Die Ukraine nimmt Russlands Nachschubwege ins Visier
Die ukrainischen Streitkräfte kämpfen um die Kontrolle über die wichtigsten Nachschubwege der russischen Armee in den besetzten Gebieten der Ukraine. Neu entwickelte Mittelstreckenwaffen würden inzwischen Russlands Logistik-Routen auch im Hinterland erreichen, berichten ukrainische Militärs. Ukrainische Drohnen könnten Aufklärungs- und Angriffspatrouillen im Raum Mariupol fliegen. Abschnitte des sogenannten „Landkorridors“ zur Krim bis zu 160 Kilometer von der Frontlinie entfernt stünden damit unter Feuerkontrolle. Als Beweis veröffentlichte das ukrainische Militär zahlreiche Videos im Internet, in denen ausgebrannte russische Militärfahrzeuge zu sehen sind – entlang der Straße, die durch die besetzten Gebiete im Süden des ukrainischen Festlandes zur Halbinsel Krim führt.
„Als größter potenzieller Erfolg Moskaus wurde im Verlauf des blutigen und langwierigen Krieges von 2022 bis 2026 die Schaffung eines Korridors über Land zur Krim betrachtet. Doch nun ist klar, dass dies eine vergängliche Errungenschaft ist. In Wirklichkeit kreisen bereits ukrainische Drohnen über dem Korridor, den Zivilisten nicht mehr befahren dürfen. Die Krim wird für Russland zu einem Überseegebiet. Natürlich werden wir es dabei nicht belassen“, schrieb auf Facebook Ihor Luzenko, Soldat der ukrainischen Armee und Mitbegründer des Zentrums für Luftaufklärung.
Ein Wendepunkt im Krieg für die Ukraine?
Noch sei man von einer vollständigen Kontrolle über die russischen Nachschubwege weit entfernt, sagt Mykola Beleskow vom ukrainischen Hilfsprojekt „Come back alive“, der auch Berater am Nationalen Institut für Strategische Studien ist. „Wäre die vollständige Kontrolle gegeben, würden sich die russischen Truppen im Süden anders fühlen“, sagt Beleskow im Gespräch mit der DW. Allerdings nehme die Verwundbarkeit der russischen Truppen zu.
Foto- und Videobeweise deuteten darauf hin, dass die Attacken der Ukrainer in einer mittleren Distanz zum Gegner effektiver geworden seien, so Beleskow. „Die Russen sind jetzt weniger aktiv, obwohl ihr Einsatzbereich durchaus groß ist und es dort schwere Angriffe gab. Noch kann man nicht von einem Wendepunkt sprechen. Es bedeutet nur, dass sich die Lage für uns nicht weiter verschlechtert.“
Neue Waffentechnik verschafft eine Atempause
Experten führen die Erfolge des ukrainische Militärs auf technologische Durchbrüche zurück. Unter anderem verfügen die Verteidigungskräfte jetzt über Drohnen des ukrainischen Herstellers Wild Hornets mit eingebautem KI-System. Das verschaffe den Verteidigern aber nur ein begrenztes Zeitfenster, meint der Militärexperte und Historiker Mychajlo Schyrochow. Der Autor zahlreicher Veröffentlichungen über die Militärluftfahrt und Konflikte im postsowjetischen Raum geht davon aus, dass Russland schon bald zusätzliche mobile Feuergruppen vorbereiten und die Straßen entlang des Krim-Korridors umfassend mit Netzen zur Drohnenabwehr schützen wird.
Doch für die Ukraine sei es von Vorteil, wenn Russland zu solchen Gegenmaßnahmen genötigt sei, denn jede Verteidigungsmaßnahme erfordere Ressourcen, erläutert Schyrochow. „Das ist eine zusätzliche Belastung für die Russen. Sie werden gezwungen sein, Geld zu investieren und Ressourcen umzuleiten, um diese Straße abzusichern. Die Wirksamkeit der ukrainischen Angriffe beruht derzeit auf einem Überraschungseffekt, der später nachlassen wird. Sobald etwas Wirksames auftaucht, kommt es zu Gegenmaßnahmen. Das haben vier Jahre Krieg gezeigt. Deshalb muss dieser Moment optimal genutzt werden, solange die Russen noch keine effektive Luftverteidigung an diesem Frontabschnitt aufgebaut haben“, betont der Experte gegenüber der DW.
Was sollte die Ukraine jetzt unternehmen?
Schyrochow nennt mehrere konkrete Maßnahmen, um den Druck auf die Logistik der russischen Armee zu erhöhen: Erstens die Ausweitung der Drohnenangriffe, die sich bereits als wirksam erwiesen haben. Zweitens der Einsatz schwererer Sprengköpfe in Drohnen, um russische Panzerfahrzeuge zerstören zu können. Und drittens neue Zielsetzungen. Der Experte verweist auf die Infrastruktur entlang der Hunderte von Kilometern langen Strecke. Angriffe auf Tankstellen und Werkstätten könnten die Logistik der russischen Armee systematischer beeinträchtigen als die Zerstörung einzelner Fahrzeuge.
Der Militärexperte Mykola Beleskow macht auf weitere Aspekte aufmerksam. So müssten an der Front viele Aufgaben gleichzeitig erfüllt werden. „Egal wie fortschrittlich die Technologien sind, ohne Fachleute können sie ihr Potenzial nicht entfalten. Robotergestützte Kriegsführung ist nach wie vor stark auf menschliches Personal angewiesen. Genau darin liegt meiner Meinung nach eine der größten Einschränkungen. Es gibt einen Mangel an ausgebildeten Einsatzkräften in allen Verbänden, die sich mit mittlerer Distanz befassen.“ All dies komme zum allgemeinen Personalmangel an der Front hinzu, so das Fazit des Experten. Selbst die effektivsten technologischen Lösungen könnten deshalb ihre Möglichkeiten nicht voll ausschöpfen.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk
