Formel 1: Italienischer Ex-Rennfahrer Zanardi gestorben – Sport


In den vergangenen sechs Jahren war es ruhig um ihn geworden. Dabei passte Ruhe überhaupt nicht zu ihm. Es gab kaum einen Sportler, der seit seiner Karriere ähnlich umtriebig war, sich immer wieder neu ausprobierte und darüber ähnlich gut erzählen konnte, wie der 1966 in Bologna geborene Alessandro Zanardi, der stets nur „Alex“ gerufen wurde.

Zanardi war Rennfahrer. In der Region um seine Geburtsstadt gibt es viele, die sich dafür halten. Aber Zanardi konnte wirklich etwas. In einem italienischen Team zeigte er in der Nachwuchsserie Formel 3000 so viel, dass er sich 1991 in der Formel 1 versuchen durfte. Beim damals schillernden Jordan-Team debütierte er in jenem Jahr auf dem Circuit de Barcelona, später ging es im weniger glamourösen italienischen Team Minardi weiter.

1993 durfte Alex Zanardi sich eine ganze Saison lang im Lotus versuchen, doch der Erfolg war nicht berauschend – auch weil er auf der berüchtigten Strecke in Spa-Francorchamps in Belgien einen schweren Unfall erlitt. Es war der Beginn eines Musters: Schwere Unfälle sollten seine Karriere öfter in neue Bahnen lenken.

Zanardi wechselte in die USA, in die Cart-Serie, wo ebenfalls Autos mit frei stehenden Rädern fahren. 1996 wurde er Rookie of the Year, also bester Neueinsteiger. 1997 und 1998 gewann er die Meisterschaft.

Januar 1999: Alex Zanardi (links) posiert vor der Formel-1-Saison mit seinem Williams-Teamkollegen Ralf Schumacher.
Januar 1999: Alex Zanardi (links) posiert vor der Formel-1-Saison mit seinem Williams-Teamkollegen Ralf Schumacher. Cesar Rangel/AP

Weil ihm in den USA glückte, was ihm in der Formel 1 nicht gelungen war, glückte ihm daraufhin die Rückkehr in die Königsklasse des Motorsports: 1999 wurde er Teamkollege von Ralf Schumacher im Formel-1-Teams von Williams, das sich damals warmlief für die neue Partnerschaft mit BMW.

Ralf Schumacher punktete regelmäßig, Zanardi nie

Die Münchner Marke wollte als Motorenlieferant die Formel 1 aufmischen, Williams wollte zurück in die Erfolgsspur. Entsprechend hoch war der Druck. Der neun Jahre jüngere Ralf Schumacher punktete regelmäßig, Zanardi nie. Es war kein schönes Jahr für den Italiener. Danach hatte er erst einmal die Nase voll von dem Sport.

Doch Müßiggang war nichts für ihn. 2001 zog es ihn wieder in die USA, in die Champ-Car-Serie. Viel Glück hatte er dort zunächst nicht. Aber am 15. September, bei einem Gastrennen auf dem Lausitzring, mit dem die Serie in Europa für sich werben sollte, führte er kurz vor Schluss. Es sah nach einem Triumph aus. Doch dann ereignete sich eine Tragödie.

Nach seinem letzten Boxenstopp geriet Zanardis Rennwagen bei der Rückkehr auf den Grünstreifen, daraufhin ins Schleudern – und so quer auf die Rennstrecke, auf der ein anderer Alex gerade mit mehr als 300 km/h unterwegs war. Der Kanadier Alexandre Tagliani hatte keine Chance mehr auszuweichen. Im rechten Winkel traf er Zanardis Wagen und spaltete diesen. Es war ein wirklich fürchterlicher Crash.

15. September 2001: Bei einem Gastrennen der Champ-Car-Serie auf dem Lausitzring wird Alex Zanardis Honda-Reynard bei hoher Geschwindigkeit von einem Kollegen getroffen. 
15. September 2001: Bei einem Gastrennen der Champ-Car-Serie auf dem Lausitzring wird Alex Zanardis Honda-Reynard bei hoher Geschwindigkeit von einem Kollegen getroffen.  Matthias Hiekel/dpa

Zanardi wurden beide Beine abgerissen. Mit vielen langen Operationen retteten ihm die Ärzte das Leben. Ihm wurde so viel Blut zugeführt, dass er anschließend oft scherzte, er sei mehr als ein halber Deutscher.

Alex Zanardi hat gerne gescherzt. Seine Lebensfreude hat er nie verloren. 2003 kehrte er an den Lausitzring zurück und absolvierte in einem umgebauten Rennwagen die 13 Runden, die ihm zwei Jahre zuvor zum Sieg gefehlt hatten. Die Zuschauer erhoben sich von den Sitzen und applaudierten ihm. Aus den Boxen röhrte David Bowies „Heroes“. Wer dabei war, wird sich schwertun, es je zu vergessen.

Fortan war Alex Zanardi nicht nur Sportler. Er wurde auch zum Botschafter. Zu einem, der zeigen wollte, was geht. Trotz allem. Trotz des Verlustes seiner Beine.

BMW unterstützte ihn dabei. Von 2005 bis 2009 fuhr er für die Marke in der Tourenwagen-WM (und gewann im August 2009 in Oschersleben ein Rennen). 2015 nahm er zusammen mit Timo Glock und Bruno Spengler am 24-Stunden-Rennen in Spa-Francorchamps teil. Und auch einen – entsprechend angepassten – Formel-1-Wagen der Marke durfte er noch einmal zu Demonstrationszwecken pilotieren.

Seine Geschichte bewegte. Und er bewegte viel. Nicht nur Rennwagen. Bei den Paralympischen Spielen 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro gewann er in den Handbike-Rennen Medaillen. Er war Profi in dem Sport. Was er tat, das tat er konsequent.

Nach einem Unfall, bei dem er beide Beine verlor, war Zanardi als Handbiker erfolgreich.
Nach einem Unfall, bei dem er beide Beine verlor, war Zanardi als Handbiker erfolgreich. Mark J. Terrill/AP

Welche Träume er noch habe, wurde er einmal gefragt, als er schon länger 50 Jahre alt war. Seine Antwort: „Vielleicht der erste Mensch auf dem Mars zu sein. Irgendetwas Einfaches halt.“

Doch 2020 ereilte ihn auch beim Handbiken ein schwerer Unfall: Bei einem Benefizrennen in der Toskana verlor er die Kontrolle über sein Handbike und kollidierte mit einem Lastwagen. Er erlitt gravierende Kopfverletzungen und schwebte längere Zeit in Lebensgefahr. Seit dem Unfall lebte er abgeschirmt von der Öffentlichkeit im Kreise seiner Familie, die nun bekannt gab, Zanardi sei am Freitagabend plötzlich verstorben: „Alex ist friedlich eingeschlafen, umgeben von der Zuneigung seiner Angehörigen“, heißt es in ihrer Mitteilung.

Welche Figur er in seiner Heimat war, lässt sich daran ablesen, dass es nicht lange dauerte, bis sich Italiens Ministerpräsidentin zu Wort meldete. Giorgia Meloni würdigte Alex Zanardi als „außergewöhnlichen Menschen, der jede Prüfung des Lebens in eine Lektion in Mut, Stärke und Würde verwandeln konnte“: „Er hat uns Hoffnung, Stolz und die Kraft gegeben, niemals aufzugeben.“



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