Welche Rolle spielt die Huthi-Miliz im Jemen?
Zwei Monate lang hatten sie sich militärisch zurückgehalten. Nun hat die jemenitische Huthi-Miliz wieder Angriffe auf Israel unternommen. Am Montag erklärte ihr Militärsprecher Jahja Sari, man habe Raketen auf Israel abgefeuert und kündigte zugleich eine „komplette Blockade“ der Schifffahrt für Israel im Roten Meer an. Alle israelischen Bewegungen dort würden künftig als militärische Ziele betrachtet. Laut israelischen Angaben soll es auch am Dienstag noch einen Angriffsversuch aus dem Jemen auf Israel gegeben haben.
Zu größeren Schäden kam es wohl nicht, die bisherigen Angriffe wurden offenbar weitgehend abgewehrt. Die Ankündigung fiel mit den neuerlichen gegenseitigen Angriffen zwischen Israel und dem Iran zusammen und ist als Unterstützung der Huthi für das verbündete iranische Regime zu verstehen. Beide Seiten – Iran und Israel – erklärten die direkte militärische Konfrontation noch am Montag wieder für beendet, jedenfalls bis auf Weiteres.
Warum melden sich die Huthi gerade in dieser Situation zurück? Für den in Jordanien ansässigen Politologen Abdulghani Al-Iryani vom jemenitischen Think Tank Sanaa Center for Strategic Studies (SCSS) liegt die Antwort vor allem im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon – mit dem auch der Iran unter anderem seine jüngsten Militäraktionen gegen Israel begründet hat . „Das Vorrücken der Israelis im Libanon hat in der Bevölkerung des Jemen eine derartige Empörung ausgelöst, dass die Huthi sich gezwungen gesehen haben, darauf zu reagieren“, meint er im DW-Interview. Mit den Angriffen hätten sie zugleich den Erwartungen ihrer Anhänger sowie der Hisbollah und des Iran entsprochen, mit denen sie eine Allianz bilden.
Al-Iryani rechnet allerdings nicht damit, dass die Miliz erneut eine größere Blockade des Roten Meeres durchsetzen wird. Ein solcher Schritt würde die Beziehungen zu Saudi-Arabien massiv belasten; der Jemen sei wirtschaftlich jedoch von seinem nördlichen Nachbarn abhängig. „Diese Beziehungen zu zerstören, wäre geradezu selbstmörderisch“, urteilt Al-Iryani. Wahrscheinlicher seien begrenzte Aktionen gegen Schiffe mit direktem Bezug zu Israel. „Mehr dürften die Huthi kaum tun.“
„Innere Legitimation und äußere Machtdemonstration“
Etwas anders sieht dies Christoph Leonhardt, stellvertretender Geschäftsführer des in Berlin ansässigen Analyse- und Beratungsunternehmens Middle East Minds und Experte für paramilitärische Gruppen. Aus Sicht der Huthi sei der Raketenbeschuss vor allem ein politisch-strategisches Signal. „Der Beschuss Israels dient weniger einem klar definierten operativen Ziel als vielmehr der inneren Legitimation und der externen Machtdemonstration“, so Leonhardt im Gespräch mit der DW.
Allerdings müsse man zwischen direkten Angriffen auf israelisches Territorium und maritimer Abschreckung unterscheiden. Selbst wenn die Huthi auf weitere Raketenangriffe verzichten sollten, könnten sie ihre Aktivitäten im Roten Meer fortsetzen. „Daher dürften die Huthi auch in Zukunft punktuelle, aber wirksame Operationen etwa in der Meerenge von Bab al-Mandab durchführen, während eine direkte Eskalation mit Israel aufgrund begrenzter Kapazitäten eher unwahrscheinlich bleibt“, analysiert Christoph Leonhardt.
Dabei bleiben die Huthi auf Unterstützung aus Teheran angewiesen. Der Iran unterstütze die Miliz im Rahmen seiner „Achse des Widerstands“, sagt Leonhardt. Teheran liefere Waffen, Ausbildung und strategische Unterstützung, während die Huthi ihre operative Eigenständigkeit bewahrten – so seine Einschätzung. Wie groß die Abhängigkeit der Huthi von Iran ist, wird von Experten unterschiedlich gesehen.
„Ernstzunehmende militärische Kraft“
Trotz erheblicher Verluste in den vergangenen Jahren seien die Huthi weiterhin eine ernstzunehmende militärische Kraft, urteilte die International Crisis Group (ICG) kürzlich in einer Analyse. Die Miliz sei „weit davon entfernt, eine erschöpfte Kraft zu sein“. Ihre Aktionen dienten sowohl dazu, den Iran zu unterstützen als auch die eigene politische Zukunft abzusichern.
Auch die ICG sieht Angriffe der Huthi auf Israel in Teilen als innenpolitisch motiviert. Seit Beginn des Gaza-Krieges präsentierten sie sich noch stärker als Teil eines regionalen Bündnisses gegen Israel und die USA und stärkten damit ihre Popularität sowie ihren Anspruch auf regionale Bedeutung. Zugleich könne die Konfrontation mit einem äußeren Gegner von den anhaltenden wirtschaftlichen Problemen im Jemen ablenken, so die Analyse des ICG.
Regionale Machtambitionen
Gleichzeitig seien ihre Möglichkeiten begrenzt. Ein längerer Konflikt könnte die Bestände an Raketen, Drohnen und Munition zunehmend erschöpfen, heißt es in der Analyse der ICG. Zudem ist unklar, in welchem Umfang der Iran seine Verbündeten künftig noch versorgen könnte, sollte er selbst noch stärker unter militärischen Druck geraten.
Dennoch hält Experte Leonhardt weitere Aktionen für denkbar. Die Huthi seien zwar militärisch vom Iran abhängig, verfolgten aber eigene strategische Ziele und hätten zudem regionale Machtambitionen. Selbst ein stabiler Waffenstillstand zwischen Israel und dem Iran würde sie nicht automatisch von weiteren Angriffen abhalten, meint er.
Dabei liegt die eigentliche Stärke der Huthi weniger in konventioneller Kriegsführung als in ihrer Fähigkeit, mit Drohnen, Raketen und Angriffen auf Handelsrouten erhebliche wirtschaftliche Schäden zu verursachen. Besonders ihre militärisch günstige Herrschaftsposition an der Meerenge von Bab al-Mandab verleiht ihnen strategisches Gewicht. „Eine Ausweitung der maritimen Aktivitäten durch die Huthi könnte die Stabilität der globalen Ölversorgung weiter untergraben und die Energiepreise zusätzlich in die Höhe treiben“, sagt Leonhardt.
Risiken für die Huthi selbst
Allerdings wären größere Angriffe auch mit erheblichen Risiken für die Miliz selbst verbunden. Der saudische Journalist Abdulrahman Al-Rashed schrieb auf der Plattform X, der Iran habe nun seinen „dritten Arm“ in Bewegung gesetzt. Dieser könnte die Schifffahrt im Bab al-Mandab potenziell bedrohen. Eine solche Drohung stärke zwar den Druck auf Israels Gegner, erhöhe aber zugleich die Gefahr, dass die verbliebenen militärischen Fähigkeiten der Huthi durch Gegenangriffe zerstört würden.
Ähnlich argumentiert der jemenitische Politologe Abdulkarim Ghanem. Gegenüber dem Sender „Yemen Shabab“ erklärte er, die Huthi seien durchaus in der Lage, eine teilweise Blockade der Meerenge zu verhängen. Eine vollständige Sperrung jedoch wäre „strategischer Selbstmord zugunsten Teherans“.
