Gas und Öl: Wird Norwegen zum Retter in der Energiekrise?
Gasimporte
Wird Norwegen zum Retter in der Energiekrise?
Gas und Öl werden infolge von Nahost-Krise und Russlands Krieg knapp in Europa. Der Rohstoffexporteur Norwegen will nun die eigene Produktion strecken. Dabei hat das Land selbst ganz andere Pläne
Anfang Mai hatte der norwegische Energiekonzern Equinor gute Nachrichten zu vermelden: Dass Eirin-Gasfeld in der Nordsee, etwa 250 Kilometer westlich von Stavanger, wurde in Betrieb genommen. Über zwei Plattformen soll jetzt Gas in die Europäische Union strömen, wo es in der aktuellen Energiekrise im Zuge des Nahost-Krieges dringend benötigt wird.
Allerdings: Das Eirin-Feld ist alles andere als neu. Die dort lagernden Reserven wurden bereits 1978 nachgewiesen, also vor fast 50 Jahren. Damals galt die Ausbeutung als unprofitabel. Erst 2023, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und dem weitgehenden Ende der europäischen Gasversorgung aus Russland, nahm Equinor das Projekt wieder auf.
Wichtigster Lieferant der EU
Ähnlich wie im Fall Eirin läuft es gerade überall in der norwegischen Gas- und Ölproduktion. „Norwegen versucht jetzt, wirklich die letzten Tropfen aus den existierenden Feldern herauszupressen“, sagt Tim Bjerkelund, Partner beim Energieberatungsunternehmen Rystad Energy mit Sitz in Oslo. Seit Russlands Krieg hat sich das Land in kürzester Zeit zum wichtigsten europäischen Gaslieferanten entwickelt. Etwa ein Drittel der Importe kommen inzwischen aus dem skandinavischen Land, ganz überwiegend über Pipelines. Für Deutschland ist die Bedeutung anteilig noch deutlich größer. „Die Pipeline-Infrastruktur, die Norwegen mit Deutschland, Großbritannien, Belgien, Frankreich und den Niederlanden verbindet, war selten so stark ausgelastet“, schreibt Jan Rosenow, Professor für Energie und Klimapolitik an der Universität Oxford.
In der aktuellen Versorgungskrise, in der Flüssiggas-Lieferungen aus Katar es nicht mehr durch die Straße von Hormus schaffen, ist das Gas aus Norwegen endgültig essenziell geworden.
Das Problem: Auch die norwegischen Reserven sind endlich. Wenn Mitarbeiter des norwegischen Energieministeriums die Lage schildern, dann zeigen sie in der Regel eine Grafik mit stetig abnehmenden Balken. Man sieht dann, dass die Produktion aus den erschlossenen Vorkommen um das Jahr 2026 herum ihren Höhepunkt erreicht, eine Weile auf gleichem Niveau bleibt und dann stark abfällt. Und derzeit geht es um die Frage, wie lange sich das strecken lässt.
„Plateau bis 2035“
„Wir arbeiten daran, das Plateau unserer Produktion von 2020 bis 2035 beizubehalten“, sagt Christian Becker, Senior Vice President für globale externe Analysen bei Equinor. „Um das zu erreichen, entstehen neue Bohrungen, wir erschließen Vorkommen in unmittelbarer Nähe zu existierenden Feldern und versuchen, bestehende Vorkommen wirtschaftlich rentabel zu machen.“ Equinor hat ähnlich wie andere Energieunternehmen des Landes eine führende Mitarbeiterin, die als „Senior Vice President für Spätphasenfelder“ firmiert.
Was bisher kein Thema ist, sind neue Projekte. „Die Ölunternehmen halten sich aktuell mit Investitionen zurück“, sagt Rystad-Manager Bjerkelund. „Die warten alle ab.“
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen weiß niemand, wie lange die Nahost-Krise dauern wird und wieviel Zeit die Märkte brauchen werden, um sich davon zu erholen. „Wir gehen aktuell von der Prämisse aus und hoffen darauf, dass es eine Lösung für diese Krise geben wird“, sagt Equinor-Manager Becker.
Darüber hinaus aber ist auch unklar, wie rasch sich die EU-Staaten und andere Industrieländer von fossilen Energieträgern verabschieden, auf Strom aus Wind und Sonne umsteigen und ihre Volkswirtschaften elektrifizieren. Womöglich, auch das ist eine Variable, beschleunigt sich dieser Prozess durch die Nahost-Krise nun noch.
Vorreiter der Energiewende
Das Kuriose dabei ist: Norwegen selbst ist ein entschiedener Vorreiter des Abschieds von der fossilen Energie, wenn nicht sogar der entschiedenste überhaupt. Im ersten Quartal 2026 hatten Elektroautos einen Anteil von 98 Prozent an den Neuzulassungen im Land. Zwei Drittel der norwegischen Haushalte werden mit Wärmepumpen beheizt.
Und der Strom, mit dem all diese Anwendungen betrieben werden, kommt fast ausschließlich aus erneuerbaren Energien, das meiste davon Wasserkraft. „Das ist kein Zufall der Geografie, so Oxford-Professor Rosenow. „Es ist das Ergebnis einer konsequenten, bewussten Politik.“
Während Norwegen also einiges tut, um seine Nachbarländer noch so lange wie möglich mit Öl und Gas zu versorgen, hat das Land diese Energieträger für sich selbst schon längst aussortiert. Die Frage, die die norwegischen Energiemanager und Wirtschaftspolitiker für sich beantworten müssen, lautet: Wie schnell werden andere Staaten dem Vorbild des Landes folgen?
