Nachruf: Edmund Phelps hat erforscht, was heute ökonomischer Konsens ist

Edmund Phelps war ein Ökonom, der in keinem Lager heimisch war. Er folgte seinem eigenen intellektuellen Pfad, schrieb Kollege Olivier Blanchard. Er sei ein Gigant der Disziplin gewesen. Der mit dem Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geehrte Ökonom ist am Freitag im Alter von 92 Jahren gestorben.
Im Jahr 2006 erhielt Phelps den Nobel-Gedächtnispreis „für seine Analyse intertemporaler Zielkonflikte in der makroökonomischen Politik“. In den sechziger Jahren dachten viele Wirtschaftswissenschaftler – von John Maynard Keynes geprägt –, dass der Zielkonflikt zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation stabil sei. Nach dieser Auffassung konnten Politiker sich in gewisser Weile eine Kombination aus Inflation und Arbeitslosigkeit zusammenstellen, die ihnen politisch opportun erschien.
Phelps widerlegt Keynes
Phelps zeigte, dass die Vorstellung auf wackligen Füßen stand. Nach seiner Auffassung spielten die Erwartungen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber hinsichtlich künftiger Inflation eine Rolle. Steigert die US-Notenbank Federal Reserve die Geldmenge so stark, dass die Inflation die Erwartung von drei Prozent übersteigt und zum Beispiel auf fünf Prozent steigt, wirkt das zunächst wie ein Beschäftigungsprogramm. Die angebotenen Löhne liegen höher als erwartet. Arbeitslose halten sie für real höher und nehmen schneller eine Stelle an. Die Arbeitslosenquote sinkt. Jedoch hält der Effekt nicht an. Die Arbeitnehmer merken bald: Real verdienen sie nicht mehr, als sie dachten. Manche kündigen und suchen besser bezahlte Arbeit. Die Arbeitslosigkeit steigt wieder.
Phelps’ Schluss: Die Politik kann Arbeitslosigkeit nur vorübergehend drücken, wenn sie die Menschen mit unerwartet hoher Inflation überrascht. Dauerhaft gelingt das nicht. Langfristig gibt es keinen Tausch: mehr Inflation gegen weniger Arbeitslosigkeit. Das ist heute ökonomischer Konsens.
Der andere große Beitrag des Ökonomen handelte von der Kapitalbildung. Phelps fragte: Wie viel soll eine Volkswirtschaft sparen, damit die Menschen auf Dauer möglichst gut leben? Seine goldene Regel der Kapitalbildung besagt: Eine Gesellschaft sollte gerade so viel sparen und investieren, dass der Konsum pro Kopf langfristig am höchsten ist. Nicht zu wenig – sonst fehlt Kapital für Maschinen, Fabriken, Straßen, Bildung. Aber auch nicht zu viel – sonst verzichten die Menschen heute unnötig auf Konsum, ohne morgen genug dazuzugewinnen.
Der Staat sollte Menschen zur Vorsorge zwingen, fand Phelps
Kurz: Sparen ist kein Selbstzweck. Es dient dem künftigen Wohlstand. Später ging Phelps noch weiter. Er argumentierte, dass Menschen oft zu wenig sparten, weil sie die Interessen ihrer Kinder und Enkel zu gering gewichten. Deshalb könne der Staat sie zu mehr Vorsorge drängen. Phelps dachte Wachstum nicht nur als Frage von Kapital und Maschinen. Er fragte auch, wie heutige Entscheidungen das Leben künftiger Generationen prägen.
Phelps passt in keine politische Schublade. Europa war ihm zu träge; er forderte Deregulierung. Zugleich wollte er schlecht bezahlte Arbeit staatlich stützen. Mindestlöhne allerdings, so warnte er, verdrängten Menschen aus dem Arbeitsmarkt. Besser seien Lohnzuschüsse für einfache Jobs.
Auch sonst dachte Phelps gegen den Strom. In einem seiner bekannten Werke („Mass Flourishing: How Grassroots Innovation Created Jobs, Challenge, and Change“) pries er die dynamische, offene Wettbewerbswirtschaft. Sie nütze nicht nur Konsumenten, sondern auch Arbeiter und Unternehmer. Innovation lasse Menschen aufblühen. Dafür brauche es Freiheit – und Individualismus.
Schon 1968 verteidigte Phelps zudem Bevölkerungswachstum im Gegensatz zu den „Club of Rome“-Pessimisten mit einem einfachen Argument: Mehr Menschen bedeuteten mehr Ideen. Und Ideen ließen sich fast kostenlos weitergeben. Ohne das Wachstum der Menschheit, meinte er, wären wir ärmer. Vielleicht hätte es Mozart nie gegeben.
Für US-Präsident Trump hegte er keine Sympathien: Er verglich Trumps Praxis des „Einschüchterns“ und der Eingriffe in einzelne Unternehmen mit der korporatistischen Politik im faschistischen Italien und Deutschland der Dreißigerjahre. Das schaffe Unsicherheit für Handel und Investitionen, argumentierte er.
Phelps studierte am Amherst College und promovierte in Yale. Er lehrte in Yale, am MIT, in Pennsylvania, New York und seit 1971 an der Columbia University. Dort leitete er das „Center on Capitalism and Society.“
