„Timmy“ wieder auf offener See


An diesem Mittwoch fand in der Ostsee-Bucht vor der Stadt Wismar in Mecklenburg-Vorpommern  ein Drama sein vorläufiges Ende, dass Politiker, Tierschützer und vor allem die Medien in Deutschland wochenlang in Atem hielt: Der Buckelwal „Timmy“ wurde in einer spektakulären Rettungsaktion in einen Frachtkran gehievt und so aufs offene Meer gebracht. Wenn alles gutgeht, bis in die Nordsee. Schon am Mittwoch erreichte der offenbar extrem geschwächte Meeressäuger dänische Gewässer.

Damit endete nach langen Wochen ein ständiges Hin-und Her rund um die Frage, wie dem gestrandeten Wal am besten geholfen werden könnte – und ob das überhaupt sinnvoll sei. Am Ende bedankte sich Till Backhaus (SPD), Umweltminister in Mecklenburg-Vorpommern, bei allen Beteiligten, vor allem bei dem Team einer privaten Rettungsaktion, die es schaffte, den entkräfteten Wal zurück ins Meer zu bringen: „Wir haben es hier mit einer Ausnahmesituation zu tun, die in dieser Form weltweit kaum vergleichbar ist.“

Wochenlang lag der Wal vor Wismar fest

Über Wochen waren selbsternannte Walforscher und Experten, Umweltschützer und Zaungäste in Wismar vorstellig geworden. Im Zentrum stand „Timmy“, der nach langen Wochen der erschöpften Pause im seichten Ostsee-Wasser nun vielleicht eine letzte Überlebenschance hat. Begonnen hatte die Geschichte um das zur Zeit bekannteste deutsche Tier Anfang März.

Am 3. März 2026 hatte der Angriff der USA und Israels auf den Iran erst ein paar Tage zuvor begonnen. Es gab zunächst nur kleinere Auswirkungen auf die weltweiten Finanzmärkte und auf die Benzinpreise, anders als in den Wochen danach. Deutschland blickte gespannt auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, die am 8. März überraschend der Grünen-Politiker Cem Özdemir gewann.

An diesem 3. März wurde vor der Ostsee-Küste in Mecklenburg-Vorpommern erstmals der Buckelwal gesichtet, der später unter dem Namen „Timmy“ bekannt wurde. Meldungen über Versuche, ihn zu retten, verdrängten viele der harten Nachrichten aus den Schlagzeilen.

Das Bild zeigt den Buckelwal "Timmy" in einer Luftaufnahme nur wenige Meter vor einer Landzunge in Timmendorfer Strand an der Ostseeküste
Viel zu nah an der Küste, im flachen Wasser der Ostsee: „Timmy“ vor Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein (23. März)Bild: René Schröder/NEWS5/dpa/picture alliance

Vom Wismar nach Timmendorfer Strand

In den sozialen Medien, im Fernsehen, im Radio und in Zeitungsartikeln begleiteten Millionen Deutsche Berichte über das Tier, das von der Bucht vor Wismar zunächst Richtung Westen bis vor die Küste Schleswig-Holsteins schwamm.

Dort wurde der Wal vor dem bekannten Badeort Timmendorfer Strand von Touristen entdeckt, strandete auf einer Sandbank, schaffte es, sich zu befreien und schwamm schließlich wieder nach Osten, wieder vor die Bucht vor Wismar, vor die dort liegende Insel Poel.

Ein Bürgermeister freut sich über die guten Neuigkeiten

Noch in Timmendorfer Strand bestand kurzfristig die Hoffnung, das befreite Tier würde den Weg in die offene See finden. Der Timmendorfer Bürgermeister, Sven Partheil-Böhnke, freute sich öffentlich.

Er suchte eine Verbindung vom befreiten Wal zu beunruhigenden weltweiten Meldungen: „Das, glaube ich, brauchen wir alle nach den schrecklichen Nachrichten der letzten Monate, nach Kriegen und Krisen. Das ist eine gute Nachricht und alleine das ist schon ein Grund, sich zu freuen.“

Wale stranden immer wieder in der seichten, salzarmen Ostsee

Seit seiner Rückkehr in die Bucht vor Schwerin lag der Wal dort im seichten Wasser aber offenbar im Sterben. Alle Rettungsversuche wurden eingestellt. Der Wal schien orientierungslos, seine Haut war stark geschädigt.

Der Salzgehalt in der Ostsee ist wesentlich niedriger als in der Nordsee und im Atlantik, wo Buckelwale normalerweise leben. Das schwächt die Haut der Wale. Experten vermuten, dass sich Buckelwale in die Ostsee verirren, wenn sie Fischschwärmen folgen. Die Ostsee ist mit durchschnittlich 52 Metern Tiefe ein extrem flaches Meer.

Das Bild zeigt zahlreiche Menschen, die dicht an dicht auf der Seebrücke von Wismar stehen und auf die Bucht blicken
Massenandrang wegen „Timmy“ auf der Seebrücke in Wismar Ende März: Das Schicksal des Wals ging vielen Deutschen naheBild: Bodo Marks/dpa/picture alliance

40.000 Euro Kosten allein in Schleswig-Holstein

Schon am Timmendorfer Strand hatten Helfer und Umweltschützer viel unternommen, um sich um das entkräftete Tier zu kümmern. Experten hatten mit Schiffsbaggern Rinnen in die Bucht  getrieben, damit sich das Tier aus seiner misslichen Lage nach der Strandung befreien konnte und wieder schwimmfähig wurde. Tatsächlich kehrte das Tier wieder in die Bucht vor Wismar zurück. Zwischendurch meldeten die Behörden in Timmendorfer Strand, die Kosten der versuchten Rettungsaktion betrügen zusammen rund 40.000 Euro.

Vor Wismar kümmerte sich dann der Umweltminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, persönlich um die Rettung, neben Mitarbeitern der Feuerwehr, der Wasserschutzpolizei und vielen Anwohnern.

Mal gelang es, „Timmy“, wie das Tier mittlerweile in den Medien genannt wurde, sich freizuschwimmen. Dann strandete er wieder auf Sandbänken. Zwischendurch wurde er untersucht, begutachtet und vermessen.

Wal offenbar von Schiffsschrauben verletzt

Minister Backhaus selbst verkündete das Ergebnis: „Er ist 12,35 Meter lang, 3,20 Meter breit und 1,60 Meter hoch.“ Timmy wurde mit Wasser besprenkelt, der Bereich im Meer um ihn herum wurde abgesperrt. Am Ende wurde überlegt, einen Spezial-Katamaran aus Dänemark anzufordern, der den kranken Wal aufnehmen und zurück in die Nordsee transportieren sollte.

Doch am 7. April entschieden alle Beteiligten: Dazu ist der Wal zu schwach. Bei Untersuchungen seien Verletzungen festgestellt worden, vermutlich von Schiffsschrauben. In seinem Maul fanden sich Reste eines Fischernetzes. Von Stunde zu Stunde ging es dem Tier schlechter. Aber der Wal hielt durch. 

Das Bild zeigt Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) , er steht vor mehreren Mikrofonen und spricht über den gestrandeten Buckelwal "Timmy"
Am 7. April gibt Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) bekannt: Alle Rettungsbemühungen für den Wal werden beendetBild: Philip Dulian/dpa/picture alliance

Warum der Wal die Deutschen anrührt

Der Wal und die Deutschen: eine Liebesbeziehung auf Zeit. Der Biologe Christoph Bautz schrieb auf der Plattform Bluesky: „Man stelle sich die Nachricht vor: Regierung prüft Rettung von havarierten Boot mit Flüchtlingen im Mittelmeer mit Katamaran. 20 Kamerateams vor Ort, ständige Liveschalten, die halbe Nation fiebert mit. Aber nein, das passiert nur, wenn ein Wal havariert. Krass.“

Der deutsche Schriftsteller Frank Schätzing fasste das Phänomen  in einem Artikel für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zusammen: „Der Wal wird zum Lichtwesen, zum Erlöser. Für Momente rettet er, selbst rettungsbedürftig, uns aus Überforderung und Ohnmacht, treten Iran, Ukraine, Rezession, Flüchtlinge, Klimawandel in den Hintergrund, wird die Welt eine bessere, wann immer er es schafft, sich aus dem Schlick zu wühlen.“

Vielleicht, so Schätzing weiter, spiele auch das Gefühl eine Rolle, dass es die Menschen selbst sind, die Tieren wie den großen Walarten weltweit das Leben schwer machen. Dabei haben sich die Populationen der Buckelwale längst erholt. Die Art, viele Jahrzehnte lang intensiv bejagt, steht seit 1966 weltweit unter Schutz. Nach Angaben der Weltnaturschutz-Union leben derzeit in den Meeren wieder rund 60.000 Buckelwale.

Doch noch eine letzte Rettungsaktion

Als sich alle schon damit abgefunden hatten, dass dem Tier wohl nicht mehr zu helfen sei, meldete sich eine weitere private Initative mit einem letzten Rettungsplan, der bisher aufzugehen scheint. Wie es „Timmy“ dann in der Nordsee ergehen wird (sollte er es bis dahin schaffen), ist aber unklar.

Was wird aus „Timmy“? Sein Schicksal war ein Riesen-Thema in der sozialen Netzwerken, brachte Umweltschützer, Behörden und selbsternannte Retter gegeneinander auf. Seriöse Meeresforscher geben dem offenbar entkräfteten Tier kaum eine Überlebenschance, aber im Fall von Timmy ging es stets um Emotionen, nicht um wissenschaftliche Fakten. Die Privat-Aktion will das Tier jetzt so weit wie möglich mit Booten begleiten. Ausgang offen.



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