Bettina Orlopp: So spielt die Commerzbank-Chefin 3-D-Schach
Gastbeitrag
Was uns Bettina Orlopp über 3D-Verhandlungsschach lehrt
Die Übernahmeschlacht um die Commerzbank zeigt: Wer als vermeintlich Unterlegener geschickt agiert, kann selbst gegen einen starken Player wie die Unicredit noch überraschend viel herausholen
Es wird viel über die drohende Commerzbank-Übernahme gesprochen, die sich im letzten Drittel befindet. Feindlich oder nicht? Dürfen die das? War der Bund naiv, als er 2024 ein großes Aktienpaket auf den Markt spülte?
Das sind alles berechtigte Fragen, doch wenn wir aus Verhandlungsperspektive auf den Belagerungszustand schauen, dann tut sich gerade eine Lehrstunde in 3-D-Verhandlungsschach auf. Warum 3-D? Weil hier an mehreren Fronten parallel verhandelt wird und alle Verhandlungen mit allen zusammenhängen – das ist nicht ganz einfach und verdient eingehendere Betrachtung.
Marcel Gröls, 48, war bei der Pilotenvereinigung Cockpit für die Tarifpolitik verantwortlich. Zuvor war er als Tarifchef der Hamburger Hochbahn AG und hat bei der IG Metall zahlreiche Tarifkonflikte ausgefochten. Gröls hat zum Thema Verhandlungsstrategien promoviert.
Meisterhaft ist allerdings weniger der M-&-A-erfahrene Unicredit-Tycoon Andrea Orcel, sondern die nüchtern-unprätentiöse Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp, der hier sehr vieles gelingt.
Interessenlagen im Coba-Combat
Jeder hat seine eigenen Interessen: Bettina Orlopp und die Commerzbank möchten nicht zum Provinzvorstand zurückdegradiert werden, der sich einmal wöchentlich Befehle aus Mailand abholt. Außerdem will man eine eigenständige, stolze Bank für den deutschen Mittelstand bleiben und fürchtet einen Kahlschlag der sorgsam aufgebauten Auslandsstruktur. Und auch das weiß jeder: Wo Positionen nach einer Fusion doppelt bestehen, hat der Stelleninhaber des Angreifers oft die bessere Ausgangsposition.
Die Unicredit hingegen dürfte ein Interesse daran haben, sich ein – jedenfalls damals – günstig bewertetes Filetstück einzuverleiben. Auf europäischer Ebene würde Unicredit durch die Fusion endgültig in die Riege der Big Player aufsteigen und in mehreren Staaten zugleich systemrelevant werden. Welche Verhandlungen muss Orlopp also neben dem Tagesgeschäft stemmen, um hier das Beste für die Bank, ihre Beschäftigten und Aktionäre herauszuholen?
Die Gefechtslage
Da ist zum einen die offensichtliche Verhandlung, nämlich jene mit dem furchtlosen italienischen Großbanker. Als der Unicredit-Chef Andrea Orcel im September 2024 in Frankfurt einritt, präsentierte er sich noch in „Veni, vidi, vici“-Manier. In Interviews verkündete der „Retter“ aus Italien, eine Zusammenführung sei der beste Weg zur Stakeholder-Maximierung; Europa brauche ja schließlich Banken mit Größe. Subtext: Wir retten euch mal vor eurer Provinzialität, danken könnt ihr mir später.
Von dieser Tonlage ist zwei Jahre später wenig übrig. Von anfänglich 9,9 Prozent haben sich die Angreifer mittlerweile auf über 30 Prozent hochgehangelt, immerhin, doch die Tonalität ist in eine Mischung aus werbender Geduld und genervtem Drängen gekippt.
Dazu kam, dass man sich in der Social-Media-Kampagne verzettelt hat. In Beiträgen auf Linkedin stellte die Unicredit in „reißerischer und unsachlicher Aufmachung“ Mutmaßungen über die wirtschaftliche Lage der Commerzbank an, rügte die Bankenaufsicht Bafin, und verbot die Aussagen. Die Kampagne musste schmachvoll zurückgezogen werden, was fortan zur Folge hatte, dass sowohl der Kanzler als auch der Coba-Aufsichtsratsvorsitzende von Vertrauensverlust sprachen – ein gefährliches Wort in jeglichen Verhandlungen und zudem ein sehr vermeidbares Eigentor.
Strategie schlägt Pathos
Sehr wirksam ist dagegen die Strategie der Abwehrmannschaft. In aller Ruhe und ohne jedes Pathos hat man dort die Mauern hochgezogen und eine mehrdimensionale Verteidigung aufgebaut. Mit Aktienrückkäufen, ambitionierter Dividende und klar ausformulierten Wachstumszielen hat der Vorstand den Kurs auf 35 Euro geführt.
Weniger klar ist die Strategie aus Mailand. Nüchtern heißt es aus Frankfurt, man erwarte von einem Interessenten, dass er einen detaillierten Plan vorlege. Es brauche belastbare Angaben, etwa zu Synergien und Restrukturierungskosten. Auch Fragen der Unternehmensführung und der künftigen Struktur harren noch einer Antwort aus Mailand. Das Signal, das da über die Alpen gen Süden gesendet wird, lautet: Um uns zu bekommen, braucht ihr mehr als Geld. Ihr braucht auch eine schlüssige Story. Und: Wir sind kein Sanierungsfall, den man billig einsammeln kann.
Die anderen Fronten
Zu einer mehrdimensionalen Verhandlung gehört aber auch das Sammeln von Verbündeten. Den Aufsichtsrat hat der Vorstand auf seiner Seite: Gemeinsam hat man sich im Mai bei der Hauptversammlung gegen das Angebot der Unicredit ausgesprochen. Die Strategie sei vage und die Möglichkeit, Kosten zu senken, sei begrenzt, so hieß es vom Podium des CongressCenter Wiesbaden.
In Deutschland sind allerdings immer auch mächtige Gewerkschaften mitzudenken, deren Einfluss von den örtlichen Betriebsräten über die Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat bis in die Politik reicht – die Verdi-Chefs und die SPD-Granden haben sich traditionell jeweils auf Kurzwahl, der Draht ist kurz.
Was dem Commerzbank-Vorstand in Richtung Arbeitnehmerflügel gelingt, ist dabei alles andere als einfach. Warum? Normalerweise sind die Beschäftigtenvertreter natürliche Verbündete in Abwehrschlachten, denn Übernahmen gehen meist mit Abbau von Doppelstrukturen einher – schließlich sind Synergieeffekte mit das stärkste Argument für Zusammenschlüsse.
Hier aber ist die Ausgangslage komplizierter: Die Commerzbank hatte nämlich auch mit dem Gesamtbetriebsrat zu verhandeln. Ziel: Jetzt schon in erheblichem Umfang Personal abbauen, um dem Kapitalmarkt zu zeigen: Seht her, wir verschlanken uns selbst, wir betreiben jede nötige Transformation aus eigener Kraft und sind ohne Käufer zukunftsfähig. Zugleich dürfte klar sein: Jede Tarifrunde der nächsten Jahre wird unter Druck stehen. Teure Abschlüsse sind genau das Signal, das die Commerzbank zurzeit vermeiden muss.
Die Gewerkschafter und Betriebsräte nun dazu zu gewinnen, ist der Verdienst der Frankfurter Führungsmannschaft. Die können dabei allerdings auch auf den Pragmatismus der Gewerkschafter setzen. Bei Verdi weiß man: Im Falle einer Übernahme sind weit mehr Jobs in Gefahr.
Ebenso erfolgreich war man dabei, den Widerstand des Bundes zu organisieren. Auch wenn der Finanzminister sicher Interesse hätte, seine verbliebenen fast 13 Prozent zum momentan attraktiven Kurswert zu verkaufen – der Kanzler hat eine feindliche Übernahme wiederholt abgelehnt und die Systemrelevanz der Commerzbank hervorgehoben. Er hätte auch sagen können: Wer soll denn wohl diese Bank stützen, wenn mal wieder eine Bankenkrise am Horizont lauert? Deutschland mit seiner Triple-A-Bewertung oder das chronisch verschuldete Italien?
Die heimische Wirtschaft tut so, als sei sie Zaungast
Punktabzug gibt es für die Gefechtslage in der heimischen Industrie. Bei der Deutschen Bank hat man augenscheinlich mehrfach angeklopft, vergeblich. Kein Wunder – die Deutschbanker können keine weißen Ritter sein, die haben ihre eigenen Probleme. War man kurz nach der Jahrtausendwende mal kurzzeitig die größte Bank der Welt nach Bilanzsumme, mit Kursen über hundert Euro, so ist man heute mit einem Kurswert unter 30 Euro und mit einer Marktkapitalisierung von 50 Mrd. Euro zwar Branchenprimus in Deutschland, aber nicht mal unter den Top 10 Europas.
Sollte die Commerzbank italienisch werden, ist das für die Deutsche Bank erst mal eine gute Nachricht: Buchstäblich alternativlos wird sie für hiesige Konzerne, die das Angebot einer globalen Geschäftsbank bei einer heimischen Bank suchen.
Wäre das nicht Grund genug für die heimische Großindustrie, sich deutlich vernehmbar gegen die Übernahme zu positionieren? Eine alternativlose Deutsche Bank ist keine gute Nachricht für die Wirtschaft. Dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nur noch eine systemrelevante, globale Vollsortimenter-Bank hat (zum Vergleich: Frankreich hat vier), kann auch wirtschaftspolitisch nicht unser Ernst sein. Natürlich will man es sich im Zweifel auch nicht mit den Italienern verscherzen; das kann den einen oder anderen CEO schon mal zur Vorsicht gemahnen.
Doch fürs lautstarke Auftreten hätte man ja die Wirtschaftsverbände. Aus Verhandlungssicht wäre es also hilfreich gewesen, wenn man hier die Unternehmenskunden und ihre Verbände stärker in Stellung hätte bringen können.
Endspiel: Hoher Anker, weiche Landung
Mittlerweile ist man in den letzten Spielminuten. Wenn nochmal etwas ganz Neues passieren soll, dann braucht es jetzt einen „bold move“, einen mutigen Schachzug. Ein solcher wäre zum Beispiel ein beherzter Aktienrückkauf des Bundes, der mit seinem naiven Verkauf von 4,5 Prozent 2024 schon das falsche Signal gesetzt hat. Wird das passieren? Unter Donald Trump sehr gut möglich; unter Emmanuel Macron vielleicht – aber Friedrich Merz? Eine interessenbasiert geführte deutsche Wirtschaftspolitik mit klarer Kante – das wäre doch mal erfrischend.
Wenn ein solcher Move ausbleibt, wird die Unicredit am Ende erfolgreich sein, und danach sieht es im Moment aus. Allerdings waren auch in diesem Fall die Bemühungen der Verteidiger nicht vergeblich, denn durch das hohe Ankern wurde dann immerhin ein besserer Preis für die Aktionäre erreicht.
Ein unausgesprochenes Nebeninteresse ist immer auch, bei seinem Job irgendwie gut auszusehen, eine „Bella Figura“ zu machen. Für Orcel scheint der Zug abgefahren, dafür hat er zu viele Fehler gemacht.
Und Orlopp? Nicht immer macht jemand in der deutschen Wirtschaft aus einer Position der vorgeblichen Schwäche heraus eine derart gute Figur. Wäre es nicht eine schöne Pointe, wenn die heute 55-jährige Orlopp bei Unicredit an Bord bleibt und dereinst antritt, um dem heute 63-jährigen Orcel nachzufolgen? Oder aber sie wechselt sonst wohin – der rote Teppich ist ihr sicher. Denn sie hat gezeigt: Sie kann Krise, und sie kann verhandeln.
