Unfreiwillige Dreiecksbeziehung – Du, ich und die Depression


Vor sechs Jahren hat sich Stefans Partnerschaft grundlegend verändert. Damals, als die Corona-Pandemie losging, hatte Stefans Ehefrau Jessica einen Zusammenbruch und steckt seitdem in einer Depression. Stefan und Jessica heißen in Wirklichkeit anders. Zum Schutz ihrer Privatsphäre wurden ihre Namen geändert.

Jessica wurde krankgeschrieben und konnte drei Jahre nicht arbeiten. Sie verbrachte Monate in Kliniken, mit ambulanten Therapien und hat verschiedene Medikamente ausprobiert.

„Nach ungefähr drei Jahren kamen wir zu dem Schluss, dass es nicht mehr so wird wie vorher „, sagt Stefan. „Ein unbelastetes, lockeres Miteinander gibt es nicht mehr.“ 

Frühwarnzeichen einer Depression: Überforderung und Rückzug

Es begann damit, dass Jessica sich zunehmend vor Menschen fürchtete und eine Sozialphobie entwickelte, erzählt der 44-jährige Softwareentwickler. Selbst aus dem Kreis enger Freunde zog sie sich zurück. Einkaufen wurde schwierig, Anrufe bei Ärzten oder Behörden unmöglich. 

Auch von Stefan fühlte sich Jessica überfordert. Banale Gedanken, die er früher mit ihr geteilt hatte, zum Beispiel über Dinge, die er gelesen oder gesehen hatte, waren ihr jetzt zu viel. 

Eine Depression ist für die Erkrankten schlimm. Doch auch die Angehörigen leiden. Gerade in einer Partnerschaft verschiebt sich etwas. „Es gab Phasen, da hatte ich eine Ehefrau weniger und ein Kind mehr“, sagt Stefan. Je weniger Jessica selbst tun konnte, desto mehr hat er ihr abgenommen. 

Grenzen setzen für die eigene mentale Gesundheit

Birgit Esch hilft Angehörigen von Menschen mit Depressionen. Sie hat lange als Krankenschwester mit psychisch erkrankten Personen gearbeitet und bemerkt: Nur wenn die Angehörigen einbezogen werden, können die Betroffenen wirklich gesund werden. 

Heute ist sie systemische Familientherapeutin am LVR-Klinikum in Bonn und eine Anlaufstelle für Menschen wie Stefan. Sie bietet Kurse an, in denen Angehörige an drei Abenden nicht nur lernen, was eine Depression ist: „Wichtig ist vor allem, dass das individuelle Wissen der Angehörigen mit einbezogen wird“, sagt Esch. 

„Die meisten Angehörigen gehen etwa 4 Wochen, bevor der Betroffene in die Klinik kommt, durch die Hölle“, sagt sie. Weil sie alles probiert haben, immer mehr rotieren, angespannt, ängstlich und voller Sorgen um den geliebten Menschen sind. „Wie geht es dir denn eigentlich? Diese Frage wird [Angehörigen] viel zu selten gestellt“, sagt Esch. 

Dabei sei es enorm wichtig, dass Angehörige lernen, gut auf sich zu achten und Grenzen zu setzen. Damit sie selbst gesund bleiben. Und den Betroffenen eine echte Hilfe sein können. 

Psychisch gestört oder völlig normal?

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Wichtig für Angehörige von Depressiven: Keine Hilfe ohne Auftrag

Abgrenzung und Hilfe gehen oft Hand in Hand. Denn wenn Angehörige ungefragt immer mehr Alltagsaufgaben übernehmen, verstärke das die Passivität des Depressiven, was wiederum die Depression füttere, erklärt Esch.

Die Aufopferung der Angehörigen verstärkt zudem das Schuld- und Schamgefühl der Erkrankten. Das musste auch Stefan erfahren. Je mehr er seiner Frau im Haushalt abnahm, je häufiger er Anrufe für sie führte, desto mehr fühlte sie sich als Belastung für ihn.

„Es wäre besser für dich, wenn ich nicht mehr da wäre“, hörte Stefan dann von ihr. 

„Keine Hilfe ohne Auftrag“, sagt Birgit Esch gerne. So bleibt das Gefühl von Selbstwirksamkeit der Betroffenen erhalten. Die Angehörigen haben so auch die Chance ‚Nein‘ zu sagen und der eigenen Überlastung entgegenzuwirken.

„Abgrenzung bedeutet nicht, dass ich die Person ablehne, sondern dass ich der Depression nur einen bestimmten Platz zubillige“, sagt Esch. 

Trennung von Person und Depression macht es Paaren leichter

Abgrenzung falle dann leichter, wenn Angehörige es schaffen, die Depression von der Person zu trennen, so Esch. Jessica ist oft frustriert, weil sie aufgrund der Erkrankung ihren eigenen Erwartungen nicht entsprechen kann. Ihr Geduldsfaden reißt schnell. 

„Rückzug, Gereiztheit und emotionale Distanz kommen nicht von der Person, sondern der Depression“, sagt Esch. „In einer Beziehung ist es wichtig zu akzeptieren, dass das Paar in einer Dreiecksbeziehung lebt.“

Kommunikation wird jetzt besonders wichtig – und ist gleichzeitig besonders schwierig. Gerade wenn es um potenzielle Konfliktthemen geht. „Ich muss mich immer zurückhalten und erstmal die Lage sondieren. Das ist sehr anstrengend“, sagt Stefan. 

Gleichzeitig fürchtet er immer auch, dass die Situation eskalieren könnte. Jessica und Stefan haben sich deshalb darauf verständigt, dass er ihr bestimmte Anliegen – beispielsweise wenn er sich zu Unrecht von ihr kritisiert fühlt – per Textnachricht übermittelt. Stefan kann sich mitteilen, Jessica kann darauf in ihrem Tempo reagieren. 

Umgang mit der Depression: Kleine Schritte wertschätzen 

Seit über einem Jahr arbeitet Jessica wieder – vier Stunden am Tag, vier Tage pro Woche. Mehr geht aktuell nicht. Doch Stefan ist froh, schließlich ist das mehr als lange möglich war. „Mittlerweile kann sie nach der Arbeit auch noch einkaufen gehen“, sagt er. 

Einkaufen, Haare waschen, Leergut wegbringen. Solche kleinen Schritte wertzuschätzen sei wichtig, sagt Esch. „Der Umgang mit der Erkrankung ist für den Betroffenen Schwerstarbeit.“ 

Als Jessica sich immer stärker zurückzog, ging Stefan mit in die Isolation. Auch das sei typisch, sagt Esch, aber für niemanden hilfreich. „Wir ziehen niemanden an den Haaren vom Sofa.“ Aber Angehörige hätten das Recht zu sagen „ich werde mich nicht daneben setzen und mit dir depressiv sein.“

Ein Mann hält die Hand einer Frau, während sie im Wald über einen umgestürzten Baumstamm läuft
Um geliebten Menschen mit einer Depression eine Hilfe sein zu können, müssen Angehörige gut für sich selbst sorgen. Das heißt manchmal, auch „nein“ zu sagenBild: Unai Huizi/imageBROKER/picture alliance

Hilfe für Angehörige durch Therapie und Gesprächskreise 

Im vierten Jahr der Depression seiner Frau entwickelte Stefan nervöse Ticks und einen unerklärlichen Juckreiz, der ihn nicht schlafen ließ. Psychosomatische Störungen – vermutlich ausgelöst durch die Belastung, die die Erkrankung seiner Frau auch für ihn bedeutete

Er suchte sich eine Therapeutin und fand zudem den Weg zu Birgit Esch. Neben Kursen zu verschiedenen psychischen Erkrankungen bietet sie auch Einzelberatungen und Gesprächskreise an. 

All das hat Stefan geholfen, seine eigene Position in der Dreiecksbeziehung mit seiner Frau und ihrer Erkrankung zu finden: Sich stärker zurückzuziehen und mehr für sich selbst zu machen. „Das ist auch notwendig, um leistungsfähig zu bleiben“, sagt Stefan. 

Juckreiz und Ticks sind mittlerweile verschwunden. Stefan ist viel unterwegs, mal mit Jessica, aber auch allein. Er möchte neue Leute kennenlernen, neue Sachen ausprobieren. Als nächstes will er seine Arbeitszeit reduzieren, um mehr Zeit für Sport zu haben. 

Trennung: Wenn die Depression größenwahnsinnig wird

Stefan und Jessica haben einen Umgang miteinander gefunden, der funktioniert. Nicht alle Paare schaffen das. Birgit Esch hat auch schon Trennungen begleitet. Eine Trennung sei dann ratsam, wenn die Depression als Entschuldigung für alles diene, so Esch. Ein Argument wie „Ich kann leider nicht nett zu dir sein, ich bin ja depressiv“ trägt nicht zu einer funktionierenden Beziehung bei.



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