Oberbürgermeister Burkhard Jung: „Leipzig ist noch die linksliberale Insel“


Herr Jung, vor drei Wochen hat Leipzig eine schreckliche Amokfahrt erlebt. Zwei Menschen wurden getötet, mehrere verletzt. Wie haben Sie als Oberbürgermeister diese Tage erlebt?

Es war eine der dunkelsten Stunden meiner Amtszeit. Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die in Leipzig trotz aller Probleme immer spürbar sind, waren verloren. Als ich am Tatort ankam, war es erdrückend still. Sehr schnell habe ich aber erlebt, dass viele Menschen nicht weggehen, sondern helfen, Decken und Wasserflaschen bringen, Hände halten. Im Kriseninterventionsteam sind fast alle Ehrenamtliche, in einer Stunde waren 30 Leute in der Behelfshilfestelle im Gewandhaus. Und am nächsten Tag habe ich erlebt, wie viele Menschen fast trotzig in der Innenstadt unterwegs waren, um Blumen abzulegen oder beim Gottesdienst in der Nikolaikirche oder auf dem Nikolaikirchhof dabei zu sein. Es war tröstlich, in diesem Unheil doch Hilfsbereitschaft, Gemeinschaft und Zusammenhalt zu erleben. Dennoch bleibt die Frage, welche Konsequenzen wir ziehen müssen.

Es gab die Zufahrt in die Fußgängerzone am Augustusplatz, durch die der Täter einfahren konnte. Machen Sie sich Vorwürfe, weil dort keine Poller standen?

Nein, die mache ich mir nicht. Wir haben die Zufahrt gleich gesperrt, um uns gegen mögliche Nachahmungstäter zu schützen. Ansonsten haben wir keine Abpollerung der Innenstadt. Die vorhandenen Poller sind nur ein Signal, damit Menschen nicht fälschlicherweise hineinfahren. Ich bleibe dabei, dass wir unsere Städte nicht zu Festungen ausbauen können. So etwas kann überall passieren, auf dem Gehweg, an der Haltestelle. Dennoch müssen wir eine Balance finden, um das persönliche Sicherheitsempfinden zu stärken und gleichzeitig den freizügigen öffentlichen Raum zu bewahren, wo Vielfalt und Freude erlebbar sein müssen.

Seit der Amokfahrt am 4. Mai stehen Poller in der Grimmaischen Straße in Leipzig. Am Fuß der Bronzeplastik liegen Blumen für die Opfer des Anschlags.
Seit der Amokfahrt am 4. Mai stehen Poller in der Grimmaischen Straße in Leipzig. Am Fuß der Bronzeplastik liegen Blumen für die Opfer des Anschlags.Robert Gommlich

Sie sind seit 20 Jahren Oberbürgermeister von Leipzig. 1991 sind Sie aus Siegen gekommen, um ein evangelisches Schulzentrum aufzubauen. Wie hat Leipzig damals auf Sie gewirkt?

Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen – so viel war kaputt in dieser Stadt. Es gibt einen Film von 1990 mit dem Titel „Ist Leipzig noch zu retten?“. Das war eine ernsthafte Frage. Leipzig war dunkel, die Fassaden waren zerfressen, die Kriegsschäden noch sichtbar. Und dennoch gab es auch damals Plätze, wo man erahnen konnte, was passiert, wenn dieses Dornröschen wachgeküsst wird. Ich besuchte 1991 Bachs Grab, Auerbachs Keller, das Mendelssohn-Haus … Und auf einmal dachte ich, mein Gott, was hat hier alles stattgefunden, was ist das für eine kraftvolle Substanz in dieser Stadt! Und dann habe ich die Menschen kennengelernt, mit der Erfahrung von 1989, die immer noch einen halben Meter über der Erde schwebten. Alles ist möglich, alles veränderbar – dieser Geist hat mich fasziniert. Und ich hatte die Chance, mit 33 Jahren eine Schule nach meinen Vorstellungen aufzubauen, in einer Stadt, die voller Wunder ist.

Fünfzehn Jahre später, 2006, haben Sie erstmals die Wahl zum Oberbürgermeister gewonnen. Da galt Leipzig noch als hoch verschuldete Armutsstadt. Haben Sie den Boom erkannt, den die Stadt erfahren würde?

Das klingt jetzt unbescheiden: Ich habe es erahnt und erhofft. Der Durchbruch kam mit der Ansiedlung von Porsche. Ich war damals noch Beigeordneter für Soziales und Gesundheit, Wolfgang Tiefensee war Oberbürgermeister. Und wir haben gefeiert, weil wir wussten, dass damit die Tür für eine industrielle, produktive Wirtschaftsentwicklung aufgeht. Dann kam BMW, dann zog DHL von Brüssel nach Leipzig. Da war mir klar, der Schrumpfungsprozess ist vorbei. Wir hatten zwar 2006 eine Arbeitslosigkeit von 20 Prozent und waren hoch verschuldet, aber es war absehbar, dass das enden würde. Und ich weiß noch, wie alle gelacht haben, als ich die Schlagzeile machte: Leipzig wird auf 600.000 Einwohner wachsen. Heute nähern wir uns den 640.000.

Viele junge Leute sind seitdem hergezogen, es gibt eine lebendige Kulturszene. Ist dieses Wachstum ein Segen oder auch ein Fluch?

Ich nenne das Wachstumsschmerzen. Als kleiner Junge taten mir die Beine weh, weil die Knochen irgendwie größer wurden. Leipzig hat für deutsche Verhältnisse ein unglaublich schnelles Wachstum, innerhalb von zehn Jahren sind 100.000 Menschen hergezogen. Das hieß rund 30 neue Schulen, 60 Kitas plus die öffentliche Infrastruktur. Das ist wunderbar. Es ist viel schöner, das aufzubauen, statt Schulen zu schließen, wie ich das als Beigeordneter zuvor hatte machen müssen. Aber es heißt auch Konkurrenz um Räume, vor allem um bezahlbaren Wohnraum, Verkehrsentwicklung, Emissionen …

Hat seine Stadt aufwachsen sehen: Burkhard Jung (SPD) schaut aus dem Fenster seines Büros im Neuen Rathaus.
Hat seine Stadt aufwachsen sehen: Burkhard Jung (SPD) schaut aus dem Fenster seines Büros im Neuen Rathaus.Robert Gommlich

Leipzig steht für ein anderes Ostdeutschland, eine eher linke Stadt, in der SPD, Grüne und Linke lange dominierten. Die AfD hat aber zugelegt. Ihre Partei, die SPD, ist in der Stadtratswahl mit zwölf Prozent nur noch auf dem fünften Platz gelandet. Ist Leipzig noch die linksliberale Insel in Sachsen?

Natürlich sind wir das. Aber es hat sich viel verändert. Als ich 1999 zum ersten Mal Beigeordneter wurde, gab es zwei gleich große Lager: die christdemokratisch geprägte Mitte und die sozialdemokratisch geprägte politische Linke. Heute herrscht von AfD bis zur Linkspartei eine polarisierte Situation. Und die AfD schwappt sozusagen vom Land in die Stadt hinein. Leipzig ist noch die linksliberale Insel, die aber zunehmend Wasserstandsmeldungen bekommt.

Zur polarisierten Situation gehört eine starke linksextremistische Szene in der Stadt. Die sogenannte Hammerbande kommt aus Leipzig. Wie bewerten Sie diese Szene?

Es gibt kriminelle Anarchisten, kriminelle Linksradikale. Und man muss mit klarer Haltung Kriminelle auch Kriminelle nennen. Und alles zur Anzeige bringen, was die Würde des Menschen verletzt. Das gilt für links und für rechts. Den Hass und die Gefährdung unserer demokratischen Grundsubstanz sehe ich aber stärker rechts außen.

In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen bei mehr als 40 Prozent, in Sachsen bei 35. Woran liegt das?

Das hat zu tun mit den raschen und großen Veränderungen, die Menschen erleben. Die Globalisierung hat weltweit zu einer Konzentration auf die eigene Gruppe, die eigene Sippe geführt. In Ostdeutschland haben die Transformation und der Weggang der jungen Leute die Lage verschärft. Es ist aber eine Frage der Zeit, in der das, was wir in Ostdeutschland sehen, auch in Westdeutschland passieren wird. Das sehen wir schon an den letzten Wahlen. In Leipzig, der ersten gesamtdeutschen Stadt, wie ich sage, kann man all diese Probleme wie im Brennglas sehen.

Sie sind als Präsident des Städtetages auch ein gesamtdeutscher Politiker. Städte und Kommunen klagen seit Jahren, dass sie angesichts der Kosten der Sozialausgaben nicht wissen, wie es weitergehen soll. Wie kann das überhaupt gelöst werden?

Wir können nicht mehr alles wie bisher finanzieren, sondern müssen entscheiden: Was ist sozial verantwortbar? Wir werden nicht groß sparen können, müssen aber zumindest die Kosten dämpfen. Und es kann nicht sein, dass wir als Kommunen etwa ein Viertel der Aufgaben des Staates erfüllen und nur ein Siebtel der Einnahmen bekommen. Das müssen wir anders verteilen. Und wir haben in Deutschland insgesamt überzogen. Ein schlichtes Beispiel: Heute gibt es den Rechtsanspruch des einzelnen Kindes auf eine Schulbegleitung, wenn es eine Behinderung hat. Das finde ich toll. Aber das kann nicht dazu führen, dass am Schluss sechs Erwachsene im Klassenzimmer sitzen, die Begleitpersonen sind. Das kann man ändern, indem man ein Pooling-Modell einsetzt, dann hat man vielleicht eine Begleitperson für drei Kinder. Es geht darum, solche vernünftigen Lösungen zu finden.

Ihre Amtszeit endet Anfang nächsten Jahres nach 21 Jahren. Leipzig war für die SPD immer ein Vorzeigeobjekt in Ostdeutschland. Wie sehen Sie die Chance, dass ein Sozialdemokrat die Stadt wieder anführt?

Ich glaube, dass es nach wie vor eine Mehrheit in dieser Stadt gibt für eine sozialdemokratisch-grün-linke Politik. Und die SPD hat jetzt mit Dirk Panter (sächsischer Wirtschaftsminister, Anm. d. Red.) einen großartigen Kandidaten, der weiß, wie die Wirtschaft funktioniert und das Herz am rechten Fleck hat. Ich bin also zuversichtlich.

Sie sind 68 und fast drei Jahrzehnte in der Politik. 2018 wollten sie Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes werden. Das hat nicht geklappt. Warum sind Sie trotzdem in der Politik geblieben?

Es war gut, dass es nicht geklappt hat. Ich hatte damals eine Krise in meinem politischen Leben. Es war nach 2015, die große Flüchtlingsfrage war auf dem Tisch, es gab Anfeindungen und Morddrohungen, ich hatte Personenschutz. Irgendwann habe ich mich gefragt: Was tust du dir da eigentlich an? Ich bin aber froh, dass ich mich noch mal zur Wahl gestellt habe. Denn es ist ein wunderbares Amt, um zu gestalten und Dinge zu bewegen.

Haben Sie manchmal dran gedacht, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn Sie Lehrer geblieben wären? Ihre ehemalige Frau hätte sich das gewünscht, wie sie einmal in einem Interview sagte.

Es gab Momente, da denkt man daran. Ich habe immer gesagt, ich vermisse den Luxus, mit Kindern 45 Minuten über ein Gedicht nachdenken zu können. Aber ich war zu jung, um Schulleiter zu bleiben. Meinen Weg in der Politik habe ich am Ende nie bereut.



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