Schiedsrichterskandal in Italien: Geheimnisvolles Klopfen an die Scheibe – Sport
Immer dann, wenn im italienischen Fußball ein Skandal geschieht, wird an die dunkelsten Stunden erinnert. Einen großen Infoartikel zum Calciopoli-Skandal aus der Mitte der 2000er-Jahre platzierte etwa die Gazzetta dello Sport am Sonntag auf ihrer Internetseite. Für jene Leser, denen nicht mehr gegenwärtig ist, dass Manipulation und Betrug in der Serie A einst erschreckend umfassend waren. Meisterschaften wurden damals mit Schiedsrichteransetzungen beeinflusst, eine ganze Fußballkultur letztlich infrage gestellt. Nun gibt es womöglich einen aktuellen Fall: seit am Freitag die ersten Meldungen auftauchten über die Ermittlungen der Mailänder Staatsanwaltschaft im italienischen Schiedsrichterwesen.
Im Zentrum steht diesmal eine zentrale Figur des Schiedsrichterwesens in Italien: Gianluca Rocchi, 52, ist der Koordinator für die Schiedsrichter der Serie A und B, der zwei höchsten Ligen des Landes. Genauer gesagt war er das, bis er am Samstag seinen Rücktritt bekannt gab. Nicht als Schuldeingeständnis wohlgemerkt, sondern „um die Ermittlungen nicht zu behindern“, wie er und sein Anwalt bekannt gaben. Für den 30. April ist er vor Gericht vorgeladen, die Vorwürfe bestreitet Rocchi bislang kategorisch, in allen drei Punkten.
Zweimal soll Rocchi in der vergangenen Saison 2024/25 Schiedsrichteransetzungen für bedeutende Spiele beeinflusst haben. Laut den Dokumenten der Staatsanwaltschaft, auf die sich italienische Medien beziehen, habe er zum einen bei einem Treffen im Mailänder San Siro im April 2025 veranlasst, dass am darauffolgenden Wochenende der von Inter Mailand präferierte Schiedsrichter Andrea Colombo das Meisterschaftsspiel zwischen Bologna und Inter pfeifen soll. Inter Mailand steht auch beim zweiten Fall im Fokus: Im Halbfinale der Coppa Italia – einem Derby zwischen Inter und Milan – soll der Schiedsrichter Daniele Doveri absichtlich eingesetzt worden sein, um dadurch einen möglichen erneuten Auftritt im Finale zu verhindern. Der Hintergrund: Inter habe, so die Staatsanwaltschaft, möglichst verhindern wollen, in der Saisonendphase häufiger als nötig von Doveri, einem der derzeit besten italienischen Schiedsrichter, gepfiffen zu werden.
Wer war der Mann hinter der Scheibe?
Und dann ist da noch der aufsehenerregende Fall vom 1. März 2025, der den VAR betrifft. Und von dem es ironischerweise einen Videobeweis gibt, der derzeit durch die Medien kursiert. Eine Aufnahme aus dem italienischen „Kölner Keller“, dem VAR-Raum in Lissone, einem Mailänder Vorort, zeigt eine Szene während des Spiels Udinese Calcio gegen Parma. Weder der Schiedsrichter Fabio Maresca auf dem Feld noch der VAR-Schiedsrichter Daniele Paterna hätten bei der Überprüfung eines möglichen Foulspiels in der ersten Halbzeit Elfmeter gegeben. Bis im Hintergrund offenbar jemand gegen die Scheibe des abgetrennten VAR-Raums klopfte, um einen Hinweis zu geben. „Rigore?“, „Elfmeter?“, fragt Paterna daraufhin verstohlen in Richtung des Hinweisgebers, der nicht zu sehen ist. Und tatsächlich: Kurz darauf bekommt Udine einen Elfmeter zugesprochen, der letztlich das Spiel entscheidet.
Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Rocchi soll an diesem Tag der Mann hinter der Scheibe gewesen sein, der verbotenerweise Einfluss auf die Schiedsrichter nahm. Intern wurde dieser Fall nach einem Hinweis eines ehemaligen Schiedsrichterassistenten bereits behandelt. Der interne Prozess führte allerdings nur zu einem neuen Protokollsystem in Lissone, mit dem nachgewiesen werden soll, wer an diesem Ort Einfluss nimmt. Dabei wollte es der italienische Fußballverband (FIGC) belassen, mutmaßlich um kein Aufsehen für das ohnehin häufig kritisierte VAR-Programm zu schaffen. Nun aber wird der Fall erneut untersucht – mit der Aufmerksamkeit einer gesamten Sportöffentlichkeit.
Der gesamte Schiedsrichterverband AIA ist in Italien jedenfalls in Aufruhr, insbesondere nachdem am Samstag auch noch der VAR-Supervisor, Andrea Gervasoni, zurücktrat. Gegen ihn wird aufgrund eines ähnlichen Vorfalls bei einem Serie-B-Spiel im März 2025 ermittelt, auch Gervasoni soll angeblich verbotenerweise Einfluss auf die Entscheidungen des VAR genommen haben.
Der Sportminister ist alarmiert
Auf die höchste Ebene hat der Sportminister den Fall gehoben: „Transparenz, Schnelligkeit und Gleichbehandlung im Umgang mit Vorwürfen der Nichteinhaltung von Sportregeln, vornehmlich wenn diese potenziell strafrechtliche Konsequenzen haben“, forderte Andrea Abodi am Samstag in einer Mitteilung. Und er deutete weitere Aufräumarbeiten an: „Der schwerwiegendste Aspekt ist jedoch die Art und Weise, wie die Anzeige innerhalb des Fußballsystems behandelt wurde“, so Abodi, der inmitten der fußballerischen Krise der Nationalmannschaft derzeit ohnehin an einer Neuaufstellung in der Zentrale des FIGC arbeitet.
Relevant für den italienischen Fußball sind mehrere Aspekte. Da wäre zum einen die mögliche versuchte Vertuschung. Außerdem die Frage, ob es sich um Einzelfälle handelt oder um ein möglicherweise systematisches Vorgehen von Rocchi und eventuell anderen Beteiligten, gegen die derzeit ermittelt wird. Drittens: ob etwa Inter Mailand wirklich bevorteilt wurde, auch wenn die Nerrazurri in der vergangenen Saison letztlich weder die Meisterschaft noch den Pokal gewannen. Bei allem Übermut in der Erinnerung an die dunkelsten Affären vor zwanzig Jahren: Nur bei der Erkenntnis, dass das gesamte System betroffen ist, wären die Parallelen zum Calciopoli-Skandal nachhaltig gerechtfertigt. Ausgeschlossen ist das nach derzeitigem Stand der Ermittlungen allerdings keinesfalls.

