DFB-Team bei Fußball-WM 2026: Nagelsmann und der Glaube an die gemeinsame Geschichte
Was braucht es, damit die Spieler in den höchsten Höhen des Fußballs, in denen das Ich immer wichtiger wird, über sich hinauswachsen und zu einer Mannschaft werden? Fragt man den Trainer in Deutschland, der in dieser Saison schon ein solches Wir geschaffen hat, antwortet er: eine gemeinsame Geschichte.
Wenn man die Erzählung verstehen will, die die Protagonisten des deutschen Fußballnationalteams vor, aber vor allem auch nach dem ersten
Spiel der Weltmeisterschaft, nach dem 7:1 gegen Curaçao, verbreitet haben, wenn man die Möglichkeiten, aber vor allem auch die Grenzen erkennen will, dann sollte man davor kurz an die Erzählung des FC Bayern München erinnern.
Als der Trainer Vincent Kompany im vergangenen Dezember im Stadion in München saß und darüber sprach, was sein Team beim FC Bayern eigentlich besonders mache, erzählte er von einem Feuer. In seiner ersten Saison, sagte er, sei es „die Geschichte von Harry Kane und Eric Dier“ gewesen, die dieses Feuer im Team entfacht habe, weil sich auf einmal alle dafür verantwortlich gefühlt hätten, dass sowohl der Angreifer Kane als auch der Verteidiger Dier mit damals 31 Jahren endlich den ersten Titel ihrer Karriere gewinnen.
In seiner zweiten Saison sei das dann „die Geschichte von Itō, Phonzie und Jamal“ gewesen, also die von Hiroki Itō, Alphonso Davies und von Jamal Musiala, von Spielern, die Verletzungen erlitten hatten, die vor den Augen ihrer Mitspieler hingefallen und wieder aufgestanden waren. Klar, man konnte und kann das für Kitsch halten, für den Trick eines Trainers, der das Spiel mit den Medien vielleicht besser verstanden hat als alle anderen. Aber aus Kompanys Erzählung lässt sich schon auch eine Lektion ziehen: dass es auf den Erzähler ankommt.
Als Julian Nagelsmann am Sonntag im Stadion in Houston sitzt und darüber spricht, was sein Team besonders macht, erzählt er die Geschichte von Antonio Rüdiger und Waldemar Anton. Und von den vielen Geschichten, die er in seinen fast 1000 Tagen als Bundestrainer erzählt hat, ist das eine der besseren.
Im ersten deutschen WM-Spiel hat Nagelsmann davor die Innenverteidiger Rüdiger und Anton erst in der zweiten Halbzeit eingewechselt. Doch die Geschichte, die er nun erzählt, hat sich schon in der 38. Minute zugetragen, als der Innenverteidiger Nico Schlotterbeck den Ball zum 2:1 für Deutschland ins Tor geköpft hat. Das war ein wichtiges Tor, weil es zu diesem Zeitpunkt 1:1 stand zwischen der Nummer neun und der Nummer 82 der Weltrangliste. Was aus der Sicht der Bundestrainers fast genauso wichtig war: wie die Bankspieler Rüdiger und Anton auf dieses Tor reagiert haben.
In der Pressekonferenz sagt er: „Wie sie zu ihm hingehen, wie sie ihn pushen, obwohl er irgendwie auch der Konkurrent ist. Das ist das Entscheidende, finde ich. Dass sie einen sehr guten Geist miteinander haben und gerne zusammen Fußball spielen. Das ist der Schlüssel. Das Wichtigste ist, dass wir das beibehalten.“
Mit Kompanys Worten könnte man das auch so sagen: In diesem Moment erzählt Julian Nagelsmann von einem Feuer, das entfacht worden ist.
Am Sonntag ist dieses Feuer dann Tor für Tor für Tor etwas größer geworden. Mit dem 1:0 von Felix Nmecha. Mit dem 2:1 von Nico Schlotterbeck. Mit dem 3:1 von Kai Havertz (Strafstoß). Mit dem 4:1 von Jamal Musiala. Mit dem 5:1 von Nathaniel Brown. Mit dem 6:1 von Deniz Undav. Mit dem 7:1 von Havertz. Das sind alles Spieler mit eigenen Geschichten in der Nationalelf. Und vielleicht steckt in dieser Vielfalt die gemeinsame Geschichte dieses deutschen Teams: dass diese vielen kleinen in diesem Turnier zu einer großen werden.
Als Julian Nagelsmann im Stadion in Houston auf dem Pressepodium sitzt, steht Manuel Neuer ein paar Gänge weiter auf einem Pressepodest und verbindet die alten Geschichten mit den neuen. Der deutsche Torhüter erzählt von der WM 2014, von dem ersten Gruppenspiel gegen Portugal, mit dem er damals auch „nicht so 100 Prozent“ zufrieden gewesen sei, weil „sehr viel für uns gelaufen“ sei, etwa die Rote Karte gegen Pepe, den wichtigsten Abwehrspieler der Portugiesen. Und auch wenn Neuer, der letzte Weltmeister im Team, sagt, dass er 2026 nicht mit 2014 vergleichen wolle, dass ein 7:1 gegen Curaçao kein 7:1 gegen Brasilien sei, sprudeln die Komplimente aus ihm heraus.
„Ich glaube“, sagt er, „dass wir alle Möglichkeiten haben mit dieser Mannschaft, dass die Mannschaft sehr viel Energie mitbringt, dass wir einen gewissen Zusammenhalt haben, den man auch für dieses Turnier braucht. Und dass man, wenn man ein paar Rückschläge hat, die zusammen als Mannschaft wegstecken muss. Dafür haben wir die richtigen Charaktere.“
Es kommt auf den Erzähler an. Und im Stadion in Houston erzählt Neuer das erste Mal, seit er von Nagelsmann wieder zur Nummer eins der Nationalelf gemacht worden ist. Er sagt, wie „unglaublich stolz“ und „überglücklich“ er darüber sei, er sagt sogar, dass er dieses Turnier so angehe und sich darüber freue, „als ob es die erste WM wäre“. Würde das ein Neuer, ein Weltmeister, erzählen, der nicht an die gemeinsame Geschichte glaubt?

Es sind nicht nur Nagelsmann und Neuer, die diese Erzählung verbreiten, es ist auch Joshua Kimmich, der Kapitän. Er hat das schon lange vor dem ersten WM-Spiel immer wieder gemacht, etwa in einem Interview mit „Sports Illustrated“, in dem er ausführlich darüber spricht, wie sich seit dem Vorrundenaus in Qatar vor allem die Stimmung im Nationalteam verändert habe.
Er sagt: „Wir hatten einige schwierige Jahre, was natürlich auch damit zusammenhing, dass wir nicht erfolgreich waren. In den vergangenen Monaten haben wir zwar nicht die Sterne vom Himmel gespielt, aber trotzdem fühlt es sich anders an.“ Inwiefern? „Du sitzt in der Kabine, und da ist ein Team. Früher hatte ich in manchen Phasen das Gefühl, dass der eine oder andere zur Nationalmannschaft fährt und es ihm nur um ihn selbst geht. Im Moment empfinde ich es so, dass es jedem Einzelnen wirklich wichtig ist, dass wir als Team erfolgreich sind.“
Doch sosehr man in dieser ersten Woche in den USA das Miteinander im Nationalteam spürt, die Lust, zusammen etwas zu erreichen, so sehr sollte man sich auch fragen, ob die Geschichte der Gemeinschaft auch deswegen so gerne erzählt wird, weil es keine andere Geschichte des Fortschritts zu erzählen gibt? Seit der vergangenen Europameisterschaft, seit dem verlorenen Viertelfinale gegen Spanien, hat sich die Nationalelf spielerisch wenig weiterentwickelt. Und wer weiß, wie die Stimmung nach dem ersten WM-Spiel gewesen wäre, wenn der erste Gegner in der Gruppe statt Curaçao die Elfenbeinküste oder Ecuador gewesen wäre?
Weil der Gegner aber Curaçao war, können die Deutschen sich mit einem guten Gefühl auf die kommenden Spiele vorbereiten. Der FC Bayern hat unter Vincent Kompany gezeigt, wie weit man kommen kann, wenn alle einer Idee folgen, wenn die Spieler zu einer Mannschaft werden. Nein, die Bundes- kann in einem Sommer keine Bayernmannschaft werden. Aber nach zwei Saisons in München lässt sich noch eine andere Lektion ziehen, die auch in Amerika gelten dürfte: Eine gemeinsame Geschichte, egal, wie gut sie ist, wird für den ganz großen Erfolg nicht reichen.
