Beratung aus Deutschland: Freie Fahrt für Handelsschiffe?
Viele Reedereien warten auf den Moment, wenn sich der Schiffsverkehr am Golf wieder normalisiert. Eine wichtige Rolle könnte dabei die sogenannte Marine-Schifffahrtsleitung der Bundeswehr übernehmen, die in einer Kaserne in Hamburg sitzt.
Wenn Fregattenkapitän Steffen Lange aus seinem Büro-Fenster blickt, schaut er auf Kasernen-Architektur. Und nicht auf die nahegelegene Elbe oder ein anderes Gewässer. Dennoch dürfte es in Deutschland nur wenige Menschen geben, die besser im Bilde darüber sind, was auf den Weltmeeren gerade vor sich geht. „Seit dem 28. Februar waren die Tage nicht langweilig“, gibt Lange offen zu.
Kein Wunder: Mit dem Tag des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran kam der Schiffsverkehr im Persischen Golf abrupt zum Erliegen. Anschließend betätigte sich das Regime in Teheran als eine Art „Schleusenwärter“ am Golf.
Hohes Risiko für Durchfahrt
Für den Leiter des Marinekommandos und sein Team bedeutete dies, deutschen Reedereien dringend davon abzuraten, eine Durchfahrt zu wagen. „Die Gefahr war so groß, dass man von Beschädigung oder Totalverlust ausgehen musste“, erläutert der Fregattenkapitän. Im schlimmsten Fall hätte man sogar mit Toten unter der Besatzung rechnen müssen.
In der Folge saßen 57 Schiffe von heute auf morgen fest. Sie fuhren zum Beispiel unter deutscher Flagge oder unterstanden einem deutschen Reeder oder Management unterstehen. An diesem Donnerstag waren es noch immer 41.
Nach anfänglichen Zweifeln, ob Iran eine der wichtigsten Wasserstraßen des Erdballs vermint hatte, weiß man heute: Im Persischen Golf befinden sich Seeminen. Diese Gefahr gilt es nun zu beseitigen. Gerade jetzt, wo das US-Iran-Abkommen Hoffnungen auf eine freie Passage weckt.
Normalisierung kann dauern
Die Marine-Schifffahrtsleitung berät von Hamburg aus. Sie ist eine Art Schnittstelle zwischen militärischer und ziviler Flotte – eben auch Reedereien. Im Moment wimmelt es rund um die Straße von Hormus nur so von Handelsschiffen. Etwa 3.000 seien es im Persischen Golf insgesamt, erklärt Fregattenkapitän Lange. Und von denen wollen mindestens 700 bis 800 am liebsten sofort ins offene Meer hinaus.
Dies ist eine Herausforderung. Wenn die Schleusen in Hormus – im übertragenen Sinn – wieder gänzlich offenstehen, müsse man es sich vorstellen wie eine Sektflasche, die unter Druck steht. „Man öffnet den Korken. Da will der Sekt aus diesem engen Flaschenhals. So kann man sich das auch am Persischen Golf vorstellen,“ so Lange. Dies zu koordinieren, sei extrem kompliziert, erklärt der Chef des Marinekommandos im Interview mit dem NDR-Podcast Streitkräfte und Strategien. Er und sein Team stünden für diese Aufgabe bereit.
Stichwort Sektkorken: Gut möglich, dass selbige bei den Reedereien erst einmal knallen, wenn die Straße von Hormus wieder gänzlich risikolos befahrbar ist. Doch selbst dann könne es vom Moment der Öffnung an noch drei Monate bis zu einem Jahr dauern, bis sich der Öl-, der Flüssiggas- und auch Düngemittel-Verkehr wieder auf Normalmaß bewegt, erläutert der Fregattenkapitän.
Waffenstillstand und Bundestagsmandat
Und dann ist da ja neben den vielen zivilen Fragen noch die militärische: Deutschland hatte angeboten, gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich zu helfen, die Straße von Hormus zu sichern. Ganz so weit ist es noch nicht: Bundesregierung und Generalinspekteur hatten hinlänglich klargestellt, dass dafür ein belastbarer Waffenstillstand und ein Bundestagsmandat nötig seien.
Das Minenjagdboot „Fulda“ auf dem Weg Richtung Rotes Meer (Archiv)
Doch eine schrittweise Annäherung an den Golf hat die Marine bereits vollzogen: Das Minenjagdboot Fulda und der Tender Mosel haben vom Mittelmeer aus gemeinsam mit einem britischen Versorgungsschiff bereits den Suezkanal in Richtung Rotes Meer passiert. Geplant ist, dass die deutschen Schiffe Kurs auf das ostafrikanische Dschibuti nehmen, um sich dort für einen möglichen Einsatz im Persischen Golf bereit zu halten.
Man wolle, „wenn es gefordert ist und Realität wird, schnell handlungsfähig und vor allen Dingen schnell dann in der Straße von Hormus sein“, sagte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius in Brüssel. Insgesamt haben die beiden Schiffe laut Bundeswehr 140 Soldaten an Bord. Die Hauptaufgabe am Golf dürfte darin bestehen, Minen zu räumen und Flagge zu zeigen.
Regenschirm oder Perlenkette?
Die Marineschifffahrtleitung jedenfalls ist in die Planung eingebunden. Ganz grundsätzlich gebe es unterschiedliche Möglichkeiten, Handelsschiffe militärisch abzusichern, erklärt Lange. Die einfachste Möglichkeit bestehe darin, „dass Seestreitkräfte im Gebiet mit ihrem Radarsystem eine Art Regenschirm aufspannen, unter dem sich die Handelsschiffe bewegen“.
Zweite Möglichkeit: Wie an einer Perlenkette fahren Handelsschiffe im Konvoi entlang einer sicheren Route und werden dabei von Kriegsschiffen eskortiert. Die höchste Sicherheit, die man bieten könne, sehe so aus, „dass ich ein Kriegsschiff einem Handelsschiff zur Seite stelle.“ Für diese Luxus-Lösung allerdings bräuchte es jede Menge militärischer Geleitschiffe. Über diese verfüge die deutsche Marine schlichtweg nicht, so Lange.
Außerdem hatte die Bundeswehr der NATO zugesagt, sich auf Nord- und Ostsee zu konzentrieren. Meere, in denen Russland schon heute mit seiner Schattenflotte und Störaktionen auffällt. Und jedes Schiff, das von dort nach Nahost abgezogen wird, reißt eine Lücke vor der eigenen Haustür.

