„Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“

Was hat der neue FDP-Chef mit seiner Partei vor? Und wie nahe möchte er der AfD kommen? Darum ging es am Dienstagabend bei „Maischberger“. Die ARD-Sendung in der TV-Kritik.
Die Gäste
- Wolfgang Kubicki, neu gewählter FDP-Parteivorsitzender
- Wolfgang Grupp, ehemaliger Trigema-Chef
- Marcel Reif, Sportjournalist
- Iris Sayram, „ARD“-Journalistin
- Susanne Gaschke, „NZZ“-Journalistin
Entertainment statt Inhalte
Keine zehn Tage sind seit seiner Wahl zum FDP-Vorsitzenden vergangen, da sitzt Wolfgang Kubicki schon in einer Talkshow. Für jemanden, der im Wettbewerb um den Parteivorsitz vor allem mit seiner eigenen Bekanntheit für sich geworben hatte, darf das bereits als Erfolg gelten.
„Es kommt für den nachhaltigen Bekanntheitsgrad auf die Verweildauer in den Medien an“, hatte Kubicki dem „Spiegel“ gesagt und damit auf den Punkt gebracht, wie er seine Rolle versteht. Es geht zuallererst um Aufmerksamkeit. Und die ist ihm mit seinem Auftritt bei „Maischberger“ an diesem Abend sicher.
Doch sowohl die Moderatorin als auch ihr Gast hätten mehr aus diesen gut 20 Minuten machen können. Klar, Kubicki liefert wie gewohnt flotte Sprüche und stellt seine Qualitäten als Entertainer unter Beweis. So erfährt der Zuschauer beispielsweise, dass Friedrich Merz ihn kürzlich in einem Telefonat mit den Worten „Hier ist der Eierarsch“ begrüßt habe. Mit dieser originellen Bezeichnung hatte Kubicki den Kanzler bedacht.
Inhaltlich aber setzt Kubicki kaum Akzente, und Maischberger fragt auch selten danach. Zu gerne hätte man erfahren, wie ein zeitgemäßer Liberalismus in Kubickis Augen aussieht oder wie er die aus seiner Sicht bedrohte Meinungsfreiheit konkret zu verteidigen gedenkt.
Wichtiger scheint der Moderatorin stattdessen, zum drölftausendsten Mal den FDP-internen Machtkampf durchzukauen. Wie sehr ärgert sich Kubicki noch über die überraschende Kandidatur von Marie-Agnes Strack-Zimmermann? Hat Henning Höhne freiwillig auf seine eigene Kandidatur verzichtet, oder wurde er von Kubicki dazu gedrängt? Es sind nicht gerade die Fragen, die das Land am meisten bewegen. Kubicki jedenfalls versucht, das Thema schnell abzuräumen: „Es ist egal, die Schlacht ist geschlagen.“
Wie hältst du’s mit der AfD?
Immerhin ergreift der neue Parteichef die Gelegenheit, sein Verhältnis zur AfD gründlich auszubuchstabieren. Nachdem er alle Vorwürfe, die FDP nach rechts rücken zu wollen, von sich gewiesen hat – „Es gibt überhaupt keinen Beleg dafür“ –, möchte es Maischberger genauer wissen. „Was ist denn mit der Brandmauer?“, stellt sie dem FDP-Chef die Gretchenfrage.
Zweierlei hält Kubicki für wenig sinnvoll: Anträge nicht zu stellen, bloß weil die AfD ihnen zustimmen könnte, und nicht zu Veranstaltungen zu gehen, bei denen AfD-Vertreter zugegen seien. „Wenn wir nicht die Diskussion suchen“, sagt der FDP-Chef, „müssen wir uns nicht wundern, dass hinter der Verweigerung von Auseinandersetzungen die AfD größer wird und wir schwächer“.
Ja, selbstverständlich.
FDP-Chef Wolfgang Kubicki zur Frage, ob Anträge auch gestellt werden sollten, wenn die AfD mitstimmt
„Mal angenommen, Sie sind in einem Landtag“, wird Maischberger konkret. „Sie stellen einen Antrag, von dem Sie wissen, der geht nur durch, wenn er mit den AfD-Stimmen durchgeht. Machen Sie’s dann?“ Der FDP-Chef antwortet ohne Umschweife: „Ja, selbstverständlich.“ Wenn er beispielsweise überzeugt sei, dass es ein Krankenhaus brauche, „dann ist es mir völlig egal, wer noch zustimmt“. Eine erstaunlich deutliche Antwort.
Alle anderen möglichen Facetten einer Kooperation, die Maischberger aufzählt, lehnt Kubicki hingegen ab. Eine Zusammenarbeit mit der AfD? „Nein.“ Gemeinsame Anträge? „Nein, wieso?“ Koalitionen mit der AfD? „Ausgeschlossen.“ Er könne nicht mit einer Partei koalieren, die das Gegenteil des liberalen Menschenbilds verkörpere, betont Kubicki. Wenn etwa jemand schreibe, „dass das größte Glück für ein Individuum ist, in der Volksgemeinschaft aufzugehen“, dann sei das „sowas von absurd“.
Auch von den jüngsten Äußerungen des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke, der Westdeutsche als „deutsch sprechende Amerikaner“ bezeichnet hatte, distanziert sich Kubicki deutlich: „Wer erklärt, dass Westdeutsche keine richtigen Deutschen seien, der muss zum Arzt, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.“
Ein Hauch von Selbstkritik
Natürlich darf die obligatorische Schnellfragerunde nicht fehlen. Innerhalb von anderthalb Minuten schafft es Kubicki, drei (ehemalige) Bundeskanzler in den Senkel zu stellen. An Angela Merkel vermisse er „nichts“, sagt der FDP-Chef. Maischberger lacht: „Haben wir vorher gewettet, dass Sie das sagen.“
Und Olaf Scholz? Der war „ein wirklich akribischer – man würde auf Deutsch sagen – Aktenfresser“, lobt Kubicki den Altkanzler auf seine gewohnt charmante Art. Heute höre er von einigen, dass sie sich nach Scholz sehnen würden, fügt der FDP-Chef an. Daran könne man sehen, „wie tief wir gesunken sind“.
Ein wirklich akribischer (…) Aktenfresser.
FDP-Chef Wolfgang Kubicki über Altkanzler Olaf Scholz (SPD)
Den schärfsten Ton schlägt er jedoch an, wenn es um den amtierenden Kanzler geht. Merz wisse nach seiner langen Abwesenheit aus der Politik nicht mehr, „wie das Spiel funktioniert“, und kommuniziere „unglaublich schlecht“, kritisiert Kubicki. „Das Erwartungsmanagement ist unterirdisch.“
Robert Habecks Rückzug aus der Politik findet Kubicki dagegen „schade, aber nachvollziehbar“. Und prophezeit: „Ich glaube, er kommt wieder.“
Sogar ein Hauch von Selbstkritik klingt bei Kubicki an. „Ich trage mein Herz wirklich auf der Zunge, was mir manchmal wirklich zum Nachteil gereicht“, stellt er fest. „Ich bin gelegentlich von meinen Formulierungen selbst so ergriffen, dass ich gar nicht merke, dass man sie auch anders interpretieren kann.“
Darin ist Kubicki dem von ihm so scharf kritisierten Friedrich Merz wiederum sehr ähnlich.
