Wird nun auch für die Roma alles besser?


Es ist einer der emotionalsten Augenblicke des Machtwechsels in Ungarn: Am 9. Mai 2026, gerade hat sich das neue Parlament in Budapest feierlich konstituiert, betritt eine Gruppe Kinder in weißen Hemden den Plenarsaal des prächtigen Gebäudes. Die meisten von ihnen sind Roma. Sie singen und spielen auf Tamburas, mandolinenartigen Instrumenten. Nicht irgendein Lied. Sondern die inoffizielle Hymne der ungarischen Roma: „Grün ist der Wald, grün der Hügel“.

Viele Abgeordnete haben Tränen in den Augen. So wie auch viele der zehntausenden Menschen, die draußen auf dem Parlamentsplatz vor großen Bildschirmen den symbolischen Moment des Machtwechsels verfolgen. Aladar Horvath, einer der bekanntesten ungarischen Roma-Bürgerrechtsaktivisten und einer der drei ersten Roma-Abgeordeten Ungarns, ist unter ihnen. Er sagt: „Auch mir kamen die Tränen. Es war, als würden wir endlich nach Hause kommen.“

Aladar Horvath blickt in die Ferne
Aladar Horvath ist einer der bekanntesten Roma-Bürgerrechtsaktivisten UngarnsBild: Peter Kohalmi/AFP

Ungarns neuer Premier Peter Magyar hat mit dem Auftritt der Kinder ein persönliches Versprechen eingelöst. Er hatte das Tambura-Ensemble im November 2025 bei einem Besuch im südungarischen Dorf Sükösd kennengelernt – und den Mitgliedern versprochen, sie ins Parlament einzuladen, falls seine Partei Tisza (Respekt und Freiheit) die Wahl gewinnt.

Am 9. Mai 2026 bleibt es nicht bei dieser einen Geste. Nach der Konstituierung des Parlaments tritt auf den Stufen vor dem Eingang auch die lesbische Roma-Sängerin Ibolya Olah auf. Sie singt das melancholisch-patriotische Lied „Es gibt ein Land – Ungarn“. Olah war jahrelang von Nationalisten angegriffen worden, die nicht wollten, dass sie dieses Stück sang. Magyar hat auch sie eingeladen. Nach ihrem Auftritt umarmt er sie.

Historischer Moment in Europa

Ungarns neuer Premier hat ein außergewöhnliches Gespür für Symbolpolitik. Manchmal schreibt er dabei Geschichte: Die Szenen des 9. Mai im und vor dem ungarischen Parlament sind ein historischer Moment für die Roma in Ungarn und auch in Europa. Noch nie zuvor in der europäischen Geschichte wurden Mitglieder der Minderheit im symbolischen Augenblick eines Machtwechsels so demonstrativ mit einbezogen – noch dazu ausgerechnet in einem Moment, in dem 16 Jahre eines autoritären Regimes endeten: jenes von Viktor Orban, das zutiefst antiziganistisch eingestellt war.

Eine Gruppe von Menschen steht auf einer Bühne um Viktor Orban herum, der an einem Rednerpult steht. Im Hintergrund ist der Schriftzug "FIDESZ" zu lesen
Am Abend der Wahl räumt Viktor Orban auf einem Treffen seiner Partei Fidesz seine Niederlage einBild: Attila Kisbenedek/AFP

Doch es ist nicht bei Gesten für einen Moment geblieben. In der Tisza-Parlamentsfraktion sind vier Roma-Abgeordnete vertreten. Einer von ihnen, Krisztian Köszegi, Pädagoge und lange Zeit Leiter einer Nachhilfeschule, wurde als erster Rom in der ungarischen Geschichte zum stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt.

Ministerpräsident Magyar sprach sich bereits mehrfach scharf gegen Antiziganismus aus. Beispielsweise verurteilte er im Parlament die Fraktion der rechtsextremen Partei „Mi Hazank“ (Unsere Heimat), weil sie am 9. Mai demonstrativ den Plenarsaal verlassen hatte, als das Sükösder Kinder-Ensemble auftrat. „Schämt euch!“, sagte er den Abgeordneten. Sich von Kindern wegen ihrer Herkunft abzuwenden, sei inakzeptabel.

Radikaler Wandel im Ton

Für die ungarischen Roma ist all das, was seit dem 9. Mai 2026 geschieht, von kaum zu überschätzender Bedeutung – ein radikaler Wandel im Ton. Im Land leben offiziell rund 300.000, nach inoffiziellen Schätzungen bis zu 800.000 Roma. Unter Orbans System wurden sie von ganz oben kollektiv vielfach mit haarsträubenden antiziganistischen Äußerungen abqualifiziert.

Rechts im Bild ist ein kleiner Junge zu sehen, der zwei weiße Töpfe oder Behälter trägt und die Betrachtenden anblickt, daneben ist ein heruntergekommenes Gebäude zu erkennen
Am Rand der Gesellschaft: Der vierjährige Rom Milan Bastyur lebt mit seinen Eltern im nordungarischen BodvaszilasBild: Laszlo Balogh/AP Photo/picture alliance

Orban selbst verkündete 2012 seine „neue Roma-Politik“ auf einem Roma-Kongress mit den Worten, dass „jeder arbeiten müsse“, denn: „Von Kriminalität kann man nicht leben.“ Im Januar 2026 nannte der damalige Verkehrsminister Janos Lazar Roma die „interne Reserve“ der Arbeitskräfte, die „erschlossen“ werde müsse, um „die vollgeschissenen Toiletten im Intercity zu reinigen“.

Sozialökonomisch geriet eine große Mehrheit der Roma in den vergangenen 16 Jahren immer tiefer in ein kastenartiges System staatlicher Abhängigkeit am Rand der Gesellschaft. Erwachsene Roma wurden in sogenannte kommunale Arbeitsprogramme gedrängt, die sich als Sackgasse auf dem Arbeitsmarkt erwiesen. Für viele Roma-Kinder und -Jugendliche verfestigte sich das System der schulischen Benachteiligung und Segregation. Anlässlich von Wahlen wurden Roma systematisch bestochen, um für Orbans Partei Fidesz zu stimmen. Korrupte Roma-Politiker sorgten dafür, dass Orbans Politik legitimiert wurde.

Magyar und seine Tisza-Partei versprechen, diese Zustände zu beenden. Im Tisza-Wahlprogramm gibt es ein eigenes Kapitel dazu. Darin heißt es, dass das Orban-System Roma verachte und nicht an sie glaube. „Die Tisza-Partei denkt anders“, so der Text. Das Programm kündigt an, die kommunalen Arbeitsprogramme umzugestalten, die Schulsegregation zu beenden und bessere Wohnbedingungen sowie Gesundheitsversorgung für Roma zu ermöglichen. Neu ist all das nicht – sozialliberale ungarische Politiker haben Derartiges schon vor Jahrzehnten versprochen. Doch es ist dem streng konservativen Peter Magyar durchaus abzunehmen, dass er es ernst meint.

Roma-Vertreter warten ab

Dennoch wollen manche namhafte Persönlichkeiten der ungarischen Roma erst einmal abwarten, ob dem Wandel im Ton auch Taten folgen. Die bekannte Soziologin Angela Kocze schreibt im linken Portal Merce, es sei eine jahrzehntelange Erfahrung, dass Roma gebraucht würden, wenn es in Wahlkampagnen und symbolischen Augenblicken um demokratische Legitimation gehe. Wenn aber Positionen verteilt würden, seien Experten aus den Reihen der Roma weniger selbstverständlich.

Soziologin Angela Kocze
Angela Kocze ist Soziologin Bild: CEU

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Ernennung der Staatssekretäre in der Magyar-Regierung. Unter ihnen befindet sich kein Rom und keine Romni, was unter Roma-Vertretern Enttäuschung auslöste. Die Bildungsexpertin Szilvia Szenasi beispielsweise sagte, es müsse das Prinzip gelten ‚Nichts über uns ohne uns‘.

Chance nutzen

Der Bürgerrechtsaktivist Aladar Horvath beklagt ebenfalls, dass Roma nur zum Teil in Konsultationen mit der neuen Regierung einbezogen seien. Es habe zwar ein konstruktives Treffen von Roma-Vertretern mit der neuen Bildungsministerin Judit Lannert gegeben. Auf ein Treffen mit der Regierungsbeauftragten für Sozialpolitik, Kriszta Bodis, warte man jedoch sei Wochen.

Für ein Urteil über die Roma-Politik der neuen Regierung ist es laut Horvath noch zu früh. „Die Frage ist noch: Systemverschönerung oder Systemwechsel?“, sagt Horvath der DW. „Sehr viel hängt von Peter Magyar ab. Wenn es ihm gelingt, die Mehrheit zu überzeugen, dass die Roma genauso ungarisch sind wie alle anderen Ungarn, dann wird er zu den großen Staatsmännern gehören. Die Geschichte gewährt selten die Chance eines zweiten Systemwechsels, so wie Ungarn sie jetzt hat. Ich hoffe, Magyar nutzt diese Chance.“



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