Kästners „Fabian“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg


Erinnerungskultur, der Begriff hat bedeutungstechnisch mittlerweile die Substanz eines in die Wanne gefallenen Zwiebacks. Gemeint ist ja: Präventionskultur, auf dass die Inzucht zwischen Dummheit und hochentzündlicher Barbarei sich nicht wiederhole. Nur haben die Menschen eben Probleme mit massentauglichen Zeigefingern. Und zwar mit Recht(s), denn der ausgestreckte Zeigefinger, zu dem sich bald aus Einsamkeit auch alle anderen Finger gesellen, ist ja ein Teil der Misere.

Und wenn man Glück hat, kommt hier die Kunst ins Spiel. Und wenn man Pech hat, auch. Glück heißt aber, wenn die Kunst mehr ist als der Zeigefinger, als die reine Belehrung, die politische Eingemeindung. So wie der Zeigefinger, der auf den Mond weist, eben nicht der Mond selbst ist.

Letzterer jedenfalls schien über dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg so klar wie seine Nachbildung auf der Leinwand drinnen. Darunter begannen sich Dr. Cornelia Battenberg (Emma Oberpichler) und Dr. Jakob Fabian (Mirco Kreibich) zu verlieben, bevor in dieser Bühnenfassung von Erich Kästners „Fabian“ alles vor die Hunde ging.

Kästner nennt es später ein „apokalyptisches Volksfest“

Der Schriftsteller Erich Kästner – kann man sich einen deutscheren Schriftsteller denken? – steht im Mai 1933 in der Menge, als Studenten in SA-Uniform seine „undeutschen“ Bücher ins Feuer werfen. Erst wollen sie gar nicht recht brennen. Aber dann ist die Feuerwehr zur Stelle und übergießt alles mit Benzin. Kästner nennt es später ein „apokalyptisches Volksfest“.

An Filmen, Serien, Theaterstücken, Gedichten und Büchern, die ihrem Publikum zurufen „aufpassen!“, die über das Hier und Jetzt die Folie des historischen Kipppunktes vor 1933 legen, mangelt es nicht. Und angesichts der Kriegstreiberei vor den Toren Europas, dem „Wartesaal“, wie ihn Jakob nennt, und einer wütenden Begeisterung für die Fraktion „Vogelschiss“ (Alexander Gauland über die Zeit des Nationalsozialismus) wundert es ja auch keinen. Weiter östlich sollen Reiche wieder groß werden und tausend Jahre dauern, und an den deutschen Universitäten soll es im Namen der Meinungsfreiheit mit der „poststrukturalistischen Phrasendrescherei“ (Wahlprogramm der AfD)  ein Ende haben. Prost Mahlzeit.

„Dieses Land ist eine Geisterbahn“, singt der schwarze Schwan (Markus John ), und Jakob Fabian (Mirco Kreibich) weiß kaum, wie ihm geschieht.
„Dieses Land ist eine Geisterbahn“, singt der schwarze Schwan (Markus John ), und Jakob Fabian (Mirco Kreibich) weiß kaum, wie ihm geschieht.Katrin Ribbe

„Dieses Land ist eine Geisterbahn / Komm steig ein, ab in den Untergang“, singt  im schwarzen Tutu Markus John, der an diesem Abend neben Henning Hartmann wohl die meisten Wandlungen vollziehen muss. Umgezogen wird sich neben, vor, hinter und auf der Bühne, bevor es auf das große quadratische Podest geht, das von zwei gewaltigen weißen Leinwänden umrahmt wird, auf die mit Tageslichtprojektoren Schattenrisse von Blumen, Werbefolien oder einfach nur die Silhouetten der fünf Schauspieler (und ihr Eigenleben) geworfen werden. Diese Bühne mit offenem Visier, die sich der Regisseur Dušan David Pařízek ausgedacht hat, ist im allerbesten Sinne fadenscheinig, Prinzip: Hosen runter.

Laut beginnt dieser Abend und albern, als Wettstreit der Ideen zur Illustration von Rastlosigkeit und Zerstreuungswunsch. Eine Busfahrt führt an den Berliner Sehenswürdigkeiten (sichtbar auf den Leinwänden) vorbei, kommentiert im lauten Dialekt, der auf verpuffende deutsche Fahrgastverdrießlichkeit trifft. Viel schöner: die rasante Taxifahrt mit Irene Moll, die Hartmann vermittels schwarz glänzender Posaune vorführt, bevor die Moll ihren Jakob Fabian als feuerrot perückte Lust-Nosferata zu verschlingen droht.

Mutterliebe, das ist hier Männersache

Mirco Kreibich, der Jakobs mit reichlich Nervosität gepaarte Lebenslust durch enorme Körperwechselspannung und einen fast schon Heinz-Rühmann-artig schabenden Ton transportiert, gerät in dieser „Waffenfabrik für Räuberpistolen“ bald von einer Schieflage in die andere. Job weg, Frau weg, Freund weg.

Und hier wird aus dem Stück viel mehr als die obligatorisch-politische Unwetterwarnung. Sichtbar wird hinter all der Zerstreuung ein Mann, dessen Midlifecrisis durch das Kriegserlebnis um eine Dekade nach vorn gerutscht ist. Die Erinnerung daran, wie die Ungewissheit des In-den-Krieg-geworfen-Seins alles, „was vorher war“, auslöscht, egal macht, hat ein Lebensgefühl zur Folge, bei dem man das „dringliche Bedürfnis spürt, überall anwesend zu sein“, während man doch lieber nur „zusehen“, aber nicht mehr, eigentlich nie mehr teilnehmen möchte.

Wenn irgendwann auch noch die letzten Gewissheiten sterben, so wie Jakobs Freund Stephan Labude (Christoph Jöde) – zumal aufgrund eines gehässigen Scherzes –, dann wird es schwer mit so noblen und schwer unterschätzten Lebenszielen wie: jeden „Menschen anständig und vernünftig“ zu behandeln. Dass Männer einfach immer „so schnell aus dem Leim gehen müssen, wenn man sie nur einmal anfasst“, bedauert Irene Moll an einer Stelle inbrünstig.

Aus dem Leim gehen und auf den Leim gehen, das ist an diesem Abend trotz der gewaltigen (mitunter etwas übersteuerten) Präsenz von Emma Oberpichler Männersache, ebenso wie Mutterliebe. Markus John sorgt indes in nichts als einer durchsichtigen Strumpfhose dafür, dass auch der männliche Körper ausreichend zur Geltung kommt. Dass das Mann-Sein vor allem durch den Krieg zur Farce wurde und werden könnte, das ahnt man hier.

Dass von all den falschen Versprechen und Illusionen am Ende wenig bleibt und man dieselben doch nicht vertreiben kann, auch nicht, wenn man die Leinwände und Bildschirme, über die sie flimmern, zerschlägt, auch das ahnt man. Dušan David Pařízek und seinem zu körperlicher wie sprachlicher Hochleistung ermunterten Ensemble ist es trotz einiger Längen gelungen, dem Akt des reinen Erinnerns eine Möglichkeit des Handelns gegenüberzustellen, die eigentlich niemanden überfordern dürfte. Denn: „Das Leben lieben und zugleich die Menschen verachten, das geht selten gut aus.“



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