Luka Lochoschwili. Das letzte große Aufbäumen fiel aus. Jeder im Stadion spürte: Da hat eine Mannschaft eine riesengroße Chance vertan.

Immer, wenn das Team einen großen Schritt nach vorn hätte machen können, wurde es Opfer seiner Wankelmütigkeit

Tatsächlich muss man eine Weile kramen in der Zweitligahistorie, um einen Klub zu finden, der sich derart unnötig und selbst um den Aufstieg gebracht hat. In einer Spielzeit, in der sich unter allen Zweitligisten neben Schalke kein anderes Topteam hervortat, hatte 96 zwischenzeitlich hervorragende Karten. Drei Spieltage vor Schluss standen alle Zeichen auf Rang zwei, das Restprogramm: absolut machbar. Heimspiele gegen den Tabellenletzten Münster und Nürnberg; dazu ein Auswärtsspiel in Bochum. Obendrein ereilte die ebenfalls oben rangierenden Elversberger und Paderborner eine Formschwäche vor Toresschluss. Beide Teams ließen unerwartet Punkte liegen. Und Hannover?

Null Siege, nur drei Unentschieden, wobei 96 jede einzelne Partie hätte gewinnen können oder müssen, je nach Sichtweise. Überhaupt gab es nur einen Erfolg aus den vergangenen sieben Heimspielen. Man habe im eigenen Stadion „zu viele Punkte verschenkt“, sonst wäre man „längst aufgestiegen“, sagte auch Kind. Kapitän Leopold, der den Klub verlässt, klagte: „Es ist unfassbar bitter, dass du eine so gute Saison nicht krönen kannst.“

Auch der Ex-Kanzler war da: Gerhard Schröder (rechts) erlebte den Nichtaufstieg seines Klubs im Stadion.
Auch der Ex-Kanzler war da: Gerhard Schröder (rechts) erlebte den Nichtaufstieg seines Klubs im Stadion. Swen Pförtner/dpa

So geht Hannover schweren Schrittes in sein achtes Zweitligajahr. Das Empfinden, von den Möglichkeiten her eigentlich ein gefühlter Bundesligist zu sein, wird von Jahr zu Jahr schwächer. Alle Strategien wirken ausgeschöpft, mit vergleichsweise viel Geld hatte man es versucht, mit unterschiedlichen Trainertypen: Mirko Slomka, Jan Zimmermann, Stefan Leitl, jetzt Christian Titz. Vor dieser Saison kamen 16 (!) neue Spieler, aus denen Titz überraschend schnell ein funktionierendes Team formte. Zwei Derbysiege gegen Braunschweig schürten zudem die Hoffnung, dass 96 diesmal eine besondere Spielzeit gelingen könnte.

Doch es reichte wieder nicht. Immer, wenn das Team einen großen Schritt nach vorn hätte machen können, wurde es Opfer seiner Wankelmütigkeit – erinnert sei nur an die seltsame Heimniederlage Anfang März gegen den Abstiegskandidaten Fürth. Und an das Münster-Spiel: Die drei Punkte gegen den Tabellenletzten waren eigentlich eingetütet, sie hätten den Sprung auf Tabellenplatz zwei bedeutet. Dann aber kam dieser 25-Meter-Kracher von Münsters Jorrit Hendrix in der dritten Minute der Nachspielzeit zum 3:3.

Im Januar kam Jörg Schmadtke, nach 81 Tagen war schon alles vorbei

Apropos seltsame Saison, da war natürlich noch das Intermezzo mit Jörg Schmadtke. An Heiligabend wurde die Rückkehr des erfolgreichen Managers verkündet, nach zwölf Jahren in der Fremde (unter anderem beim FC Liverpool) ließ Schmadtke sich überreden, die Nachfolge von Marcus Mann anzutreten. Um sicherzustellen, dass diesmal auch wirklich nichts mehr dazwischenkommt beim Unterfangen Erstligaaufstieg.

Im Januar begann Schmadtke sein Werk, nach 81 Tagen war schon alles vorbei. Dem Vernehmen nach ging es um ein Kompetenzgerangel zwischen Schmadtke (geholt als Sportvorstand) und Gregor Baum (96-Mitgesellschafter). Die Kurzversion: Schmadtke war kein großer Fan von Christian Titz, Baum stellte sich aber vor den Trainer. Das Ergebnis: ein Streit in einer Stadionloge und eine womöglich leicht beschönigende Vereinsmitteilung, in der von einer einvernehmlichen Trennung die Rede war.

Schmadtkes Anteil an der Spielzeit der 96er ist damit eher klein. Wäre alles anders ausgegangen, wenn man Schmadtke hätte machen lassen, anstatt ihn einzubremsen? Reine Spekulation. Es bleibt nur das Gefühl, dass 96 aus seinen Möglichkeiten (Landeshauptstadt, WM-Stadion, großes Einzugsgebiet) mal wieder zu wenig gemacht hat. Und dass stattdessen nun Elversberg aufsteigt: keine Landeshauptstadt, kein WM-Stadion, überschaubares Einzugsgebiet.

Immerhin zwei Hannoveraner werden nächstes Jahr wohl in der Bundesliga auftreten: Kapitän Leopold (könnte nach Gladbach wechseln) und Noël Aséko, 20, die Leihgabe des FC Bayern. Der spielte als offensivstarker Sechser eine so gute Saison, dass die Münchner ihn zurückholen wollen, auf kuriose Weise: Erst zog 96 die Kaufoption für Aséko, dann aktivierten die Bayern ihre Rückkaufoption. Läuft alles gut, könnte er für die Profimannschaft eingeplant werden, nach dem Weggang von Leon Goretzka ist zumindest aktuell eine Planstelle im Mittelfeld frei.



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