Großbritannien und Tempest: Zukunft des Kampfflugzeugs
FCAS, das deutsch-französisch-spanische Flugzeugprojekt, ist Geschichte. Bundeskanzler Friedrich Merz hat Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron am Montag empfohlen, den Bau des gemeinsamen Kampfflugzeugs nicht weiterzuverfolgen. Mit dessen Entwicklung waren der französische Rüstungskonzern Dassault und die Airbus-Rüstungssparte beauftragt worden, zwischen denen es zuletzt große Unstimmigkeiten gab.
Jetzt geht der Blick noch intensiver zu Alternativen für das mit mehr als 100 Millarden Euro kalkulierte FCAS. Vier bieten sich an: ein Vorhaben namens „Tempest“ von Briten, Italienern und Japanern, eine Lösung mit schwedischer Beteiligung, ein deutscher Alleingang und die bereits erprobte Partnerschaft mit den USA.
Das Tempest-Projekt
Vor dreieinhalb Jahren legten Großbritannien, Italien und Japan gemeinsam das „Global Combat Air Programme“ (GCAP) auf, das einen Kampfflieger der sechsten Generation entwickeln soll. Wie bei dem jetzt gescheiterten deutsch-französischen FCAS-Vorhaben sieht das Programm die Ergänzung des bemannten Flugzeugs um unbemannte Flugkörper vor; und wie in Deutschland soll das neue Flugzeug dereinst den Eurofighter ablösen, der bei der Royal Air Force unter der Bezeichnung Typhoon geführt wird.
Das Tempest-Projekt wird weniger als FCAS von strittigen Spezifikationen oder Konkurrenzkämpfen der beteiligten Unternehmen behindert. Vor eineinhalb Jahren gründeten die drei beteiligten Nationen über ihre jeweils führenden Rüstungskonzerne BAE Systems, Leonardo und Mitsubishi die gemeinsame Gesellschaft Edgewing, die für Design, Entwicklung und Herstellung von Tempest verantwortlich ist.
Der Flug eines Prototyps ist nach einigen Verschiebungen für das nächste Jahr vorgesehen; die Auslieferung des neuen Flugzeugs wird für Mitte des nächsten Jahrzehnts angepeilt.
Allerdings hat Großbritannien jüngst Zweifel an der Finanzierung des Vorhabens geweckt. Der Verteidigungsinvestitionsplan der britischen Labour-Regierung, der schon im vergangenen Herbst vorliegen sollte, ist immer noch nicht veröffentlicht.
Es wird gemutmaßt, dass nicht alle vom Verteidigungsministerium in Aussicht gestellten Rüstungsprogramme vom Haushalt gedeckt werden können. Das britische Heer braucht neue Panzer, die Marine braucht neue Fregatten – und eigene (amerikanische F-35-B) Flugzeuge für zwei Flugzeugträger. Die Regierung hat angekündigt, sie wolle bis zum Ende dieses Monats Klarheit schaffen, welche Investitionen finanziert werden.
Eine Kooperation mit Schweden
Auch Schweden arbeitet mit seinem nationalen Hersteller Saab an einem neuen Kampfflugzeug. Das aktuelle Modell Gripen E kann mit dem aktuellen Eurofighter der Luftwaffe mithalten, und Saab Gripen fliegen weltweit, etwa in Brasilien und Thailand, auch die Ukraine bestellt bei den Schweden.
Insofern sind Schweden und Saab keineswegs schlecht aufgestellt für Zukunftspläne. Durchaus kann Schweden selbst einen Nachfolger entwickeln und produzieren, denn es hat, ganz anders als die deutsche Flugzeugindustrie, jahrzehntelange Erfahrung mit nationalen Produkten.
Möglichkeiten einer Kooperation bieten sich gleichwohl an, und Stockholm streckt die Fühler aus. Bei der Berliner Sicherheitskonferenz, einer Mischung aus Rüstungsmesse und Politikertreff, waren die Schweden im Dezember Mitgastgeber. Es hieß, seit dem Dreißigjährigen Krieg seien nicht so viele schwedische Generäle auf deutschem Boden gewesen wie da.

Ursprünglich war Schweden am Tempest-Projekt beteiligt, stieg aber nach vier Jahren und dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine aus. Das Projekt schien den pragmatischen Schweden zu teuer, zu ambitioniert, zu langwierig für eine eventuelle Konfrontation mit Russland. Die schwedische Rüstungsbehörde beauftragte daher Saab mit Konzeptstudien für die künftigen Luftkampfsysteme. Dazu gehören bemannte und auch unbemannte Lösungen. Erst dann soll entschieden werden.
Was eine Kooperation mit den Ex-FCAS-Partnern betrifft, so sagte Schwedens Generalstabschef Michael Claesson vor einem halben Jahr der F.A.Z: „Das Geschehen rund um FCAS beobachten wir sehr interessiert, aber wir verfolgen derweil unser eigenes Projekt weiter, auch um eine solide technologische Basis für alle Eventualitäten zu haben. Das könnte in das eine oder andere Projekt passen. Wir haben drei Optionen: eine Eigenentwicklung, eine Kooperation mit anderen Nationen oder einen Kauf bei einem Anbieter. Der militärische Ratschlag dazu soll bis 2028 erfolgen. Spätestens.“
Ein deutscher Alleingang
Eine weitere Möglichkeit für Deutschland besteht in einer Eigenentwicklung, wie sie die insbesondere in Bayern ansässigen Hersteller Airbus, Hensoldt oder MTU betreiben, mit großer politischer Unterstützung, speziell der CSU. Seit Monaten wird das FCAS-Aus im Süden befürwortet, wenn nicht betrieben. Und so schlecht über das Projekt reden wie der Chef von Dassault, konnten Betriebsräte von Airbus schon lange.
Flankendeckung kam nach dem Ende von FCAS sogleich von Thomas Erndl, der für die CSU im Bundestag sitzt und als verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion größeren Einfluss hat. Erndl nannte das Ende des deutsch-französisch-spanischen Projekts „eine wegweisende und richtige Entscheidung“ und sagte, dass die Expertise zum militärischen Flugzeugbau in Deutschland vorhanden sei. Und dann: „Die deutsche Industrie kann und muss nun ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen.“ Das könne auch mit Kooperationspartnern geschehen. Womit man wieder bei Schweden wäre. Oder bei den Briten.
Einkaufen bei den USA
Es gibt einen weiteren Player in diesem Wettbewerb, den man getrost als global bezeichnen kann: Amerika. Während Europas industrielle Mittelgewichte um Kooperationen ringen, liefert Amerikas Lockheed Martin Dutzende F-35 an dreizehn Luftwaffen des Kontinents, darunter Großbritannien, Niederlande, Polen und die Schweiz. Und auch die deutsche Bundesregierung hat bereits unter Olaf Scholz (SPD) für etwa 10 Milliarden Euro F-35 in Amerika bestellt, wobei der Stückpreis von etwa 285 Millionen Euro angeblich um ein Drittel höher lag als bei anderen Staaten.
Dem Nachfolger hat Donald Trump den Namen F-47 gegeben, wohl in Anlehnung an sein Amt als 47. Präsident der Vereinigten Staaten. Er soll, so Trump, „das fortschrittlichste, fähigste und tödlichste Flugzeug aller Zeiten sein“. Ein Prototyp des Flugzeugs sei seit fast fünf Jahren „heimlich in der Luft“, behauptete er. Auch wenn das nicht stimmt, dürfte Boeing bei der Entwicklung bereits deutlich vor allem sein, was die deutsch-französischen Streithähne in den vergangenen Jahren zuwege gebracht haben.
Der Inspekteur der deutschen Luftwaffe ließ am Dienstag Sympathie für die Anschaffung weiterer F-35-Jets aus US-Produktion erkennen. Zwischen der Auslieferung der letzten Eurofighter im Jahr 2035 „und der Verfügbarkeit eines zukünftigen europäischen Kampfflugzeugs entsteht eine Lücke, die wir überbrücken müssen“, sagte Generalleutnant Holger Neumann dem „Handelsblatt“.
Kampfflugzeuge der Zukunft müssten über Tarnkappen-Fähigkeiten verfügen und mit unbemannten Systemen zusammenwirken können – Eigenschaften, die aktuell am ehesten der F-35 erfülle. Ohne solche Fähigkeiten stoße die Luftwaffe an „operationelle Grenzen“, sagte Neumann.
