Autorin Tupoka Ogette über Literaturm, Rassismus und AfD
Als sie zehn Jahre alt ist, fliegt sie zusammen mit ihrer Mutter zum ersten Mal zur Familie des Vaters in Tansania. Im ländlichen Haus der Großeltern, die mit harter Arbeit sechs Kinder auf die Universität geschickt haben, hängt ein einziges Enkelkinderbild: das der kleinen Tupoka, 1980 in Leipzig geboren, zwischen ihrer thüringischen Mutter und ihrem Vater aus dem Süden des afrikanischen Landes, das vor dem Ersten Weltkrieg deutsche Kolonie gewesen ist. Die Großmutter, die die Enkelin weinend in die Arme schließt, heißt Enija, wurde aber auf den deutschen Namen Erika getauft.
Als Jugendlicher hatte Tupokas Vater Ambonesigwe ein Stipendium der tansanischen Regierung zum Studium in der DDR erhalten. Als er von dort zurück in die Heimat geht, um in der Landwirtschaftsforschung zu arbeiten, heißt das für Tupokas Mutter Camilla, die 1961 in Gera zur Welt gekommen ist, dass sie anschließend nicht mehr in die DDR zurückkehren dürfte. Sie bleibt daher mit der kleinen Tochter, deren Name auf Kindali „Die das Glück ins Haus bringt“ bedeutet, allein zurück. Die Großeltern Günter und Sybille ziehen das Kind mit auf. Später stellt Camilla einen Ausreiseantrag und geht kurz vor dem Ende der DDR nach Westberlin, wo Tupoka im Kreuzberg der Neunzigerjahre aufwächst. „Ich bin ein Brückenmensch“, heißt es in „Trotzdem zuhause“, dem Buch, in dem Tupoka Ogette all das schildert.
Kolonialgeschichte, deutsch-deutsche Geschichte, Rassismuserfahrungen in der Schule und auf der Straße, ob Ost, ob West – ihr Leben bietet Stoff für viele Bücher. Mit „Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen“ stand sie 2019 auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, weitere Bände folgten. Sie hat einen Podcast, gibt Vorträge, nun erzählt sie ausführlicher aus ihrem eigenen Leben. Als „Memoir“ bezeichnet Ogette das Buch, das im Februar bei Penguin erschienen ist, mit dem im englischen Sprachraum gebräuchlichen Begriff. Sie habe sich in das Genre verliebt: „Es ist, wie in einen Resonanzraum einzutreten, in einen literarischen Raum, in dem ich eine bestimmte Zeitgeschichte aus der Perspektive der Autorin erleben darf.“
Verletzlichkeit zeigen
Ihren Lesern Identifikation oder Erkenntnis zu bieten und sie auf literarische Weise hindurchzuleiten, habe es ihr angetan: „Solch einen Raum wollte ich auch erschaffen.“ Dann erkrankte ihre Mutter, was das Schreiben dringlicher machte: „Ohne ihren Segen hätte ich unsere Geschichte nicht an die Öffentlichkeit geben können. Ich bin so dankbar, dass sie im Februar auf der Buchpremiere war.“
Das Verfassen des Buches hat Ogette Überwindung gekostet, zu erzählen hatte sie auch von Gewalterfahrungen in ihrer ersten Beziehung und jahrelangem sexuellem Missbrauch in der Westberliner Kirchengemeinde, die sie als Jugendliche besuchte. Sie fühlte sich verletzlich: „Das ist auch immer noch so. Aber ich war von Anfang an überzeugt, dass diese Verletzlichkeit wichtig ist in einer Welt, die so viel Härte parat hat.“ Am 11. Juni stellt sie „Trotzdem zuhause“ beim Festival „Literaturm“ vor, das Frankfurt alle zwei Jahre in den Hochhäusern der Stadt veranstaltet.
In diesem Jahr blickt das Festival unter dem Motto „Ost West Text“ auf deutsch-deutsche Wirklichkeiten. Viele Bücher haben zuletzt hervorgehoben, der Osten des Landes werde nach wie vor nicht genau genug wahrgenommen. Das sieht auch Ogette so: „Es gibt eine zu holzschnittartige und auch ungenaue Erzählung über den Osten mit einer westlichen Schlagseite. Ein westliches Narrativ, das genau zu wissen meint, was ,der Osten‘ ist, eine Art ,Single Story‘. Dabei ist der Osten natürlich ebenso heterogen und heteroperspektivisch wie der Westen. Gleichzeitig finde ich eine reine Leidenserzählung des Ostens auch fehlgeleitet und zu einfach.“
Verschwiegenes erzählen
Das innerdeutsche Verhältnis bleibe jedenfalls so lange von Bedeutung, wie „die einen sich darin nicht hinreichend repräsentiert fühlen und die anderen nicht die Chance nutzen, sich selbst darin zu reflektieren“. Könnte man etwas anderes hervorheben? „Ja, natürlich. Das mache ich ja seit Jahren. Schwarze Perspektiven werden in der gesamten deutsch-deutschen Geschichte ungern miterzählt. Es gibt sie, und sie sprechen auch seit vielen Jahren, aber sie werden weiterhin an vielen Stellen ignoriert.“ Dabei reichten die strukturellen Gründe für Rassismus in Deutschland weit zurück. „Sie liegen in der Maafa“, also der Versklavung und Ermordung von Millionen von Afrikanern, „der Kolonialzeit und dem Nationalsozialismus, und in der immer noch unzureichenden gesamtgesellschaftlichen Aufarbeitung“.

Nach dem Abitur in Berlin ging Ogette zum Afrikanistik-Studium zurück nach Leipzig, anschließend machte sie einen Business-Master im französischen Grenoble, wo sie als Lektorin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes tätig war. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Stephen Lawson, und ihren beiden Söhnen wieder in Berlin.
Sie versteht, was gemeint ist, wenn gesagt wird, der Osten werde zu wenig gesehen: „Ich glaube, wir sehen uns alle gegenseitig zu wenig. Es fehlt nicht selten die Bereitschaft, wirklich zuzuhören, der Versuch, sich ehrlich einzufühlen, auch Wahrheiten auszuhalten, die unbequem sind oder über den eigenen Horizont hinausreichen.“ Das sei in Ost-West-Fragen so, „aber auch in Bezug auf schwarze Menschen und People of Color, migrantisierte Lebensrealitäten und viele mehr“. Literatur leiste hier einen wichtigen Beitrag: „Sie kann die Resonanzräume eröffnen, von denen ich vorhin sprach. Ein Raum, der wie eine wissenschaftliche Datenbank mit Seele wirken kann.“
Rückfall in alte rassistische Muster
Anders als in ihrer Kindheit verfüge das Vorgehen gegen den Rassismus inzwischen über viel mehr Ressourcen: „Es wurde eine Sprache erarbeitet, rassismuskritische Materialien wurden erschaffen. Jeder Mensch kann heute sehr niederschwellig an Lernmöglichkeiten kommen. Niemand hat eigentlich eine Ausrede. Es gibt mehr Zusammenschlüsse, mehr wissenschaftliche Auseinandersetzung, mehr Initiativen, die sich mit Rassismuskritik in der Gesellschaft beschäftigen.“
Gleichzeitig spüre sie neben einem „sehr offensichtlichen Backlash“ auch etwas, das sie ein „Aufatmen“ nennt: „Menschen, die spürbar erleichtert scheinen, sich nach dem gesellschaftlich progressiveren Momentum vor einigen Jahren nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen. Mehr noch, eine Erleichterung, wieder zurückfallen zu können in alte rassistische Narrative, eine ignorante Behäbigkeit.“ Das mache ihr mindestens ebenso viele Sorgen wie das Erstarken rechtsextremistischer und rechtsradikaler Positionen: „Denn das eine hängt mit dem anderen zusammen. Es gibt eine gefährliche Gewöhnung an Übernahme von rechter Rhetorik. Alle Parteien rücken nach rechts, aus Angst, Wähler zu verlieren, anstatt sich ganz klar abzugrenzen.“
In „Trotzdem zuhause“ schildert Ogette, wie es ist, sich immer wieder anpassen zu müssen, um nicht aufzufallen, und beschreibt das Gefühl, nirgendwo einen Ort zu haben, an dem sie sich fühlt wie alle anderen, nicht einmal in Tansania, wo sie die Deutsche ist, die Europäerin. Es habe lange gedauert, bis ihr klar geworden sei, dass nicht sie selbst das Problem sei, sondern die Sicht der anderen auf sie. Gegen Ende des Buches kommt sie zu dem Schluss, sich erfolgreich eine Identität im Dazwischen geschaffen zu haben. Dabei scheint die Gegenwart, von der Politik bis zu den sozialen Medien, immer weniger von Ambivalenz, Vieldeutigkeit und Multiperspektivität zu halten.
Der Erfolg der AfD hat Gründe
„Ich frage mich immer öfter, ob das nicht vor allem ein medial getriebenes Narrativ ist“, sagt Ogette dazu. Vor der Veröffentlichung ihres Buches, das sie als „Ode an die Gleichzeitigkeit“ verstehe, habe sie sich gefragt, ob die Menschen dafür bereit seien: „Aber ich merke immer mehr, sie sind nicht nur bereit, sie sehnen sich danach.“
Die Erfolge der AfD, die nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt möglicherweise allein regieren könnte, sieht sie als gesamtdeutsches Problem: „Nur auf den Osten zu schauen, erlaubt dem Westen einen paternalistischen Blick und das Ausweichen vor der eigenen Verantwortung.“ Die AfD sei eine gesamtdeutsche Partei, gegründet von westdeutschen Professoren. In den Neunzigerjahren hätten westdeutsche Nazis im Osten junge Menschen rekrutiert: „Sie fanden einen Nährboden und Bereitschaft.“
Dass die AfD im Osten höhere Werte erziele, habe ernst zu nehmende Gründe: „Brüche, Entwertungserfahrungen, das Gefühl, nach 1990 nie wirklich gefragt worden zu sein. Diese Gründe ernst zu nehmen und sie zugleich nicht als Entschuldigung gelten zu lassen, ist die Gleichzeitigkeit, die es braucht. Wer beides nicht aushält, sucht keine Antwort, sondern ein Alibi.“
Zu dem, was man tun könne, zähle es, rechte Rhetorik konsequent zu bekämpfen: „Die zu stärken, die für diese Demokratie kämpfen.“ Im Osten gebe es viele Menschen, die die AfD wählten. „Aber es gibt ebenso viele Menschen, die ihn nicht den Rechten überlassen wollen. Wir tun diesen Menschen großes Unrecht, wenn wir ,den Osten‘ einfach als rechts abschreiben. Sie brauchen dringend unser aller Unterstützung“, sagt Ogette.
Und was kann der Einzelne tun? „Vielleicht folgende Fragen beantworten: Inwiefern haben Sie, die das hier lesen, sich in den letzten Jahren rassismuskritisch positioniert und reflektiert? Welche Ressourcen haben Sie genutzt? Wo haben Sie gelernt, was haben Sie entlernt? Was tun Sie, um verinnerlichten Rassismus zu entlarven, Alltagsrassismen zu benennen, sich gegen eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei zu stellen?“
Tupoka Ogette, Literaturhaus Frankfurt, 11. Juni, 19.30 Uhr
