Trump-Land ade: Wie USA-müde sind wir?
Natürlich sind sie nicht repräsentativ, aber Kommentare wie diese mehren sich in letzter Zeit auf den Social-Media-Accounts der DW, sobald es um die USA geht: „Sollte es uns wirklich interessieren, was in den USA passiert? (…) Bitte, DW, hört endlich auf mit dieser ständigen Fixierung auf alles Amerikanische“, oder „Es könnte nicht schaden, die ‚Amerika-Müdigkeit‘ anzusprechen, unter der die Europäer – oder, was soll’s, die ganze Welt – derzeit leiden.“
Die USA: Lange Zeit eine Verheißung
Amerika- oder präziser USA-Müdigkeit? Das war lange Zeit undenkbar. Die Vereinigten Staaten von Amerika und der American Way of Life, das waren Begriffe, die besonders für junge Menschen rund um den Globus eine Verheißung waren – jahrzehntelang.
Beispiel Deutschland: Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg merkten die Menschen in Westdeutschland schnell, dass ihre US-Besatzer nicht nur Kaugummis, Zigaretten und Schokolade verteilten, sondern ihre eigene, sehr reizvolle Kultur mitbrachten. Rock ’n‘ Roll, Jazz, Bluejeans und Coca-Cola prägten das Lebensgefühl einer ganzen Nachkriegsgeneration – mit den lässigen GIs als Vorbildern.
Hinzu kam die strukturelle Unterstützung der westlichen Siegermacht: Zur Stabilisierung von Wirtschaft und Demokratie half der US‑amerikanische Marshallplan 16 westeuropäischen Ländern beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.
Auch das besiegte Deutschland – genauer: die westlichen Besatzungszonen bzw. die spätere Bundesrepublik – erhielt erhebliche Hilfe und war nach Großbritannien, Frankreich und Italien der viertgrößte Empfänger. Der Marshallplan gilt als wichtige Starthilfe für das deutsche Wirtschaftswunder der 1950er- und 1960er‑Jahre – und zugleich als Impuls für den demokratischen Neubeginn nach dem Ende des Nationalsozialismus.
„Da haben die USA wirklich innovative Arbeit geleistet“, erklärt Frank Mehring, Professor für American Studies an der Radboud Universität Nijmegen. „Weil sie gemerkt haben, man kann auch mit Kultur Menschen überzeugen, das Richtige zu tun: Über Filme, Fotografie, Ausstellungen konnten sie eine Idee davon bekommen, dass sie sich nicht nur auf ihr eigenes Land konzentrieren, sondern ihre neue Rolle innerhalb Europas finden müssen. Und das war der Beginn für eine neue Perspektive auf die USA.“
1963 erreichte die pro-US-amerikanische Stimmung in Westdeutschland ihren Höhepunkt – nicht zuletzt dank des populären, jugendlichen US-Präsidenten John F. Kennedy. Dann kam der Vietnamkrieg und in folgenden Jahrzehnten genügend Anlässe für eine deutlich kritischere Sichtweise auf die Politik jenseits des Atlantiks.
Im Großen und Ganzen jedoch galten die USA gerade in weiten Teilen der Jugendkultur immer noch als cool, als das Land, aus dem die Trends kamen – dank unzähliger US-amerikanischer Serien und Filme, Pop- und Sportstars.
Zustand der US-Demokratie? Laut Umfragen schlecht
Doch zuletzt hat sich etwas verändert: Das Ansehen der USA hat ordentlich gelitten. Nicht nur in Deutschland, wo zwei Drittel die Vereinigten Staaten negativ sehen (Statista auf Basis aktueller Umfragen, 2025), sondern in vielen Ländern der Welt.
Laut Democracy Perception Index (DPI), der weltweit größten jährlichen Studie zur öffentlichen Meinung über den Zustand der Demokratie, hatten 2025 nur noch 45 Prozent der Befragten weltweit einen positiven Eindruck von den USA. Damit ist ihr Ansehen schlechter als das Chinas. 2024 waren es noch 76 Prozent gewesen.
Eine weitere DPI-Umfrage gibt einen Hinweis darauf, wer vor allem dahinter steckt: Präsident Donald Trump. 82 Prozent der befragten Länder bewerten ihn negativ – deutlich vor Russlands Präsident Putin (61 Prozent) und Chinas Staatspräsident Xi Jinping (44 Prozent). Damit ist er der am negativsten bewertete Staatschef weltweit.
Wohlgemerkt: Diese Umfragen bilden die Situation vor Ereignissen wie dem umstrittenen Vorgehen der ICE-Einwanderungsbehörde, den Begehrlichkeiten gegenüber Grönland und dem Angriff der USA auf den Iran ab.
Viele Eltern haben beim Thema USA derzeit „kein gutes Gefühl“
Reisen in die USA sind ebenfalls deutlich unbeliebter geworden, das zeigt sich beispielsweise bei der Zahl der deutschen Jugendlichen, die 2026/2027 für ein halbes oder ganzes Schuljahr ins Ausland gehen wollen.
Thomas Terbeck, Geschäftsführer des Bildungsberatungsdienstes „weltweiser“, betont im DW-Gespräch: „Die USA sind zwar immer noch Ziel Nummer eins.“ Doch auch wenn für das laufende und kommende Austauschjahr noch keine belastbaren Zahlen vorlägen: „Bei einem Branchentreffen im Januar haben fast alle der rund 45 anwesenden Oranisationen bestätigt, dass es weniger Bewerbungen gab.“
Die Jugendlichen wählen stattdessen andere englischprachige Länder, zuvorderst Kanada, oder bleiben gleich zu Hause. „Viele Eltern haben kein gutes Gefühl mehr beim Thema USA – vor allem wegen Trump.“
Eine Entwicklung, die USA-Experte Frank Mehring mit Sorge sieht: „Wenn man aus Angst nicht mehr in die USA reist, ist das ein Problem, denn Angst ist der größte Feind von Freiheit und Demokratie.“
Die Befürchtungen seien zudem oftmals überzogen und unbegründet, denn viele Menschen in den USA seien nach wie vor äußerst aktiv in der Protestbewegung, kämpften für Demokratie und seien sehr gut informiert.
„Ich will nichts schönreden“, stellt er klar: „Es gibt wirklich dramatische Veränderungen, viele Menschen dort – indigene Bevölkerungsgruppen, ethnische Minderheiten – leben in einer zum Teil wirklich gefährlichen Welt. Aber man darf sich trotzdem nicht abwenden und das Gefühl haben, die USA sind schon zur Hölle gefahren.“
Zwischen Faszination und Kritik
Stimmt es also mit der USA-Müdigkeit? Nein, glaubt Frank Mehring: „Die USA polarisieren, aber egal sind sie wenigen Menschen.“ Er verweist auf die Friedensbewegung, die im Protest gegen die Stationierung der atomar bestückten US-amerikanischen Pershing-II-Raketen Anfang der 80er-Jahre Millionen Deutsche mobilisierte.
„Damals sind die Menschen in Jeans auf die Straße gegangen und haben sich von Bob Dylans Songs und Woodstock inspirieren lassen, um ihren Widerstand zu formulieren. Mit den kulturellen Eigenheiten der USA hatten sie eine Sprache gefunden, um sich kritisch gegenüber den USA zu äußern.“ Die Faszination an der amerikanischen Kultur sei selbst in der stärksten Kritik nach wie vor noch erhalten geblieben.
Die Müdigkeit heute bezieht sich seines Erachtens vor allem auf Donald Trump und die mediale Fokussierung auf ihn. Deshalb könne sich schon bei der nächsten US-Präsidentenwahl alles wieder ändern: „Unter George W. Bush hat sich das USA-Bild auch deutlich verschlechtert – dann kam Barack Obama.“
