Wie die Bewohner der Krim auf die Benzinkrise reagieren
Regelmäßige Angriffe auf die Verkehrsinfrastruktur in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine beeinträchtigen die Versorgungswege auf die annektierte Krim erheblich. Jüngst griff die ukrainische Armee Brücken zur Krim im russisch besetzten Teil der Region Cherson an. Russische Spediteure lehnen inzwischen aufgrund der Sicherheitsrisiken ab, in Richtung Krim zu fahren. Dies hat zu Treibstoffknappheit auf der Halbinsel geführt. Schon seit Ende Mai werden vorrangig der öffentliche Nahverkehr und die städtischen Verkehrsbetriebe mit Benzin versorgt.
Lange Wartezeiten an den Tankstellen
Um in Sewastopol an Tankstellen der Ketten TES und Atan Benzin zu bekommen, braucht man seit Anfang Juni einen QR-Code. Er berechtigt zum Kauf von bis zu 20 Litern Kraftstoff. Diesen Code kann man über einen speziellen Bot in der russischen Messaging-App Max erhalten – allerdings höchstens einmal pro Woche. Auch in anderen Teilen der annektierten Krim gelten derzeit Beschränkungen beim Verkauf von Benzin an Privatkunden.
Diese Maßnahme sorgt bei den Bewohnern der Krim für Unmut. Eine Frau kritisiert in einer Videobotschaft, dass neue QR-Codes erst spät abends verfügbar seien . „Warum muss ich bis nach der Arbeit warten? Manche Leute versuchen stundenlang, einen Code zu bekommen, und erst dann können sie tanken.“ Sie beklagt, dass sie aufgrund der Treibstoffknappheit gezwungen sei, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, und dass der öffentliche Nahverkehr bei Luftalarm oft nicht fahre. Sie habe bereits ihre Sachen gepackt und plane, mit ihren Kindern die Krim zu verlassen, um auf dem Festland die schlimmste Phase der Krise abzuwarten.
Laut DW-Quellen auf der Krim ist die aktuelle Lage beispiellos. „Man muss jetzt sechs bis acht, manchmal sogar zehn Stunden an einer Tankstelle anstehen“, sagt ein Bewohner von Simferopol. Zudem mache sich die Befürchtung breit, die Treibstoffknappheit könnte zu Problemen mit der Lebensmittelversorgung führen. In den ersten Tagen nach Einführung der Beschränkungen gab es Berichte in den sozialen Medien über leere Supermarktregale, doch die Anwohner führen dies hauptsächlich auf Panik- und Hamsterkäufe zurück. „Jetzt ist alles wieder normal“, heißt es in Online-Foren.
Verkauf von Treibstoff auf dem Schwarzmarkt
Die Menschen auf der Krim haben unterdessen Gruppen in sozialen Medien eingerichtet, um Informationen über geöffnete Tankstellen und die Verfügbarkeit von Benzin auszutauschen. Die DW entdeckte zwei solcher Gruppen: einen Telegram-Chat mit rund 30.000 Mitgliedern und eine VKontakte-Gruppe mit etwa 7000 Nutzern. Die Diskussionen in diesen Gruppen drehen sich hauptsächlich darum, wo man tanken kann, wie lange die Wartezeiten sind und ob Benzin überhaupt vorhanden ist. Politische Themen werden kaum angesprochen, und Kritik an der regionalen Führung findet selten statt.
Bis vor kurzem wurden in diesen Gruppen regelmäßig Anzeigen über den Verkauf von Kraftstoff und Gutscheinen veröffentlicht – in den letzten Tagen ist ihre Zahl jedoch merklich zurückgegangen. Ein Mitglied des Telegram-Chats, das zuvor Benzin angeboten hatte, berichtet, dass es einer Gruppe von Fahrern gelungen sei, etwa eine Tonne Kraftstoff auf die Halbinsel zu bringen. Sie hatten das Benzin, noch bevor sie die Krimbrücke vom russischen Festland aus überquerten, auf mehrere Fahrzeuge aufgeteilt. Derzeit gilt die Bestimmung, dass maximal 100 Liter Benzin pro Fahrzeug für den Transport über die Brücke erlaubt sind.
Auf dem Schwarzmarkt wird der Kraftstoff laut DW-Quellen zum Zwei- bis Dreifachen des offiziellen Preises verkauft. Die Menschen tauschen in den Chats auch Informationen über Tankstellen aus, an denen Benzin angeblich noch gegen Bargeld erhältlich ist. „Es gibt Tankstellen, die Bargeld akzeptieren, aber sie sind rar gesät“, so ein Chat-Teilnehmer.
Wie reagieren Touristen auf den Treibstoffmangel?
Aufgrund der Treibstoffengpässe sind die Buchungen von Touristen auf der Halbinsel um 30 bis 50 Prozent zurückgegangen, schreibt die Zeitung Kommersant unter Berufung auf Daten des Hotelbuchungssystems Travelline. Laut dem Bericht weichen Urlauber auf andere Reiseziele an der russischen Schwarzmeerküste aus. Auch neue Einschränkungen im Bahnverkehr erschweren die Lage. So verkehren Fernzüge nachts nicht mehr auf der Krim.
Touristen berichteten der DW über Schwierigkeiten – sowohl was die Fortbewegung auf der Halbinsel als auch die Abreise angeht. „Wir stehen vor einer Tankstelle im Stau. Uns reicht der Sprit nicht, um die Halbinsel zu verlassen. Wir haben drei Kinder im Auto und sind mit den Nerven am Ende“, sagt eine Urlauberin. Für Touristen, die mit dem Auto unterwegs sind, gibt es zwar eigene Tankgutscheine, die aber nur an bestimmten Tankstellen gültig sind.
Wie ist die Stimmung der Menschen auf der Krim?
Die von der DW befragten Bewohner der Krim äußerten sich zurückhaltend zu politischen Themen. Einer der Befragten vermied es im Gespräch über die Drohnenangriffe, die Ukraine zu erwähnen, und sprach lediglich von „der anderen Seite“. Auf die Frage nach der Zukunft der Halbinsel antwortete er kurz: „Die Zeit wird zeigen, was weiter geschieht.“
Es ist schwierig, die tatsächliche Stimmung auf der Krim einzuschätzen. Laut einer Studie der Krim-Niederlassung des Föderalen Forschungszentrum für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 2024 bewertete ein signifikanter Anteil der Befragten die soziale und politische Lage in der Region positiv und brachte Vertrauen in die russischen Behörden zum Ausdruck. Die Forscher schätzten die sozialen Spannungen als relativ gering ein. Zugleich wurden in den Umfragen auch Sorgen hinsichtlich der nahen Kampfhandlungen und einer Reihe ungelöster sozialer Probleme deutlich.
Eine unabhängige Studie zur öffentlichen Meinung auf der Krim konnte die DW nicht finden. Die Soziologin Anna Kuleschowa erklärt dies damit, dass die Halbinsel für die meisten unabhängigen Forscher zu einem „weißen Fleck“ geworden sei – weil die Befragten sich selbst zensieren und das Forschungsgebiet schwer zugänglich ist. „Um die Leute dazu zu bringen, mit einem zu reden, braucht man Vertrauen, aber in einer Situation, in der jeder jedem misstraut, ist das schwer zu erreichen“, sagt sie. Außerdem sei es für unabhängige Forscher schwierig, außerhalb Russlands Geld für solche Studien zu finden und sie technisch zu organisieren, ohne die Befragten zu gefährden, fügt Kuleschowa hinzu.
Wird es zu einer Wende kommen?
Eine kritische Stimmungslage in der Gesellschaft hätte kaum Einfluss auf die politischen Tendenzen in Russland, meint der Politikwissenschaftler Dmitrij Oreschkin. Viel wichtiger sei die Stimmung innerhalb der russischen Eliten. „Für Wladimir Putin wird die Katastrophe dann beginnen, wenn irgendein Teil der Eliten erkennt, dass sie in diesem Krieg weit mehr zu verlieren als zu gewinnen haben“, sagt der Experte im DW-Gespräch. Erst dann könnte es laut Oreshkin zu einer Wende kommen.
Oreschkin zufolge wird die Zunahme ukrainischer Angriffe die russische Wirtschaft, die Demografie und die Fähigkeit der russischen Behörden, die Kontrolle über die eroberten ukrainischen Gebiete aufrechtzuerhalten, mehr und mehr beeinträchtigen.
Der Experte schließt auch nicht aus, dass der Kreml bei einer weiteren Verschlechterung der Lage zu einer aggressiveren nuklearen Rhetorik greifen könnte. Seiner Meinung nach sind die russischen Eliten derzeit aber nicht zu einer offenen Konfrontation mit dem Präsidenten bereit und betrachten solche Drohungen primär als Mittel, um Druck auf den Westen auszuüben. „Wenn ihnen klar wird, dass sie entweder ihn absetzen oder er sie absetzt, dann wird es zu einer Krise kommen“, so Oreschkin.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk
