Biergärten in München: Bierbänke mit Lehnen – der Beginn vom Ende einer Tradition? – München


Die kleine Gruppe wird sich doch sicher diesen Premium-Tisch aussuchen. Am Samstagnachmittag gehen zwei Paare über den Kies im Hofbräu-Biergarten und sehen sich nach freien Plätzen um. Davon gibt es einige. Im vorderen Bereich am Eingang, an dem bestuhlt ist, aber auch hinten bei den Bierbänken. Wobei manche eben ein kleines Upgrade bieten in Form von Rückenlehnen. Und da die beiden Männer der Gruppe schon zum Großteil ergrautes Haar haben, könnte man meinen, dass ihre Wahl eben deshalb auf eine Biergarnitur mit an den Bänken angebrachten Rückenlehnen fällt, weil man gerade im Alter ein wenig Komfort begrüßt. Stimmt aber nicht.

„Lehnen, ach, die waren uns völlig wurscht“, sagt Marco, 52. Er stammt aus dem westfälischen Emsdetten, spricht das „wurscht“ aber aus, als wäre er hier am Wiener Platz groß geworden. Die Gruppe wollte vor allem nicht so nah an einem der Mülleimer sitzen, um die herum traditionell immer am ehesten auch zu Biergarten-Rushhour-Zeiten noch was frei ist, weil sich dort die meisten Wespen tummeln. Nun sitzen Marco und die drei anderen aber nun mal an einem der Biertische mit Rückenlehne und sagen, was man halt so sagt, wenn man sich anlehnen kann: dass das schon angenehm ist.

Und auch eine Reihe weiter sind sich die Gäste einig, dass so eine Lehne, wie es sie seit einiger Zeit in einigen Münchner Biergärten gibt, nur Vorteile hat. Die Münchnerin Anna-Lena, 30, sagt: „Am besten nur noch mit Lehne“, denn wenn man schon ein wenig Luxus haben könne, „dann will ich den auch haben“. Lehnen an Bierbänken, wie sie es etwa am Flaucher, im Hofbräu-Biergarten oder auch in der Hirschau teilweise gibt, ist das nun der erste Schritt zum Verfall der bayerischen oder zumindest Münchner Biergarten-Tradition?

Harte Holzbänke, blanke Holztische, das ist doch ein Teil der Biergartenkultur, oder? Und nun soll man sich anlehnen? Das kann doch nur der Beginn des Weges hin zur Loungisierung sein. Am Ende stehen wahrscheinlich Polstermöbel unter den Kastanien und die Massen werden von livrierten Kellnerinnen und Kellnern serviert.

Das wiederum könnte Karl Gattinger nervös machen. Tut es aber nicht. Der 58-Jährige ist Landeshistoriker und beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege unter anderem für Biergärten zuständig. Am Telefon waltet er auch gleich seines Amtes und weist darauf hin, dass der Flaucher-Biergarten eigentlich gar keiner sei. Biergarten dürfe sich nämlich streng genommen nur nennen, wo auch Bier in Kellern darunter gelagert werde.

Aber es soll ja hier um das Mobiliar gehen. Da verweist Gattinger auf den Maler Max Liebermann, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts diverse Biergärten gemalt habe. „Und zu sehen sind da ganz verschiedene Möbel, Stühle, Bänke und Tische.“ Natürlich sei der Biergarten der Ort, an dem möglichst alle schon immer zusammenkommen können sollten, „der Amtsrichter neben dem Chauffeur klassischerweise“, und um das zu gewährleisten, also dass sich auch jeder den Besuch leisten kann, sei die Einrichtung eher spartanisch, „eher einfach und rustikal“ und das Mitbringen der Verpflegung verpflichtend erlaubt. Aber worauf man dann hockt, das ist, um Marco aus Emsdetten zu zitieren, „wurscht“.

Hofbräu-Wirtin Silja Steinberg sieht die Lehnen-Bänke pragmatisch.
Hofbräu-Wirtin Silja Steinberg sieht die Lehnen-Bänke pragmatisch. Florian Peljak

Experte Gattinger kommt zu einem klaren Urteil: Es gibt keine traditionell verpflichtende Möblierung, dementsprechend können Rückenlehnen auch nicht der Untergang des Biergartenlandes sein. Höchstens ein leichter Rückgang der Sitzplätze, sagt auf jeden Fall Silja Steinberg vom Hofbräukeller und -Biergarten. Die Brauerei habe ihr die Bänke mit Lehnen angeboten, das habe man dann nicht abgelehnt. Nun verzichte man pro Reihe auf zwei bis drei Tische, habe aber etwas mehr Komfort.

Bei einer Spontan-Analyse am Samstagabend wird schnell klar: Zumeist lehnt sich der Biergartler ohnehin nicht zurück. Dafür ist es hier viel zu laut und man würde vom Tischgespräch nicht so viel mitbekommen. Steinberg erklärt, dass sich die Gäste die Tische meist nicht danach aussuchen würden, ob Bänke eine Lehne haben, „da geht es eher nach Sonne an kühleren Tagen und Schatten an wärmeren.“

Auch Linda, 37, sitzt an eine Lehne gelehnt hier im Biergarten. Die Münchnerin sagt: „So ist es einfach gemütlicher und so kann ich auch länger sitzen bleiben.“ Das wiederum freut Steinberg, fördert das doch den Umsatz. Und Christian Schottenhamel, Wirt des Nockherberg-Biergartens und Wiesnwirte-Sprecher, weist auf eine Entwicklung hin: „Früher war es möglichst eng in den Biergärten, dafür sind die klassischen Bierbänke natürlich ideal.“

Heute seien die Gäste schon etwas verwöhnter und so gebe es bei ihm auch alles: klassische Garnituren, höhere Tische oder auch massive Holztische für Familien. „Zehn Personen an einem Tisch wie auf der Wiesn, das ist schon sportlich.“ Auch auf dem Oktoberfest werde er nun Rückenlehnen einführen, jedoch nur an den Randtischen im Biergarten. Generell stellt Schottenhamel fest: „Die Zeit der knallvollen Biergärten ist vorbei, man findet meistens immer noch einen Platz.“ Was auch an den allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen liege, die der Gesellschaft zu schaffen machen würden.

Dem Puristen wird aber in der schönen neuen Rückenlehnenwelt einiges fehlen. Etwa der Kontakt zum Gesäß der Hintersitzer, den es ja bislang immer mal gab, besonders bei eher einnehmenden Staturen. Aber auch die Tradition, im Gewitterfall die halbvolle Mass nicht etwa stehenzulassen oder mit ihr unter ein Dach zu flüchten, sondern aus den vielen frei gewordenen Tischen und Bänken eine möglichst wasserdichte Biertischburg zu bauen, wird nun noch etwas schwieriger. Dafür hat so eine Lehne einen klaren Vorteil, selbst wenn man kein Fan der Neuerung ist: Man kann es sich gemütlich machen und in aller Ruhe nach einem ordentlichen freien Tisch ohne diese lästigen Holzbalken im Rücken Ausschau halten.



Source link

Ähnliche Beiträge