Spanien bei der WM 2026: Der Europameister spielt 0:0 gegen die Kapverden – Sport


Die ringförmige Anzeigetafel in der Arena von Atlanta hat die Größe von 16 Tennisplätzen, sie ist gut 17 Meter hoch und verläuft über eine Länge von 327 Metern um die Dachöffnung des Stadions. Mit 5754,76 Quadratmetern hielt sie mal den Weltrekord für das größte Stadion-Scoreboard der Welt (ehe in Los Angeles ein noch viel größeres gebaut wurde). Als dort am Montagmittag, vor dem Anpfiff der Partie zwischen Spanien und den Kapverden, der spanische Linksverteidiger Marc Cucurella eingeblendet wurde, hallten tatsächlich Pfiffe durch die Arena. Nanu?

Hatten sich etwa ein paar deutsche Fußballfans nach Atlanta verirrt, die Cucurella immer noch sein Handspiel aus dem EM-Viertelfinale 2024 in Stuttgart gegen die DFB-Elf nachtragen? Eher waren die Pfiffe wohl die Reaktion einiger Barcelona-Anhänger auf den Rängen, die es missbilligen, dass der Mann mit den auffälligen Locken, ausgebildet in der Nachwuchsakademie des katalanischen Klubs, nun vom FC Chelsea zu Barças Erzrivalen Real Madrid weiterziehen wird.

Den größten Auftritt ihres Lebens hatten auf dem sogenannten „Halo Board“ von Atlanta dann auch Männer wie Dailon Rocha Livramento do Rosario, 25, vom portugiesischen Klub Casa Pia oder Roberto Carlos Lopes, 33, von den irischen Shamrock Rovers. Angekündigt wie Superstars, mit 17-Meter-Porträts. Für die WM-Neulinge von den Kapverden war das Spiel auf dem Rasen dann ebenfalls das Größte, was sie in ihrer Fußballgeschichte bisher erlebt haben. Und für die Spanier? Nun, für sie waren die Kapverden so etwas wie Curaçao am Vortag in Houston für die Deutschen: eine einigermaßen exotische Truppe von Inselkickern, die man besser mit ein paar Toren Abstand weghauen sollte, will man sich nicht schon zu diesem frühen Zeitpunkt die ersten Debatten ins WM-Quartier holen.

Als die beiden Teams nach der ersten Halbzeit mit einem Spielstand von 0:0 auseinandergingen, sah es nicht so aus, als sollte das den Spaniern gelingen. Und als nach 90 Minuten plus Nachspielzeit immer noch keine Tore gefallen waren, da bedeutete das für die Spanier einen unerwarteten WM-Fehlstart – und für die Kapverdier eine Sensation.

Was die Spanier aus diesem Auftakt mitnehmen: Wer, um Himmels willen, soll bei ihnen die Tore schießen?

Ein paar mehr Unsicherheiten als gewünscht hatten die Spanier ohnehin begleitet in dieses Turnier. Angefangen bei der Frage, in welchem Zustand die jungen Flügelstürmer Lamine Yamal und Nico Williams sind, die vor zwei Jahren noch maßgeblich zum Gewinn des EM-Titels beigetragen hatten. Williams hatte die Saison bei Athletic Bilbao im Mai vorzeitig wegen einer Muskelverletzung beendet; der immer noch erst 18 Jahre alte Yamal hatte sich beim FC Barcelona Ende April am Oberschenkel verletzt und war erst kürzlich beim spanischen Team ins Training zurückgekehrt. Beide saßen zunächst auf der Bank, „bereit, ein paar Minuten zu spielen“, wie Coach Luis de la Fuente angekündigt hatte. Beide spielten am Ende ein paar Minuten.

Auch, wer bei den Spaniern im Tor steht bei dieser WM, hatte De la Fuente lange offengelassen. Einfach derselbe wie immer – Unai Simon nämlich, 29, ebenfalls aus Bilbao? Oder müsste es nicht der 30-jährige David Raya sein, gerade englischer Meister geworden und bis ins Champions-League-Finale vorgedrungen mit dem FC Arsenal? Die Antwort: Vorerst hält der Coach weiter seinem Stammkeeper die Treue, und die Partie gab keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Das zu erwarten, hätte dann doch geheißen, die Kapverden, den nach Einwohnern drittkleinsten WM-Teilnehmer der Geschichte, zu überschätzen.

Über einen beachtlichen Torwart verfügen aber auch die Kapverden. Er heißt Vozinha, ist mit 40 Jahren genauso alt wie Manuel Neuer und mithin im allerbesten Torhüteralter. Er spielt für GD Chaves in der zweiten portugiesischen Liga, und anders als Simon war er hin und wieder beschäftigt in dieser Partie. Vozinha lenkte Bälle über die Latte, etwa nach einem Kopfball aus nächster Nähe von Oyarzabal (39. Minute), er war mit Paraden zur Stelle, etwa bei einem Abschluss von Ferran Torres (45.). Und als er nach 60 Minuten den Ball lässig nach einer Ecke aus der Luft pflückte, signalisierte Vozinha seinen Mitspielern, sie sollten sich schnell nach vorn bewegen. Konter! Hier geht was!

Sonst läuft er in Portugals zweiter Liga auf: Vozinha nach dem Schlusspfiff mit der Flagge seines Heimatlandes.
Sonst läuft er in Portugals zweiter Liga auf: Vozinha nach dem Schlusspfiff mit der Flagge seines Heimatlandes. Buda Mendes/Getty Images via AFP

Das war das eigentlich Frappierende: dass die als Titelfavorit angereisten Spanier Vozinha zu diesem Zeitpunkt nicht schon ein halbes Dutzend Mal bezwungen hatten. Was zu der überwölbenden Frage führt, die die Spanier nun mitnehmen in ihr Quartier in Chattanooga, Tennessee: Wer, um Himmels willen, soll bei ihnen in den kommenden Wochen die Tore schießen?

Ferran Torres, Pedri und Gavi (alle Barça) passten sich vorne locker und meist ohne allzu viel Raumgewinn die Bälle zu, den Mittelstürmer Mikel Oyarzabal (San Sebastián) erreichten sie dabei nur selten. In der 67. Minute begannen die Leute zu pfeifen, man fragte sich: Warum erst jetzt? Kurz darauf brachte De la Fuente dann Lamine Yamal, er wurde gefeiert wie der Erlöser. Und tatsächlich, nun wurde zur großen Schlussattacke geblasen. Von den Kapverdiern. Sie feierten noch unter dem „Halo Board“, als die Spanier längst in den Katakomben verschwunden waren.



Source link

Ähnliche Beiträge