Psychologie des Ausmistens: Warum Loslassen so schwerfällt
Übervolle Schränke, Chaos und kein Platz zum Durchatmen: Viele Menschen haben Probleme, in ihrer Wohnung Ordnung zu schaffen. Ein Ordnungscoach zeigt, wie man im Badezimmer richtig aufräumt.
26.05.2026 | 6:03 min
Ausmisten ist meist die einzige Lösung, wenn Schränke überquellen oder Schubladen sich nicht mehr schließen. Warum wir an Dingen hängen und wie wir uns trotzdem davon trennen können, erklärt Psychologin Eva Wlodarek.
Warum Ausmisten von Kleidung schwerfällt
Die Jeans ist abgewetzt, das Kleid passt nicht mehr zum eigenen Stil – Aussortieren fällt selbst dann schwer, wenn Kleidung nur noch ungetragen im Schrank hängt.
Unsere Lieblingsstücke sind meist emotional aufgeladen.
Dr. Eva Wlodarek, Diplom-Psychologin
Kleidungsstücke stünden für bestimmte Lebensphasen und Erlebnisse oder vermittelten ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, so Wlodarek. „Sie erinnern uns an eine Zeit, in der wir uns besonders frei, erfolgreich oder attraktiv gefühlt haben“. Daher werde das Entsorgen nicht wie ein sachliches Aussortieren erlebt, sondern wie ein kleiner Abschied.
- Ausräumen: Für einen besseren Überblick die gesamte Kleidung auf einen Haufen legen
- Aussortieren: Kaputte Kleidung ausmustern, Brauchbares abgeben
- Aufbewahren: Kleinteile wie T-Shirts und Socken sowie Strickware oder knitterarme Hosen zu Päckchen falten und aufrecht in Schubladen stellen
- Anordnen: Viel genutzte Dinge gut erreichbar unterbringen
- Aufhängen: Einheitliche Kleiderbügel bringen optisch Ruhe in den Kleiderschrank.
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18.05.2026 | 6:00 min
Welche Gefühle beim Ausmisten entstehen
Beim Aussortieren könnten unterschiedliche emotionale Prozesse ausgelöst werden, erklärt die Psychologin. Gerade Kleidung sei eng mit dem eigenen Selbstbild verknüpft. Werde die damit verbundene Frage „Wer war ich mal?“ gestellt, könne das Trauer hervorrufen.
Fotos oder Dekorationsstücke seien dagegen direkt mit Erlebnissen aufgeladen. Hier gehe es beim Aussortieren oft um die Angst, gleichzeitig die Erinnerung zu verlieren. Um sich trennen zu können, empfiehlt Wlodarek, sich bewusst zu machen, dass die Erinnerung nicht im Gegenstand stecke.
Gefühle und Erinnerungen bleiben auch ohne das konkrete Objekt bestehen.
Dr. Eva Wlodarek, Coach
Viele Gegenstände stünden symbolisch für Beziehungen, Träume oder Rollen, die ein Mensch hatte. „Wer ausmistet, setzt sich deshalb auch mit diesen inneren Themen auseinander“, analysiert Wlodarek den Prozess.
Dr. Eva Wlodarek ist Diplom-Psychologin und promovierte 1987 zu dem Thema „Glücklichsein“. Sie ist als Psychologische Psychotherapeutin approbiert und hat Zusatzausbildungen in Gesprächs-, Verhaltens- und Gestalttherapie. 1980 begann sie als eine der ersten mit der Entwicklung von psychologischen Tests für Medien, Produktwerbung und PR in Deutschland. Außerdem ist sie als beratende Psychologin tätig, ist Buchautorin und arbeitet als Coach.
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Was beim Aufräumen helfen kann
Mangelnde Motivation sei also nicht immer der Hauptgrund, das Ausmisten zu vermeiden. Vielmehr hält die Psychologin Überforderung für einen großen Hemmschuh.
Das Gehirn reagiere auf zu große Aufgaben mit Vermeidung – klein anfangen sei daher eine Lösung, rät Wlodarek. Statt die gesamte Wohnung bezwingen zu wollen, könne man sich erstmal vornehmen, einen Schrank aufzuräumen oder Dinge einer Kategorie auszusortieren wie beispielsweise Bücher. Zeitliche Begrenzung beim Aussortieren auf eine halbe Stunde sowie die Unterstützung von Freunden, Familie oder einem Coach könnten ebenfalls helfen. Wichtig sei allerdings, dass „die Hilfe wertschätzend und nicht bevormundend ist“, betont Wlodarek.
Pathologisches Horten wird umgangssprachlich auch „Messie-Syndrom“ genannt. Betroffene horten demnach große Mengen an Dingen mit von außen betrachtet oft geringem Wert oder praktischen Nutzen.
Psychologische Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn Wohnräume ihre eigentliche Funktion verlieren, soziale Beziehungen leiden oder Scham und Isolation zunehmen. Dies gilt auch dann, wenn psychische Belastungen wie Depressionen, Angststörungen oder traumatische Erfahrungen mit dem Verhalten einhergehen.
Wie Freunde oder Familie unterstützen können
Hilfe von anderen kann das Ausmisten erleichtern, ist Psychologin Eva Wlodarek überzeugt, „da Entscheidungen gemeinsam oft leichter fallen“. Sie warnt aber davor, Dinge zu bewerten. Aussagen wie „Das olle Ding willst du behalten?“ können verletzend wirken, so die Expertin.
Konflikte könne es auch geben, wenn die helfende Person die Kontrolle beim Ausmisten übernehme. Heimliches oder ungefragtes Aussortieren beschädige das Vertrauen und könne Widerstand auslösen. Selbst Entscheidungen zu treffen und damit im Prozess die Kontrolle zu behalten, ist nach Ansicht der Psychologin weitaus nachhaltiger.
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Warum Ausmisten der Gesundheit hilft
Unordnung erzeuge unterschwellig Stress, sagt Eva Wlodarek: „Ein aufgeräumtes Umfeld wirkt entlastend, weil unser Gehirn weniger äußere Reize verarbeiten muss.“ Bessere Konzentrationsfähigkeit und mehr Ruhe oder Energie können die positiven Folgen davon sein. Nicht zuletzt gebe Aufräumen das Gefühl von Kontrolle und damit Sicherheit. Auch das Belohnungszentrum werde am Ende eines Ordnungsprozesses aktiviert. Es gebe aber auch praktische Vorzüge für den Körper wie weniger Staub oder eine geringere Stolpergefahr.
Cornelia Petereit ist Redakteurin der ZDF-Sendung „Volle Kanne – Service täglich“.
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Über dieses Thema berichtete das ZDF in der Sendung „Volle Kanne“ am 26.05.2026 ab 09:05 Uhr.
