EZB Zinsentscheid: Lagarde deutet an, wann die Zinsen steigen
EZB-Zinsentscheid
Lagarde: „Wir werden die Inflation zähmen“
EZB-Präsidentin Lagarde hat die Märkte auf eine Zinserhöhung eingestimmt. Wann es dazu kommt, hängt vor allem an einem Ereignis
Der Ton für diese EZB-Pressekonferenz ist dieses Mal in Luxemburg statt in Frankfurt gesetzt worden. Dort hatte die europäische Statistikbehörde Eurostat am Donnerstagmorgen ihre Schnellschätzung für die Inflation im April veröffentlicht. Im Vergleich zum Vormonat stieg die Teuerung in der Eurozone um drei Prozent. Damit wurde das Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent deutlich überschritten. Bei diesem Wert sieht sie ihr Mandat der Preisstabilität erfüllt.
Auf der Zinsseite handelte die EZB nicht und hielt ihren Leitzins zunächst unverändert bei 2,0 Prozent. Gegen Preisdruck gehen stabilitätsorientierte Notenbanken typischerweise mit steigenden Zinsen vor, um die Konjunktur und damit insbesondere die Lohnentwicklung abzukühlen. Außerdem signalisiert die Notenbank damit, die Lage im Griff zu haben – also die „Inflationserwartungen zu verankern“, wie Volkswirte sagen.
Zinserhöhung bei nächster EZB-Sitzung?
Doch schon bald könnte die Notenbank handeln, glauben Analysten: „Lagardes Äußerungen auf der Pressekonferenz deuten darauf hin, dass eine Zinserhöhung im Juni näher gerückt ist“, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski.
„Wir werden die Inflation zähmen“, sagt Lagarde. Die EZB werde immer reagieren, um die Inflation auf den Wert von zwei Prozent zu bringen. Sie betonte, dass der vom Irankrieg ausgelöste Energiepreisschock das Risiko einer weiter steigenden Inflationsrate zur Folge habe.
Im Juni will Lagarde dann die neuen Prognosen ihres Stabes zu Inflation und Wachstum vorlegen. Während der Krieg die Inflation hochtreibe, wirke er dämpfend auf das Wirtschaftswachstum und somit auf den Arbeitsmarkt. „Die Arbeitskräftenachfrage hat sich weiter abgekühlt“, sagte sie. Umfragen bei Unternehmen in der Eurozone zeigten derzeit zudem wenig Bereitschaft zu Lohnerhöhungen, sodass sich bisher keine Zweitrundeneffekte erkennen ließen. Entscheidend sei aber die Entwicklung der Energiepreise in den nächsten Wochen. „Wir haben jetzt sechs Wochen Zeit, die Folgen des Konflikts zu bewerten“, sagte Lagarde.
„Falkenhaftes Stillhalten“
Einen starken Hinweis auf eine anstehende Zinserhöhung sieht Analyst Brzeski darin, dass Lagarde auf eine Diskussion im EZB-Rat über eine Zinserhöhung verwies, wenngleich die Entscheidung für unveränderte Zinsen ohne Gegenstimme gefallen sei. Somit habe sich die EZB hin zu einer strafferen Geldpolitik bewegt.
Von einem „falkenhaften Stillhalten“ sprach Blackrock-Volkswirtin Ann-Katrin Petersen. „Eine geldpolitische Richtungsänderung erfordert aus Sicht der EZB mehr Klarheit darüber, wie stark stagflationär der Nahostkonflikt wirkt, zumal die geopolitische Unsicherheit weiterhin hoch bleibt“, sagte sie. „Wir sehen nur begrenzten Spielraum für die Notenbank, über erhöhte Energiepreise und Angebotsstörungen hinwegzusehen.“
Wann die Zinsen steigen, darüber ist sich der Markt uneins. Die Terminsätze am Geldmarkt signalisieren eine Spaltung zwischen Juni und der darauffolgenden Sitzung am 23. Juli. Für Juni ist eine Anhebung um 18 Basispunkte eingepreist, für Juli von 38 Basispunkten. Für den 10. September hat sich der Geldmarkt dagegen festgelegt: Dann soll der Leitzins um 52 Basispunkte höher liegen, zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte gelten als gesetzt. Bis März 2027 würde der Leitzins dann auf 2,75 Prozent steigen und im Anschluss wieder leicht fallen.
Nach Einschätzung von Christian Schulz, Chefvolkswirt bei Allianz Global Investors, sind zuletzt die Risiken für das Wachstum stärker gestiegen als die Inflationsrisiken. „Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine etwaige Straffung im Jahr 2027 rückgängig gemacht wird, sobald der Inflationsschub nachlässt.“
Fed und Bank of England halten still
Vor der EZB hatten bereits die Notenbanken in den USA und im Vereinigten Königreich ihre Leitzinsen unverändert gelassen. Der US-Leitzins bleibt in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent, der britische bei 3,75 Prozent. Allerdings haben die beiden Notenbanken eine unterschiedliche Richtung der Geldpolitik signalisiert.
Die Bank of England (BoE) geht angesichts einer Inflationsrate von 3,3 Prozent ähnlich wie die EZB auf eine Zinserhöhung zu, während die Mehrheit im Offenmarktausschuss der Fed einen „Easing Bias“ verfolgt, also eine Tendenz zu einer Lockerung der Geldpolitik.
Voraussichtlich wird die Fed bei ihrer nächsten Sitzung bereits von Kevin Warsh geleitet. Dieses hatte sich zuletzt offen für eine Zinssenkung gezeigt bei gleichzeitigem Bilanzabbau. Allerdings hatten einige stimmberechtigte Ausschussmitglieder in dieser Woche für steigende Leitzinsen wegen des Inflationsdrucks gestimmt. Der US-Notenbank stehen somit möglicherweise harte interne Diskussionen bevor.
