Streit um KI-Einsatz in deutschen Medien


„KI ist auch für unsere Redaktion ein Werkzeug, das uns hilft, einzelne redaktionelle Arbeitsschritte zu vereinfachen und auch zu verbessern. Sie ist aber definitiv kein Mittel, das den Kern unserer Arbeit übernehmen darf.“ Diese Sätze standen am Wochenende im Tagesspiegel.

„Ich habe einen Riesenfehler gemacht“

Im selben Text begründet die Chefredaktion eine drastische Entscheidung: Ihr bekanntester Kommentator darf „bis auf Weiteres“ nicht mehr für die 1946 in Berlin gegründete Zeitung schreiben: Stephan-Andreas Casdorff, ehemaliger Herausgeber und Chefredakteur des Blattes, hat Meinungstexte durch eine Künstliche Intelligenz verfassen lassen.

Der 67-Jährige ist sich der Dimension seines Fehltritts bewusst: „Ich habe einen Riesenfehler gemacht, habe dem Haus geschadet und mir. Dafür bitte ich von ganzem Herzen um Entschuldigung. Für die Texte habe ich KI genutzt. Das hätte ich kenntlich machen müssen und sie deswegen nicht publizieren dürfen.“

Ministerpräsident Mario Voigt im Zwielicht

Die Chefredaktion hat mehrere im Internet veröffentlichte Casdorff-Artikel von der Seite entfernt: „Wir haben uns entschieden, die entsprechenden Texte bis zum Abschluss der genauen Prüfung vorerst offline zu nehmen“, lautet die Begründung..    

Fake-Nachrichtenreporter — was ist noch wahr?

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Der Fall Casdorff hat in Deutschland eine teilweise hitzige Debatte über Künstliche Intelligenz im Journalismus zusätzlich befeuert. Wenige Tage vorher war bekannt geworden, dass ein als Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt gekennzeichneter Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ebenfalls mit Hilfe von KI kreiert worden war. Die FAZ hat davon ihren Angaben zufolge erst nachträglich erfahren.

„Es geht hier um den Kern von journalistischer Arbeit“

Die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Vera Katzenberger von der Universität Leipzig hält den Fall Casdorff für besonders gravierend: Er schlage so große Wellen, weil er das Vertrauen in den Journalismus erschüttere, schreibt die Juniorprofessorin für Digitalen Journalismus auf eine Anfrage der Deutschen Welle.

Vera Katzenberger, Junior-Professorin für Digital-Journalismus an der Universität Leipzig lächelt mit geöffnetem Mund. Ihre kurzen, brauen Haare sind leicht von rechts nach links gescheitelt. Unter einer dunklen Weste trägt sie eine helle Bluse und eine filigrane Kette mit einer kleinen Brosche.
Journalismus-Professorin Vera Katzenberger hält Meinungstexte, die mit KI geschrieben werden, für gefährlich Bild: Björn Seitz

„Es geht hier ja nicht um Unterstützung beim Brainstorming oder der Recherche, es geht hier um den Kern von journalistischer Arbeit“, betont Katzenberger. Leserinnen und Leser kauften oder abonnierten eine Zeitung auch wegen der Expertise oder den Perspektiven von bestimmten Autorinnen und Autoren. „Wenn dann Meinungstexte von KI generiert werden, ohne dass dieser Einsatz offengelegt wird, kann das Publikum das als Täuschung empfinden.“

Wenn KI die Meinungsbildung beeinflusst

Die Journalismus-Expertin findet Casdorffs KI-unterstützte Meinungstexte sogar gefährlich, denn Kommentare hätten in demokratischen Debatten eine ganz besondere Funktion: „Sie bieten uns Orientierung in einer immer komplexeren Welt und unterstützen uns bei unserer Meinungsbildung. Wenn Kommentare von der KI generiert werden, greift sie ganz direkt in die öffentliche Meinungsbildung ein.“

KI – Fluch oder Segen?

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Künstliche Intelligenz habe keine Werte, keine politische Haltung, kein Verantwortungsgefühl, ergänzt Katzenberger. Sie könne dem Fall aber auch Positives abgewinnen: „Er zeigt nämlich, dass Redaktionen ihre eigenen Richtlinien sehr ernst nehmen und Verstöße harte Konsequenzen haben.“

Casdorff hat gegen redaktionelle KI-Richtlinien verstoßen

Die Tagesspiegel-Chefredaktion begründete den zunächst vorläufigen Verzicht auf Texte von Casdorff mit dessen eindeutigem Verstoß gegen redaktionelle Richtlinien, die intern klar kommuniziert und für alle verbindlich seien. „Die journalistische Urteilsbildung, die Gewichtung von Informationen, die analytische Einordnung und die sprachliche Gestaltung müssen immer in der Verantwortung der Autorinnen und Autoren liegen.“

Stephan-Andreas Casdorff, Jahrgang 1959, steht mit gefalteten Händen vor einer blauen Wand und hält eine Rede. Seine blonden Haare sind von rechts nach links gescheitelt, seine Brille ist rahmenlos. Unter einem dunklen Jackett trägt Casdorff ein weißes Hemd und hellgraue Krawatte.
„Ich habe einen Riesenfehler gemacht“, bedauert Tagesspiegel-Autor Stephan-Andreas Casdorff die nicht gekennzeichnete Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) für mehrere seiner Texte Bild: Bernd Elmenthaler/Geisler-Fotopress/picture alliance

Den gleichen Anspruch hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die den offenbar von KI generierten Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten von ihrer Seite genommen hat. Aus Sicht der Medienwissenschaftlerin hat dieser Fall jedoch zwei Seiten: „Wer einen Text schreibt oder einen Gastbeitrag einreicht, sollte offenlegen, ob und wie KI eingesetzt wurde“, meint Katzenberger.

Springer-Chef Döpfner attackiert die FAZ

„Gleichzeitig dürfen Redaktionen sich nicht allein auf die Angaben der Autorinnen und Autoren verlassen.“ KI verändere die Arbeitsprozesse im Journalismus gerade grundlegend. Redaktionen müssten jetzt ihre Prüfmechanismen anpassen und klare Regeln etablieren: „Welche Formen der Unterstützung sind zulässig? Wann besteht Kennzeichnungspflicht? Welche Eigenleistung wird eigentlich erwartet?“ 

Nobelpreisträger Geoffrey Hinton warnt vor Gefahren durch KI

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In der deutschen Medienbranche gibt es aber auch Stimmen, die überhaupt kein Problem mit KI-gestützten Texten ohne entsprechende Kennzeichnung haben. Mathias Döpfner, Chef des einflussreichen Springer-Konzerns, kritisierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung wegen der Löschung des künstlich erstellen Gastbeitrags von Thüringens Ministerpräsident mit einem Mix aus Ironie und Sarkasmus.

Natürliche Intelligenz auf dem Rückzug?

Er beauftragte seiner Darstellung zufolge eine KI, die FAZ auf polemische Art und Weise ins Visier zu nehmen. Die künstliche Intelligenz wirft der Zeitung in Döpfners Namen vor, moderne Technologien abzulehnen. Demnach handelt es sich um den „verzweifelten Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten“. Die FAZ antwortete auf ihre Art ironisch: Döpfner komme „mit natürlicher Intelligenz offenbar nicht weiter“.

Springer-Chef Mathias Döpfner, Jahrgang 1963, stützt seinen Kopf mit der rechten Hand ab. Sein Gesichtsausdruck ist nachdenklich. Er hat volle, blondes Haar, das von links nach rechts gescheitelt ist. Er ist mit einem dunkelblauen Jackett und einem schwarzem Rollkragenpullover bekleidet.
Springer-Chef Mathias Döpfner hat grundsätzlich keine Probleme damit, wenn journalistische Texte mit Hilfe von KI entstehenBild: Peter Hartenfelser/IMAGO

Der Deutsche Presserat, die freiwillige Selbstkotrolle der Printmedien und deren Online-Portale, hat im Jahr 2024 seinen Pressekodex erweitert. Demnach liege die Verantwortung für alle redaktionellen Beiträge unabhängig von der Art und Weise der Erstellung uneingeschränkt bei den Redaktionen: „Diese Verantwortung gilt auch für künstlich generierte Inhalte.“

Deutscher Presserat gegen Kennzeichnungspflicht

Trotzdem hält der Presserat eine Kennzeichnungspflicht bei KI-generierten Texten für verzichtbar. Begründung: Für die ethische Bewertung von Beschwerden spiele es keine Rolle, wer mit welchen Hilfsmitteln einen Beitrag erstellt habe. Allerdings gibt es Fälle, die auch aus Sicht des Presserats schwerwiegende Verstöße gegen die Sorgfaltspflicht und Wahrhaftigkeit sein können.

Der fatale Erfolg viraler KI-Videos

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So wurde das Online-Portal Business Insider aus Döpfners Springer-Verlag im März öffentlich für den angeblichen Erfahrungsbericht einer Mutter mit Kleinkind im Home Office gerügt. Tatsächlich war der Text einer namentlich genannten Autorin von künstlicher Intelligenz erfunden worden. Die Redaktion löschte den Text nach der vom Presserat veröffentlichten Rüge.

Ersetzt KI menschliches Denken?

Die Leipziger Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Vera Katzenberger sieht unter dem Eindruck eklatanter Verstöße gegen redaktionelle KI-Richtlinien dringenden Handlungsbedarf. Für viele Journalistinnen und Journalisten sei die Benutzung von KI inzwischen so selbstverständlich wie eine Suchmaschine oder eine Rechtschreibprüfung. „Die Grenze zwischen zulässiger Unterstützung und kennzeichnungspflichtiger Autorenschaft von KI wird dadurch unscharf“, beschreibt sie gegenüber der DW ihre Wahrnehmung.

Besserung verspricht sich die Journalismus-Expertin von regelmäßigen Schulungen und offenen Diskussionen über Grenzfälle beim KI-Einsatz. Ihren Studierenden an der Uni Leipzig rät Katzenberger, KI als Werkzeug zu verstehen und nicht als Ersatz für ihre eigenen journalistischen Fähigkeiten. „Denn es besteht immer auch die Gefahr, dass der eigene Kompetenzgewinn auf der Strecke bleibt, wenn KI die eigene Denkarbeit übernimmt.“

„KI ist gekommen, um zu bleiben“

Medien empfiehlt die Digital-Expertin, offen und transparent mit Fehlern umzugehen: „Vertrauen entsteht und schwindet nicht wegen eines einzelnen Vorfalls.“ Und es lasse sich nicht dadurch zurückgewinnen, dass Redaktionen jetzt komplett auf KI verzichten. Das wäre illusorisch. „KI ist gekommen, um zu bleiben.“



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