Norwegens Staatsfonds: Was tun mit zwei Billionen Euro?
Für das Stelldichein der globalen Finanzelite zeigte sich Oslo am vergangenen Dienstag von seiner besten Seite. Die Morgensonne spiegelte sich im Fjord, die Frühlingsluft war frisch und klar, die Ahornbäume auf dem Platz vor der norwegischen Zentralbank trugen zartes Grün. An der Oberfläche war alles makellos wie im Nordeuropa-Prospekt.
Der norwegische Staatsfonds hatte eingeladen, mit einem Anlagevermögen von rund 2000 Milliarden Euro der größte Aktionär der Welt, und mehr als 250 Manager, Unternehmer, Börsenprofis waren gekommen. Die Chefs von Ikea und Ryanair, der Präsident der Weltbank, auch die Gründer der legendären Finanzfirmen Carlyle und Citadel waren dabei.
Und als Stargast kam Jamie Dimon von JP Morgan Chase, der größten Bank der USA. Dass selbst er Zeit für den Abstecher nach Oslo fand, lässt sich erklären. Der Staatsfonds hält ein Aktienpaket im Wert von rund zehn Milliarden Euro an JP Morgan. Die 40 Millionen Euro, die Jamie Dimon zuletzt als Gehalt bezog, sind dagegen Peanuts.
Auf ihren Fonds, das Sparschwein der Nation, gemästet mit den Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf, dürfen die Norweger stolz sein. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ist ein Land so klug mit Rohstoffreichtum umgegangen, noch dazu demokratisch legitimiert und mit einem hohen Grad an Transparenz.
In der Finanzszene geht sogar die Angst vor der Enteignung um
Statt die heimische Wirtschaft mit Geld zu überfluten, haben die Norweger konsequent und breit gestreut im Ausland investiert. Außerdem halten sie sich diszipliniert daran, höchstens drei Prozent des Marktwerts in den Staatshaushalt zu überweisen. Das machen die Anlagegewinne in den allermeisten Jahren locker wett.
Und schließlich ist den Norwegern auch noch das Kunststück gelungen, ihre eigenen moralischen Ansprüche mit der kalten Logik der internationalen Finanzmärkte zu versöhnen. Dafür haben sie ein unabhängiges Gremium ins Leben gerufen, auf dessen Empfehlung hin der Fonds die Aktien vieler Unternehmen abgestoßen hat, denen beispielsweise Kinderarbeit, Korruption oder grobe Umweltverschmutzung nachgewiesen wurden.
Kurzum: eine sagenhafte Erfolgsgeschichte, ein Lichtblick für den Kapitalismus, im Börsentrubel ein Hort der Verlässlichkeit und Ausgewogenheit, ein Vorbild für den Rest der Geld anlegenden Welt. Und wenn Öl und Gas teuer sind wie zurzeit, mögen andere Länder ächzen; in Norwegen klingeln die Kassen. Der Fonds, der rechnerisch jetzt schon mehr als 360.000 Euro für jeden Einwohner verwaltet, wird dadurch bloß noch größer.
Dumm nur, dass die Freude darüber seit Neuestem getrübt ist. Unter der Oberfläche hat das norwegische Modell Risse bekommen. Das hat mit der Weltpolitik zu tun und paradoxerweise auch damit, dass die Entwicklung des Fonds alle Erwartungen aus seiner Gründungszeit weit übertroffen hat. So kommt es, dass in Norwegen nun viel von dem infrage steht, was den Fonds bisher ausmachte.
Der Zwischenstand, knapp zusammengefasst: Der Ethikrat, der für Anstand und Moral sorgen sollte, ist bis auf Weiteres kaltgestellt. In der Politik sind die Begehrlichkeiten groß wie nie, künftig mehr Geld für gesellschaftliche Ziele, für gut gemeinte Wirtschaftsförderung oder schlicht zur Beglückung der Wähler auszugeben.
Der Aufstieg der amerikanischen Techkonzerne hat dazu geführt, dass sich ein bedenklicher Anteil des Fondsvermögens inzwischen auf wenige Posten konzentriert. Die beiden charismatischen Hauptpersonen des Fonds sind Zielscheiben der Kritik geworden. Und in der Osloer Finanzszene geht neuerdings die Angst um, dass fremde Mächte sich am norwegischen Reichtum vergreifen könnten.
Der Staatsfondschef erzählt erstmal einen Norweger-Witz
Auf der Bühne im Saal der Zentralbank wurde am Dienstag anderes verhandelt. Nicolai Tangen, der Chefverwalter des Staatsfonds, hatte für das Treffen der Hochkaräter die Leitfrage „What’s a winning culture?“ ausgegeben. Darauf gaben die von weither angereisten Gäste teils unterhaltsame, teils erwartbare Antworten.
Als in der Pause Obstspieße zu alkoholfreiem Kräutersekt gereicht wurden, ging es unter den norwegischen Teilnehmern umso lebhafter zur Sache. Einer der angesehensten Ökonomen des Landes etwa schimpfte, die regierenden Sozialdemokraten missbrauchten den Fonds schon heute, um populistisch Strom und Diesel zu subventionieren; als Nächstes drohten Eingriffe bei den Lebensmittelpreisen und schlimmstenfalls sogar bei den Zinsentscheidungen; der stetig steigende Marktwert habe die einst so strenge Dreiprozentgrenze zur Farce gemacht und erlaube immer wildere Kapriolen. So sei das alles nie gedacht gewesen.

Am Nebentisch wiederum knurrte ein Vorgänger Tangens als Fondschef, man dürfe sich nun keineswegs auf moralisch verbrämte Weltverbesserungsträume einlassen; Sicherheit sei das Gebot der Stunde, also gelte es mehr Geld als bisher in die Rüstungsbranche zu stecken und insgesamt fest an der Seite der mächtigen Vereinigten Staaten zu stehen.
Da hielt ein anderer erfahrener Vermögensverwalter frech dagegen: In den vergangenen 500 Jahren hätten vergleichbare Konstellationen früher oder später meistens zu einer wenigstens teilweisen Enteignung geführt. Auf nichts anderes laufe es für Norwegen hinaus, wenn einflussreiche Leute in Amerika nun mit dem Gedanken spielten, kürzer laufende Schuldpapiere in 100-jährige Staatsanleihen umzuwandeln.
Der Gastgeber Nicolai Tangen ließ sich von diesen Turbulenzen nichts anmerken. Er trat vielmehr aufgeräumt wie üblich auf. Tangen machte einen trockenen Witz: Der Ehrgeiz vieler Norweger erschöpfe sich darin, nach Feierabend auf ihren Langlaufskiern schneller in der Loipe zu sein als ihre Nachbarn. Das hätte in Deutschland vielleicht als Attacke auf den Teilzeit-Lifestyle für Wallung sorgen können. Das Publikum in Oslo nahm es wohlwollend auf und lachte.
Tangens Biographie ist ungewöhnlich. Bevor er die Stelle im norwegischen Staatsdienst übernahm, hat er als Hedgefonds-Gründer in London ein Vermögen gemacht, nebenher eine Kunstsammlung von Rang aufgebaut und eine Ausbildung zum Koch absolviert. Er ist ein begnadeter Netzwerker, ausländische Konferenzteilnehmer ließ er vor dem offiziellen Programm noch schnell zum „Schrei“ des Malers Edvard Munch ins Nationalmuseum führen. Und er weiß, wie ein Pokerface auszusehen hat.
Als sich der Fondschef am Tag vor der Konferenz den Fragen der F.A.S. stellte, lautete seine Botschaft jedenfalls: Business as usual. Draußen vor der Tür des Zentralbankgebäudes wurden für das bevorstehende Großereignis die Bürgersteige gekärchert. Drinnen quittierte Tangen die aktuelle Titelgeschichte aus Norwegens seriösester Wochenzeitung, die ihn als einen „KI-Verrückten“ mit übertriebenem Geltungsdrang bezeichnete, mithin als den rundweg falschen Mann für seine Position, nur mit einem ungerührten Blick. Ihm komme die öffentliche Debatte um seine Person und den Fonds derzeit geradewegs „windstill“ vor, sagte er dazu.
Warum der Ethikrat Knall auf Fall entmachtet wurde
Verglichen mit dem vergangenen Herbst, hat er damit sogar recht. Hier kommt Norwegens Finanzminister Jens Stoltenberg ins Spiel, der in dieser Geschichte die zweite Figur mit einer außergewöhnlichen Karriere ist. Er war Parteivorsitzender der Sozialdemokraten, norwegischer Ministerpräsident, dann NATO-Generalsekretär, bevor er zu einem unerwarteten Comeback als Minister nach Oslo zurückkehrte.
Neben ihm wirken die meisten anderen Politiker dort provinziell. Dass er ein paar Nummern zu groß für das kleine Land geworden ist, hat er mit dem Staatsfonds gemeinsam, dessen Aufsicht nun in sein Ressort fällt. Passenderweise war er sehr früh in seiner Laufbahn schon einmal sehr intensiv mit diesem Fonds beschäftigt – vor dreißig Jahren, als die ersten Richtlinien für dessen Auf- und Ausbau beschlossen wurden.

Diese doppelte Sonderstellung nutzte Stoltenberg im November zu einem nach norwegischem Maßstab revolutionären Schritt. Dazu muss man wissen, dass die Mehrheit der Norweger das Vorgehen Israels im Gazakrieg scharf verurteilt.
So kamen zuerst die Beteiligungen des Staatsfonds an israelischen Unternehmen in Verruf. Dann verkaufte der Fonds auch noch alle seine Aktien des amerikanischen Baumaschinenherstellers Caterpillar, weil der Ethikrat bemängelt hatte, dass Israels Armee dessen Planierwalzen völkerrechtswidrig im Gazastreifen einsetze.
Ein Politiker, der ein paar Nummern zu groß für sein Land geworden ist
Stoltenberg legte seine Autorität als krisengestählter früherer NATO-Chef in die Waagschale, entmachtete Knall auf Fall die Moralwächter und sagte seinen Landsleuten, dass es so nicht weitergehen dürfe. In einer kriegerischen Welt könnten sonst eines Tages auch große Software- und Chiphersteller wie Microsoft und Nvidia auf die Ausschlussliste geschrieben werden, argumentierte Stoltenberg, weil ihre Produkte militärisch genutzt werden können. Und dann stehe die gesamte Architektur des Fonds auf dem Spiel, was die Finanzierung des Sozialstaats und die Stabilität des Gemeinwesens in Gefahr bringe. Deshalb müssten neue Regeln her, die besser zur neuen geopolitischen Realität passten.
Die Ministerialbeamten und eine Expertenkommission arbeiten daran. Ein Entwurf soll im Herbst vorliegen.
Ein halbes Jahr nach Stoltenbergs Vorpreschen sagt die Völkerrechtlerin Cecilie Hellestveit, die Begründung für dessen rabiate Notfallmaßnahme sei an den Haaren herbeigezogen gewesen. Nie hätten die großen Techkonzerne zur Debatte gestanden, versichert sie.
Die Juristin, die dem fünfköpfigen Ethikrat des Fonds seit 2014 angehört hatte, trat nach dem Auftritt des Finanzministers im November umgehend zurück. Zur Nachlese empfängt sie nun in ihrem frisch bezogenen Büro in der Osloer Innenstadt. Sie deutet aus dem Hochhausfenster nach schräg unten. Dort steht die Zentralbank, wo Nicolai Tangen sein Büro hat: vier Etagen tiefer. Diese Spitze lässt sich Hellestveit nicht nehmen.
Dann teilt sie die bisherige Geschichte des Fonds in drei Phasen ein. Im ersten Jahrzehnt sei dessen Bedeutung noch so gering gewesen, dass die Norweger sich keine großen Gedanken über die Moral der Geldanlage gemacht hätten. Im zweiten Jahrzehnt, mit einem wachsenden Anlagevermögen, hätten die Abgeordneten darüber entschieden, ohne ausgefeilte Regeln. In der dritten Phase sei die Politik dagegen weitgehend außen vor geblieben. „Das hat sehr gut funktioniert“, sagt Hellestveit. „Aber es war ein System für eine friedliche Welt mit globaler Arbeitsteilung und intakten internationalen Institutionen.“
Vergangene Zeiten. Im vierten Jahrzehnt müssten die gewählten Politiker wohl oder übel wieder mehr Verantwortung für den Fonds übernehmen, sagt Hellestveit. Und die Norweger müssten sich deshalb intensiv darüber austauschen, wie ihr Staatsfonds künftig auftreten soll. Das habe sie mit ihrem Rücktritt deutlich machen wollen. „Ich bin überzeugt davon, dass kaum einer auf Anstand und Moral verzichten will.“ Dafür brauche es aber eine gesellschaftliche Debatte, keine Hinterzimmerlösungen.
Mette-Marit und der Staatsfonds: Verdirbt zu viel Geld den Charakter?
Vorerst sind viele Norweger verunsichert. Es handele sich angesichts der hohen Verschuldung in vielen anderen Staaten gewiss um ein Luxusproblem, räumt der Publizist Martin Bech Holte ein. Aber selbst märchenhafter Reichtum schütze nun mal nicht vor einer echten Identitätskrise.
Der Autor, dessen Buch „Das Land, das zu reich wurde“ 2025 ein Bestseller war, schlägt mühelos einen Bogen vom Staatsfonds zu jenen Gerichtsakten, die der norwegischen Kronprinzessin sowie einem früheren Regierungschef enge Beziehungen zum amerikanischen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein nachweisen. Sie ließen sich vom scheinbar sorgenlosen Jetset-Leben blenden. „Unser Selbstbild als moralisch überlegene Friedensnation ist ins Wanken geraten“, diagnostiziert Martin Bech Holte. „Daran ist das viele Geld schuld, für das bei uns keiner arbeiten oder Verantwortung tragen muss.“
Wie die Norweger aus diesem Schlamassel herausfinden, dürfte sich weit über die Landesgrenzen hinaus auswirken. Der Staatsfonds ist an mehr als 7000 Firmen in 60 Ländern beteiligt. Falls er künftig ein paar Prozent mehr in Staatspapiere investieren oder als Aktionär auf Hauptversammlungen anders abstimmen sollte als bisher, weil die norwegischen Abgeordneten es aus welchem Motiv auch immer heraus so beschließen, wird das Folgen in weiten Teilen der Welt haben.
Die Finanzpromis haben Oslo nach der Konferenz im Zentralbanksaal am Dienstag schnell wieder verlassen, im schönsten Abendsonnenschein. Das nächste Kapitel in dieser Geschichte werden sie deshalb verpassen. Es wird sich nur ein paar Straßenblöcke weiter abspielen. Kommende Woche muss Staatsfondschef Tangen im norwegischen Parlament zum Rapport antreten.
