Hof mit Robotern und Geschäftsideen: Bio-Bäuerin aus Nidderau gewinnt Preis
In Jeans und T-Shirt steht Katja Jost am Eingang einer Maschinenhalle, hinter ihr parken ein mächtiger Traktor und Lastwagen. Neben dem Bau am Ortsrand von Ostheim, einem Stadtteil von Nidderau, grasen Rinder, Charolais heißt die Rasse. Neben der Weide wächst Mais auf einem Acker, gut 20 Kilometer nordöstlich von Frankfurt in der Wetterau, der Kornkammer Hessens. Was man sieht, das ist nur ein Teil des Hofs: 130 Hektar, davon 16 Hektar Grünland, gehören zum Betrieb, den die 41 Jahre alte Landwirtin 2024 von ihrem Vater übernommen hat.
Was man erst einmal nicht sieht: Jost hat den Betrieb von der konventionellen Landwirtschaft umgestellt, mit der nächsten Aussaat ist der Übergang erledigt. Damit erfüllt Jost die Vorgaben für ökologischen Landbau des Naturland-Verbands. Die Transition ist ihr im Wortsinn ausgezeichnet gelungen: Sie ist eine der Trägerinnen des Preises „Gemeinsam Boden gut machen“, der vom Naturschutzbund Nabu und dem Biolebensmittelhandels-Unternehmen Alnatura vergeben wird.
Vier Generationen auf einem Hof
Landwirtschaft ist bei Jost Familiensache. Ihr 45 Jahre alter Mann Christoph betreibt seinen Bio-Hof im nahen Eichen, ihr Sohn Nils absolviert eine Lehre, Tochter Naja mit Ausrichtung Landwirtschaft die Fachoberschule in Gießen. Und auch nach der Übergabe an Katja ist ihr Vater Klaus Mehrling noch mit dabei, auch die Großmütter helfen. Dass sie Bäuerin werde, das sei für sie schon als Kind selbstverständlich gewesen: „Etwas anderes wollte ich nie werden.“ Genauso stand für Jost fest, dass sie naturnah und nachhaltig wirtschaften wird. Sie wolle ihren Kindern, so heißt es in ihrem Bewerbungsschreiben für den Preis, „eines Tages einen gesunden, zukunftsfähigen Betrieb übergeben“.
Wer bei einem Bio-Bauernhof an Gesundheitslatschen, Sensen und Sicheln denkt, der liegt bei den Josts falsch. Katja und Christoph sind hochqualifizierte Spezialisten. Er ist Landwirtschaftsmeister, sie Diplom-Ingenieurin, die in Bingen Agrarwirtschaft studiert hat. Auch der Fuhrpark ist nichts für Nostalgiker. Zu ihm gehört zum Beispiel ein Agrarroboter, der wie ein selbstfahrendes Solarpanel aussieht. Der „Farmdroid“ sät aus und hält dann auf den Äckern das Unkraut nieder, schneller und genauer als von Menschenhand. Statt 150 Mannstunden für einen Hektar bearbeitet das Gerät die Fläche in etwa zwölf Stunden. „Nimmt man dann die Lohnkosten“, sagt Christoph, „dann ist das ein reines Rechenexempel“, dann werden die 100.000 Euro für die Maschine zum gut angelegten Geld, ebenso wie die knapp 40.000 Euro für einen neuen Grubber.

Dass Unkraut nicht mit Chemie bekämpft wird, sondern zum Beispiel mechanisch wie mit dem Roboter, das ist eine der zahlreichen Vorgaben der Naturland-Zertifzierung. Zur Richtlinie gehören auch Details zur Fruchtfolge, Saatgut und der Düngung: Mineralische Dünger sind verboten, sie müssen durch organische ersetzt werden. Die beziehen die Josts zum Beispiel über sogenannte Futter-Mist-Kooperationen: Sie bringen ihre Ernte zum Beispiel zu Bio-Viehbetrieben, im Gegenzug bekommen sie den Kot der Tiere als Dünger.
Dass Katja Jost derzeit nur Tierfutter produziert, ist ebenfalls eine Konsequenz der Umstellung: Um den Bio-Ansprüchen zu genügen, ist eine zweijährige Übergangsphase vorgeschrieben, bis die Reste zum Beispiel von Mineraldüngern und Pestiziden abgebaut sind. Dann erst dürfen Weizen, Gerste, Sojabohne oder Mais zu Bio-Lebensmitteln verarbeitet werden, mit der nächsten Aussaat ist es bei den Josts so weit, zuvor gibt es die letzte „Umstellungsernte“. Bis die Böden tatsächlich zum Beispiel mikrobiologisch wieder im Lot sind, dauere es fünf bis sieben Jahre, sagen sie.
Die Umstrukturierung von Katja Josts Betrieb verlief dank der Erfahrungen mit Christophs Hof vergleichsweise reibungslos. Damals aber habe man eine Unmenge an Fragen mit dem Naturland-Berater und anderen Bio-Bauern zu klären gehabt, „dagegen war das jetzt eine reine Formsache“. Sie haben sich auf die Bedingungen der biologischen Landwirtschaft eingestellt, die immer noch die Ausnahme in der Branche ist. Mit der Konsequenz, dass die Zahl der Betriebe, die ihre Produkte verarbeiten, noch gering und der Weg zu ihnen weit ist: „Mein Vater fährt gerne Lkw“, erzählt Katja. Das ist gut so: Hafer in den Schwarzwald, andere Fracht an die Grenze zu Frankreich oder in die Lüneburger Heide. Daher auch der eigene Lastwagen, dadurch sind die Josts nicht auf Spediteure angewiesen.
Es gibt noch andere Besonderheiten beim Bio-Anbau. Zum Beispiel müssen so produzierte Zuckerrüben als erste Charge der Erntezeit in den Zuckerfabriken weiterverarbeitet werden. Denn dann sind die Anlagen noch sauber, die Ware kann sich also nicht mit konventionell erzeugten Pflanzen vermischen – und dann wäre es mit der Bioqualität vorbei. Also müssen die Jostschen Rüben zwei bis drei Monate früher geerntet werden, das geht von der Reifezeit ab. Ohnehin muss sich ein Bio-Bauer auf geringere Erträge einstellen. Rechne man über alle angebauten Pflanzen hinweg, dann komme man in etwa auf zwei Drittel des Ertrags der konventionell arbeitenden Kollegen, sagt Jost.
Zukunftspläne mit Raps und Hirse
Für den mit bis zu 40.000 Euro dotierten Förderpreis von Nabu und Alnatura wollte sich Katja Jost eigentlich gar nicht bewerben, der Naturland-Berater musste sie überreden. Dann aber sammelte sie für ihre Bewerbung eine ganze Menge von Argumenten für ihren Betrieb, die sie bei der Umstellung eigentlich gar nicht beachtet hatte. Das beginnt schon bei der Mahd der Wiesen und des Kleegrases: Bevor die beginnt, werden die Flächen mit Drohnen überflogen, damit später keine Rehkitze niedergemäht werden.
Es geht weiter mit den Solaranlagen auf den Betriebsgebäuden mit einer Spitzenleistung von 65 Kilowatt-Peak, Grasstreifen an Feldern und Äckern und insektenfreundlichen Saatmischungen beim Zwischenfruchtanbau. Außerdem engagiert sie sich im Verein Rinderhirten, der sich für eine tiergerechte Weidewirtschaft einsetzt. Ihr Mann hält 30 Charolais-Rinder, allerdings weniger aus wirtschaftlichen Gründen. Mit milder Ironie spricht er von einer „Hobby-Rindermast“. Die Milchwirtschaft hat er bei der Übernahme seines Hofs eingestellt, „lohnt sich nicht mehr“.
Die nächsten Schritte für ihren Hof hat Katja Jost schon im Blick. Erst einmal müssen Lagerkapazitäten für die Ernte aufgebaut werden, die sind nach der Schließung eines Standorts für Bio-Betriebe in der Region knapp geworden. Außerdem will sie ihre Anbaupalette erweitern, unter anderem sollen Hirse, Mohn und Raps dazukommen. Schließlich plant sie den Bau einer Trocknungsanlage, in der zum Beispiel Quinoa, Mais und Soja behandelt werden können. Das will sie als Dienstleistung dann auch ihren Bio-Kollegen anbieten. Über die fernere Zukunft und die spätere Betriebsnachfolge dagegen muss sich die Landwirtin keine Gedanken machen. Während sie durch den Betrieb führt, stellt ihre Tochter einen Traktor, eine mächtige Maschine von Deutz-Fahr, auf einen anderen Platz. Für die Sechzehnjährige eine Selbstverständlichkeit.
Nabu und Alnatura: Initiative für Bio-Landwirtschaft
Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hilft Landwirten mit Unterstützung von Unternehmen wie der Darmstädter Biohandelskette Alnatura seit 2015 dabei, ihre Betriebe auf Biolandwirtschaft umzustellen oder Flächen, die bereits ökologisch bewirtschaftet werden, zu erweitern. Alnatura-Chef Götz Rehn war seinerzeit Mitinitiator. Das Programm soll einen Beitrag zur Verbesserung von Klima und Böden und zum Artenschutz leisten. „Viele Höfe würden gern umstellen, stehen aber unter wirtschaftlichem Druck oder kämpfen mit steigenden Pachtpreisen“, sagt Rehn. Gleichzeitig wachse die Nachfrage nach Biolebensmitteln stetig. Wichtig sei, dass die Höfe – sie müssen einem Anbauverband wie Bioland oder Demeter angehören – langfristig erfolgreich wirtschaften könnten. Seit Beginn des Förderprogramms „Gemeinsam Boden gut machen“, dessen Preisträger am vergangenen Wochenende in Berlin ausgezeichnet worden sind, wurden laut Alnatura 144 Höfe mit Flächen von insgesamt 22.000 Hektar unterstützt. Die Förderung kann je nach Vorhaben bis zu 40.000 Euro je Betrieb betragen. Das Geld soll helfen, die zweijährige Umstellungsphase von konventionell auf bio zu überbrücken. Es kann auch für den Kauf von Geräten eingesetzt werden, die ressourcenschonend arbeiten. Kunden von Alnatura unterstützen das Programm, wenn sie Produkte erwerben, bei denen ein Cent des Preises in die Förderung fließt. Die Produkte sind entsprechend gekennzeichnet. Der Rewe-Konzern kam später als Sponsor hinzu, auch Stiftungen gehören zu den Geldgebern. Alnatura finanziert zudem seit drei Jahren einen Lehrstuhl für den Studiengang „Agrar- und Ernährungskultur nachhaltig gestalten“. (hoff.)
