Wohnen im Alter: Neubauprojekt „Viola“ in Bad Vilbel schafft Barrierefreiheit
Für Klaus und Ursula Hermann war es ein kleines Paradies. 33 Jahre lang wohnten sie im früheren Forsthaus in Offenbach, im großen Garten konnten die Kinder nach Herzenslust toben. Aber es gibt dort auch viele Treppen und Winkel, und immer ist etwas zu reparieren. Für das Ehepaar war klar: Das kleine Paradies ist kein Ort, um alt zu werden.
Sie schauten sich nach einer altersgerechten Wohnung um, wurden in einem Neubauprojekt der städtischen ABG Holding an der Hansaallee in Frankfurt fündig. Die Umstände passten: Die Wohnung ist barrierefrei, nur zum Wintergarten ist eine kleine Stufe zu überwinden. U-Bahn und Grüneburgpark sind nicht weit entfernt. 2010 bezog das Ehepaar eine Wohnung im fünften Stock.
„Mittlerweile sind wir richtig glücklich“, sagt Klaus Hermann, der demnächst 88 Jahre alt wird und beim Gehen einen Rollator nutzt. „Wir sehen auf der einen Seite den Taunus, auf der anderen Seite die Skyline.“ Klar, sie hätten jetzt weniger Fläche zur Verfügung als im Haus, das Kellerabteil dürfte gern etwas größer sein. „Aber es gibt keine Hindernisse mehr, und wir müssen keinen Schnee räumen.“
Auch die Hausgemeinschaft mit Mietern aus verschiedenen Generationen und Nationen sei sehr gut. „Ich hatte noch nie so eine internationale Wohnsituation, und jeden Monat wird ein neues Kind geboren“, sagt der Soziologe, der unter anderem am Institut für Sozialforschung in Frankfurt gearbeitet hat. Als alter Mensch werde man gut integriert.
Menschen mit weniger Geld müssten in stationäre Pflege wechseln
Solche Integrationsleistungen werden in den nächsten Jahrzehnten noch stärker gefragt sein als bisher. Nach der jüngst veröffentlichten Prognose des Statistischen Landesamts steigt die Zahl der mehr als 80 Jahre alten Menschen in Hessen bis 2050 um rund 55 Prozent. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Einwohner insgesamt. Das heißt: Mehr Senioren stehen weniger junge Menschen gegenüber.

In Frankfurt, einer heute überdurchschnittlich jungen Stadt, ist die Entwicklung besonders ausgeprägt. Heute leben in der Mainmetropole rund 37.000 Menschen, die mindestens 80 Jahre alt sind. 2025 werden es schon rund 58.000 sein – ein Zuwachs um 58 Prozent. Darauf ist die Stadt in mehrfacher Hinsicht nicht vorbereitet. Das gilt in besonderer Weise für den Wohnungsmarkt, wo Änderungen nur sehr langsam wirksam werden. Nur rund 17 Prozent aller in Frankfurt angebotenen Wohnungen sind barrierefrei, wie eine Analyse des Seniorendienstes „Eli die Fee“ ergeben hat. In anderen Städten sieht es etwas besser aus, Darmstadt und Mainz zum Beispiel kommen auf Werte von mehr als 20 Prozent. Für alle Städte gilt: Bei Eigentumswohnungen ist Barrierefreiheit häufiger gegeben als bei Mietwohnungen.
In ganz Deutschland lebt nur etwa jede sechste Person im Alter zwischen 45 und 90 Jahren in einer barrierearmen Wohnung, wie aus dem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Sozialbericht hervorgeht. Das hat Folgen: „Damit besteht die Gefahr, dass verstärkt Haushalte mit niedrigen Einkommen in die vollstationäre Pflege wechseln müssen, weil die Voraussetzungen für die ambulante Pflege in ihren Wohnungen nicht gegeben sind“, schreibt das auf die Analyse des Wohnungsmarkts spezialisierte Pestel-Institut.

Das gelte es zu vermeiden, sagt Frédéric Lauscher, Vorstandsvorsitzender des Frankfurter Verbands für Alten- und Behindertenhilfe, der in Frankfurt Pflegeheime und Begegnungsstätten betreibt. „Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen weniger schnell hilfebedürftig werden.“ In Pflegeheimen gebe es auf lange Sicht dafür nicht genügend Plätze und Personal. Hilfebedürftigkeit entstehe meist durch Vereinsamung und Bewegungsmangel, sagt Lauscher. Wenn älteren Menschen aber ihre Wohnung nicht mehr verlassen, merke niemand, dass es ihnen nicht gut gehe. „Das ist ein Teufelskreis.“
Im Neubauprojekt „Viola“ in Bad Vilbel sollen diese Probleme nicht entstehen. Direkt am Nordbahnhof errichtet ein Unternehmen der Familie Hopp aus Mannheim 256 seniorengerechte Mietwohnungen. Der Komplex ist barrierefrei, die Duschen sind ebenerdig, an die Waschbecken kann man auch im Rollstuhl heranfahren, die Toiletten können bei Bedarf mit einem Haltegriff ausgestattet werden. Auch der Zugang zu den Balkonen ist stufenlos möglich, und die Schlafzimmer sind so geschnitten, dass dort bei Bedarf ein Pflegebett Platz findet. Einbauküchen sind schon montiert. Im Erdgeschoss gibt es Räume, in denen zum Beispiel ein Elektrorollstuhl abgestellt werden kann, der den Bewegungsradius außerhalb des Hauses erweitert. Einziehen werden außerdem ein Arzt, ein Bäcker und ein Restaurant. Mit der S-Bahn ist man in 25 Minuten im Stadtzentrum von Frankfurt.
„Günstig im Vergleich zu Angeboten des betreuten Wohnens“
Ein besonderes Angebot aber kommt vom Frankfurter Verband, der in dem Komplex ein Begegnungszentrum einrichtet. Angebote, die Bewegung und Geist anregen, soll es dort geben, Bewohner können sich dort treffen und austauschen, es soll gemeinsame Unternehmungen geben. Sechs Tage in der Woche wird ein Ansprechpartner anwesend sein, der bei Bedarf Unterstützung organisiert, von der Hilfe im Haushalt bis zu Pflegeleistungen. „Ziel ist, dass die Bewohner aus ihrer Wohnung nicht mehr ausziehen müssen“, sagt Lauscher. „Viola“ soll ein Zuhause bis ans Lebensende sein.
Finanziert wird der Service über eine Umlage von 60 Euro im Monat, die alle Mieter zu zahlen haben. „Das ist sehr günstig im Vergleich zu Angeboten des betreuten Wohnens“, sagt Lauscher. Auch Normalverdiener sollen sich die Wohnungen leisten können. Die Miete liegt mit 16,50 Euro je Quadratmeter auf dem üblichen Neubauniveau in Bad Vilbel. Die finanzielle Belastung halte sich für die Mieter aber durch kompakte Grundrisse in Grenzen, erläutert Christoph Schaab, der beim Bauherrn für die Vermarktung zuständig ist. Es gibt zum Beispiel eine Zweizimmerwohnung mit nur 41 Quadratmetern. Wer mehr Platz braucht, kann aber auch eine Dreizimmerwohnung mit 70 Quadratmetern mieten. Die Senioren bleiben nicht unter sich: In der Nachbarschaft im Neubauquartier Stadtgärten gibt es Reihenhäuser sowie Miet- und Eigentumswohnungen für alles Altersgruppen. „Es ist ein Mehrgenerationenquartier“, sagt Schaab.

Der Frankfurter Verband betritt mit dem Projekt in Bad Vilbel Neuland. „Wir wurden von Anfang an in die Planung einbezogen“, sagt Lauscher. „Es könnte ein Modell werden, das zeigt, wie man solche Projekte marktwirtschaftlich ohne staatliche Zuschüsse realisieren kann.“ Vergleichbare Angebote seien ihm nicht bekannt. Doch die Aktivitäten von Projektentwicklern und Investoren nehmen zu. „Angesichts des demographischen Wandels ist das Seniorenwohnen längst keine Nische mehr“, sagt Andreas Embacher vom Beratungsunternehmen Bulwiengesa.
Branche müsse Wege finden, „Wohnen im Alter“ neu zu denken
Ganz auf das Segment spezialisiert hat sich zum Beispiel die Frankfurter Wohnvoll AG. Das vor wenigen Jahre gegründete Unternehmen hat nicht hochpreisige Angebote im Blick, sondern Wohnungen für Normalverdiener. Der Strategie liegt eine umfassende Studie zugrunde. In mehr als hundert Gesprächen mit Senioren hat Wohnvoll die Bedürfnisse ermittelt. Eine zentrale Erkenntnis lautet: „Deutschland braucht nicht nur mehr altersgerechten Wohnraum – er muss auch erschwinglich sein.“ Die Branche müsse Wege finden, „Wohnen im Alter“ neu zu denken – die Babyboomer hätten andere Vorstellungen als die Generation vor ihnen. Anzustreben sei ein aktives Leben in einem modernen Wohnumfeld, das nicht an ein Pflegeheim erinnere. Unterstützungsleistungen müssten einfach zugänglich sein. Wohnvoll bietet dafür digitale Lösungen.
Um diese Angebote bezahlbar zu machen, ist Wohnvoll meist nicht in den teuren Großstädten aktiv, sondern eher im Umland, wo die Grundstückspreise niedriger sind. Mehrere Projekte gibt es schon in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Das erste in der Rhein-Main-Region ist in Ginsheim-Gustavsburg bei Mainz geplant. 77 barrierefreie Appartements und zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften sollen dort entstehen – ergänzt durch Tagespflege, ein Café-Bistro und Gemeinschaftsflächen. Der Bebauungsplan wurde Ende 2025 beschlossen, in diesem Jahr soll es losgehen. Bürgermeister Thorsten Siehr (SPD) sieht in seiner Stadt ein großes Interesse an dem Projekt und spricht von einem „wichtigen Schritt für zeitgemäßes Wohnen im Alter“.
Alter ist allerdings immer eine Frage der Perspektive. „Die Älteren werden immer jünger“, sagt der frühere Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, der inzwischen 74 Jahre alt ist und vorübergehend dem Aufsichtsrat der Wohnvoll AG angehörte. Das Unternehmen hat die Erfahrung gemacht, dass gerade die Boomer-Generation Vorbehalte hat gegen Angebote, die mit dem Etikett „für Senioren“ versehen sind.
Auch deshalb seien flexible Wohnformen nötig, sagt Christoph Schaab, der das Projekt Viola in Bad Vilbel vermarktet. Wer noch gut allein zurechtkomme, könne dort ganz normal wohnen. Das Angebot richte sich an die Generation 60 plus, das Durchschnittsalter der Interessenten liege aber bei 74 Jahren. Viele kämen aus einer Wohnsituation, die auch bei Klaus und Ursula Hermann zum Umzug geführt hat: Das Eigenheim sei zu groß oder nicht altersgerecht. Damit werde Wohnraum für Familien frei – und das sei mehr als ein Zusatznutzen des seniorengerechten Wohnens.
