Kommission warnt vor wachsendem Judenhass
Der antisemitische Angriff auf eine Chanukka-Feier am Bondi Beach im australischen Sydney im Dezember 2025 ist nach den ersten Erkenntnissen einer australischen Untersuchungskommission nicht als isolierte Tat zu verstehen. Vielmehr steht er nach Einschätzung der Kommissionsvorsitzenden Virginia Bell im Zusammenhang mit einem deutlich gewachsenen Judenhass in Australien und anderen westlichen Ländern.
Dieser Anstieg habe einen „deutlichen Zusammenhang zu Ereignissen im Nahen Osten“, sagte Bell zu Beginn der ersten öffentlichen Anhörung der Kommission. Gemeint ist vor allem Israels Krieg im Gazastreifen, der durch den Angriff der radikalislamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ausgelöst worden war. Die Hamas wird von zahlreichen Staaten als Terrororganisation eingestuft. Seit vergangenem Oktober gilt eine fragile Waffenruhe.
Bell warnte in der live übertragenen Anhörung davor, „wie schnell solche Ereignisse zu hässlichen Ausbrüchen von Feindseligkeit gegenüber australischen Juden führen können, allein weil sie Juden sind“. Nach offiziellen Angaben gingen bei der Kommission tausende Eingaben zu den Folgen von Antisemitismus ein.
15 Tote bei Angriff am Bondi Beach
Der Angriff am 14. Dezember 2025 hatte Australien erschüttert. Zwei Männer, Vater und Sohn, schossen während einer Feier zum Chanukkafest am berühmten Bondi Beach in die Menge. 15 Menschen wurden getötet, dutzende weitere verletzt. Die Behörden stufen die Tat als antisemitischen Angriff ein und gehen davon aus, dass die Täter von der Ideologie der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) beeinflusst waren. Der 50-jährige Vater wurde von der Polizei erschossen, sein Sohn sitzt in Haft.
Premierminister Anthony Albanese hatte im Januar 2026 die „Königliche Kommission zu Antisemitismus und gesellschaftlichem Zusammenhalt“ eingesetzt. Sie soll die Umstände des islamistischen Terroranschlags untersuchen und zugleich die Entwicklung des Antisemitismus in Australien beleuchten.
Sicherheitsbedenken vor der Tat
Vertreter der jüdischen Gemeinde schilderten vor der Kommission eine Atmosphäre wachsender Bedrohung. Schon vor dem Anschlag hätten viele eine „Katastrophe“ kommen sehen. Laut einem Ende April veröffentlichten vorläufigen Bericht hatte die jüdische Sicherheitsorganisation Community Security die Polizei wenige Tage vor dem Angriff vor der Gefahr eines Terrorschlags gewarnt. Die Polizei habe der Gruppe demnach mitgeteilt, sie könne keine Beamten direkt zur Absicherung der Chanukka-Feierlichkeiten abstellen, aber mobile Streifen entsenden.
Die Zahlen, die jüdische Vertreter vorlegten, verdeutlichen die Zuspitzung: Im Jahr nach Beginn des Kriegs im Gazastreifen wurden in Australien 2062 antisemitische Vorfälle registriert. Dazu zählten Angriffe auf Synagogen und Geschäfte in Sydney und Melbourne.
Hass und Drohungen nach dem Anschlag
Besonders eindringlich waren die Aussagen von Angehörigen und Betroffenen. Sheina Gutnick, deren Vater Reuven Morrison am Bondi Beach getötet wurde, sagte, Antisemitismus sei nach Beginn des Kriegs im Gazastreifen 2023 „offen zutage“ getreten. Sie berichtete auch von Drohungen gegen sie selbst.
In Online-Kommentaren habe es geheißen, sie hätte ebenfalls getötet werden sollen oder Juden hätten den Anschlag inszeniert, um Aufmerksamkeit oder Mitleid zu erregen. Ihren Kindern wolle sie Stolz auf ihr jüdisches Erbe mitgeben, „ihnen aber gleichzeitig auch ein tiefes Bewusstsein dafür vermitteln, dass sie auf der Hut sein müssen“.
Erinnerungen an frühere Verfolgung
Der 86-jährige Peter Halasz, dessen Mutter 1944 in Ungarn von den Nazis erschossen worden war, zog eine persönliche historische Linie. „Ich habe miterlebt, was Hass mit Menschen anrichten kann“, sagte er. Was heute in Australien geschehe, sei kein schwaches Echo einer fernen Vergangenheit, sondern real und alarmierend. Er habe sich nicht vorstellen können, jemals wieder Angst davor zu haben, den Davidstern in der Öffentlichkeit zu tragen. Halasz war als Teenager vor kommunistisch geprägtem Antisemitismus aus Ungarn nach Australien geflohen.
Einige Zeugen sagten aus Sicherheitsgründen unter Pseudonym aus. Schon diese Vorsichtsmaßnahme unterstreicht, wie tief die Angst in Teilen der jüdischen Gemeinschaft inzwischen reicht.
pgr/fab/hf (afp, kna)
