Russland greift Ukraine massiv an – 24‑stöckiges Wohnhaus in Kyjiw getroffen

Keine Hoffnung auf Frieden: Der russische Machthaber Wladimir Putin hat die Ukraine in der Nacht zu Dienstag wieder mit schweren Luftangriffen überziehen lassen. Dabei gab es ersten Berichten am Morgen zufolge mindestens zehn Tote und rund 100 Verletzte. Weil in Kyjiw auch ein großes Wohnhaus getroffen wurde, wird befürchtet, dass die Opferzahlen noch deutlich steigen könnten.
Bei den jüngsten massiven Angriffen hat die Armee des Kremls ukrainischen Angaben zufolge rund 650 Drohnen und mehr als 70 Raketen eingesetzt. 602 Drohnen und 40 Raketen seien abgefangen worden. Bei dem nächtlichen Angriff habe Russland auch acht Zirkon-Hyperschallraketen eingesetzt. Dies sei die vermutlich größte Anzahl dieser Raketen, die seit Kriegsbeginn bei einem einzelnen Angriff auf die Ukraine abgefeuert worden sei, erklärte ein Luftwaffensprecher.
Moskau sprach von einem „massiven Angriff“ auf Einrichtungen des militärisch-industriellen Komplexes in der Ukraine. Der Angriff richtete sich demnach gegen Ziele in Kyjiw sowie in den Regionen Saporischschja, Charkiw und Dnipropetrowsk. Zudem sei die von der ukrainischen Armee genutzte Energie- und Verkehrsinfrastruktur in anderen Regionen der Ukraine ins Visier genommen worden, teilte das Ministerium in Moskau weiter mit.
Truppen von Putin hatten massive Attacken auf Ukraine angekündigt
In Kyjiw starben Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge mindestens vier Menschen, 58 Menschen wurden verletzt, auch Kinder. Russland hatte Kyjiw erst vor rund zehn Tagen massiv angegriffen. In Dnipro seien sechs Menschen getötet und 36 verletzt worden, teilte Regionalgouverneur Oleksandr Handscha auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mit. In Charkiw wurden den örtlichen Behörden zufolge zehn Menschen verletzt, darunter ein Kind.
Ein Raketeneinschlag brachte in der Hauptstadt ein 24-stöckiges Wohngebäude teilweise zum Einsturz. Klitschko sagte, es seien vermutlich Menschen unter den Trümmern verschüttet worden. Zudem seien ein neunstöckiges Wohnhaus sowie Autos im Stadtteil Obolon durch herabstürzende Trümmer in Brand geraten. Tausende Einwohner suchten in den U-Bahn-Stationen der Hauptstadt Schutz.
Von Dnipro veröffentlichte Regionalgouverneur Handscha Bilder von zerstörten Wohnhäusern, ausgebrannten Fahrzeugen und einem beschädigten Kinderspielplatz.
Die Ukraine hat seit Tagen vor neuen schweren Luftangriffen gewarnt. Erst am Montagabend hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner täglichen Videobotschaft die Warnung bekräftigt. Russland habe einen massiven Luftschlag vorbereitet. Die ukrainische Luftabwehr sei im Rahmen der derzeit verfügbaren Mittel bestmöglich einsatzbereit.
Die russische Regierung hatte in der vergangenen Woche „systematische Angriffe“ auf militärische Ziele und Entscheidungszentren in Kyjiw angekündigt und Ausländer zum Verlassen der ukrainischen Hauptstadt aufgefordert.
Moskau begründete dies mit einem ukrainischen Drohnenangriff auf ein Studentenwohnheim in der russisch besetzten Region Luhansk vor knapp zwei Wochen, bei dem 21 Menschen getötet worden seien. Die Ukraine hatte die russischen Angaben zurückgewiesen und den Angriff bestritten.
Zugleich meldeten russische Behörden am Dienstag ukrainische Angriffe auf eigenem Gebiet. Ukrainische Drohnen haben in der Nacht die Raffinerie Ilski im Süden Russlands beschädigt. In der Raffinerie, rund 50 Kilometer von der Millionenstadt Krasnodar entfernt, sei ein Feuer nach dem Drohnenangriff ausgebrochen, teilte der Krisenstab der Region auf Telegram mit. Verletzte gebe es nicht, hieß es. Die Raffinerie ist eine der größten Ölverarbeitungsanlagen des Landes.
Zudem habe die Luftabwehr Drohnen über dem russischen Flottenstützpunkt Sewastopol auf der annektierten Halbinsel Krim abgewehrt.
Russland hatte seine Luftangriffe zuletzt wieder forciert und dabei auch zum dritten Mal eine atomar bestückbare Rakete eingesetzt.
Putins Truppen nehmen bei ihren Angriffen vor allem die ukrainische Energieversorgung ins Visier. Die Ukraine greift seit Monaten verstärkt russische Ölanlagen an, um wichtige Einnahmequellen der russischen Führung zur Finanzierung ihres seit mehr als vier Jahren andauernden Angriffskriegs zu schwächen. Beide Seiten weisen den Vorwurf zurück, gezielt Zivilisten zu attackieren. (mit Agenturen)
