Videospiel „Saros“ im Test: Audienz beim König in Gelb
Nitya. Wo ist sie? Wann ist sie? Er hört ihr Flüstern aus der Ferne, nicht nur in seinen Träumen. Aber sind die Phasen des Wachseins nicht auch nur ein Traum? Wenn Arjun über den fremden Planeten Carcosa schwebt, Horden von Aliens niedermetzelt, wieder und wieder, nur um dann vor der entscheidenden Schlacht um die Rettung der verlorenen Nitya ganz zuverlässig im Hagel der bunt leuchtenden Projektile zusammenzubrechen?
Arjun ist tot, und er wird neu „geboren“ – wenn man das überhaupt so nennen kann, so wie sein toter Körper neu zusammenwächst und dabei langsam aus einer orangefarbenen Suppe herauskrabbelt. Er ist zurück auf dem Raumschiff, der Echelon IV. Wie viel Zeit ist vergangen? Und warum spielen die Crewmitglieder zunehmend verrückt? Einer redet zunehmend wirres Zeug vom „gelben Strand“ und malt die Wände mit abstrakten Gemälden voll, der andere widmet sich lieber seiner Pflanzenzucht als der offensichtlich prekären Lage auf Carcosa.
Der fremde Planet Carcosa ist der Protagonist
Arjun kann sich jetzt nicht darum kümmern. Er muss wieder raus an die Oberfläche und Nitya finden, bevor es zu spät ist. Sie kam mit einer früheren Expedition hierher und gilt seitdem als verschollen, genauso wie alle anderen, die sich bisher nach Carcosa gewagt haben.
Im Videospiel „Saros“, dem neuen Werk des finnischen Entwicklerstudios Housemarque, ist der fremde Planet der Protagonist. Mit jeder Sonnenfinsternis kriechen die Monster aus ihren Löchern, und Carcosa verschlingt sich selbst im gleißenden Höllenfeuer, bevor der Planet wiederaufersteht und ganze Landschaften neu zusammenwürfelt. In einem ähnlichen Kreislauf ist Arjun gefangen, immer wieder erkundet er Wüsten, Ruinen und futuristisch-tempelhafte Metallbauten, die sich auch H.P. Lovecraft oder H.R. Giger ausgedacht haben könnten, überlebensgroß und offensichtlich nicht für menschliche Zivilisationen gebaut.
Mit Lovecraft und Giger fängt es erst an
Im Science-Fiction- und Horrorgenre von Videospielen sind Lovecraft und Giger überstrapaziertes Material. Doch das ist erst der Anfang des intertextuellen Kreislaufs, in dem „Saros“ den Zyklus aus Werden und Vergehen der Figur Arjun sowie des fremden Planeten spiegelt. Überall auf Carcosa finden sich Verweise und Anspielungen, die sich fast beliebig zusammensetzen lassen, so wie der Spieler bei jedem neuen Versuch, Nitya zu finden, eine veränderte Landschaft vorfindet.
„Saros“ ist insgesamt etwas weniger frustrierend und konzentriert sich stärker auf seine Erzählung, aber auch hier wird man nicht mit langen Zwischensequenzen gequält. Das „Bullet-Ballett“, wie es in der Fachpresse häufig heißt, badet den Spieler in einem konstant dahinströmenden Fluss aus Action. Eine defensive Spielweise wird hart bestraft, mitunter stürzt man sich sogar mitten in den Kugelhagel und reißt im letzten Moment den Schild hoch, um die wertvolle Energiewaffe aufzuladen. Unter den Sonnenfinsternissen von Carcosa kämpft Arjun gegen Horden von biologischen und mechanischen Monstern und wird dabei immer stärker – aber auch aggressiver und wahnsinniger?
Was ist der „King in Yellow“?
In Audiologs (ein beliebtes Mittel, um Erzählfragmente einzustreuen), die überall auf Carcosa verstreut sind, erfährt man mehr über den Planeten, auf dem jeder Erkunder früher oder später den Verstand zu verlieren scheint. Wer George R. R. Martin gelesen oder die erste Staffel der HBO-Serie „True Detective“ gesehen hat, dem dürfte Carcosa bekannt vorkommen. Zum ersten Mal taucht der mysteriöse Ort in Ambrose Bierces Kurzgeschichte „Ein Bewohner von Carcosa“ von 1886 auf. Die Details variieren, aber allen Erwähnungen von Carcosa ist gemein, dass es sich um einen isolierten und gefährlichen Ort handeln muss, eine Variante der Robinsonade, nur mit weniger Hoffnung auf Rückkehr. Für Arjun kann man nur hoffen, dass Carcosa nicht auf die mysteriöse verlorene Stadt aus Bierces Kurzgeschichte verweist, sonst ist er vermutlich, Vorsicht Spoiler, längst tot und als ruheloser Geist unterwegs. Es würde einiges erklären, was in „Saros“ sonst unbegreiflich bleibt.

1895 taucht Carcosa dann wieder in den Kurzgeschichten von Robert W. Chambers auf, die er unter dem Buchtitel „The King in Yellow“ veröffentlicht hat. Bei Chambers ist der „King in Yellow“ ein verbotenes und verfluchtes Theaterstück, das den Leser vom zweiten Akt an wahnsinnig werden lässt. Auch „Saros“ ist in Akte unterteilt, und der übernatürliche gelbe König materialisiert sich als fleisch- oder besser: knochengewordener Albtraum. Mit seinen acht Armen sitzt er auf einem riesigen Thron unter der sterbenden Sonne am Strand und wartet auf jemanden, der ihm gewachsen ist. Dass der Trick, den „King in Yellow“ nicht zu zeigen oder unmittelbar auftreten zu lassen, um die Vorstellungskraft des Rezipienten herauszufordern, hier unterlaufen wird, ist bedauerlich, zeigt aber auch wie das Genre sich selbst begrenzt, indem es sich quasi zwingt, die Dinge visuell auszubuchstabieren. Denn zeigen muss ein Videospiel dieser Ausprägung sein einmal eingeführtes, zugrunde legendes Übel. So oder so: Am gelben König muss Arjun vorbei, wenn er Nitya endlich finden und retten will.
Der KI sind die Menschen ganz egal
Aber ist Nitya überhaupt real? Arjun begegnet flüsternden Hologrammen von der verlorenen Partnerin, oder sind es nur Trugbilder in seinem von den verheerenden Sonnenfinsternissen vernebelten Verstand? Und kommt das dem Science-Fiction-Fan nicht irgendwie ziemlich bekannt vor? In Stanisław Lems Roman „Solaris“ (lateinisch für: von der Sonne ausgehend) von 1961 begegnen die Crewmitglieder täuschend echten Kopien ihrer Angehörigen auf der Raumstation, die der fremde Planet für sie zu erschaffen scheint. Bevorzugt kramt er dabei in jenen Erinnerungen, die mit tiefer Reue verknüpft sind.
Auch Arjun hat seine unterdrückten Schuldgefühle vom Leben auf der Erde nach Carcosa mitgebracht, und er wird unzählige Tode unter dem brennenden Himmel sterben, bevor er sich endlich seinen Dämonen stellen kann.
Vielleicht ist das ganze Gerede um Schuld und Sühne und die Zukunft der Menschheit am Ende auch ganz egal. Zumindest wirkt es so, wenn man „Primary“ fragt. Die Künstliche Intelligenz auf der Echelon IV hat, genau wie der Soltari-Konzern, der die Expedition in Auftrag gegeben hat, ganz eigene Vorstellungen davon, worum es bei der Expedition auf Carcosa geht. Der wertvolle Rohstoff Lucenit, von dem Arjun möglichst viel zurück auf das Raumschiff bringen soll, erinnert bestimmt nicht zufällig an glänzende Goldmünzen und klimpert auch so schön, wenn der Spieler ihn einsammelt. Mit den Hosentaschen voller Lucenit lassen sich am Display von „Primary“ zahlreiche Verbesserungen kaufen, von stärkeren Waffen bis zu Gegnern, die beim Ableben noch mehr von dem klimpernden Lucenit fallen lassen. Im Gold- und Adrenalinrausch hat man irgendwann ganz vergessen, was man eigentlich auf Carcosa wollte, und gibt sich ganz dem wahnsinnigen Fluss der Aktion hin; ein Bad in rotierenden Farben, wachsenden Formen und Unmengen von Dopamin.
Saros ist für die Playstation 5 zu haben und kostet etwa 80 Euro.
