50 Jahre Palast der Republik: Ein Ort voller Widersprüche


Im Schatten des Berliner Fernsehturms erstreckte sich einst ein Gebäude mit einer Glasfassade, die in der Sonne orange leuchtete, in der Mitte gut sichtbar ein Ährenkranz mit Hammer und Zirkel: Der Palast der Republik war das architektonische Aushängeschild der kommunistischen DDR.

Von seiner Eröffnung vor 50 Jahren bis zu seinem umstrittenen Abriss zwischen 2006 und 2008 verkörperte das Gebäude die Ideale und Versprechen – für viele auch die gescheiterten Versprechen – der Deutschen Demokratischen Republik.

Das Gebäude selbst ist verschwunden. Aber in der Erinnerung lebt es weiter, als Ort und Teil der deutschen Geschichte.

Vor dem Palast der Republik parken mehrere Autos.
Trabbis – die „Volksautos“ vor dem „Haus des Volkes“Bild: Rüttimann/IMAGO

Ein Vorzeigeprojekt für den jungen Staat

Im Jahr 1972 ist die DDR 23 Jahre alt und gewinnt international an Bedeutung. Durch bessere Beziehungen zum „anderen“ Deutschland, der Bundesrepublik im Westen, nimmt sie diplomatische Kontakte zu vielen Ländern auf. Sie hat den Status des Ständigen Beobachters bei den Vereinten Nationen und wird im Jahr darauf UN-Vollmitglied.

Die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die faktisch das Land regiert, beschließt: Es braucht ein Gebäude, das zum modernen Selbstbild des Staates passt. Es soll ein „Haus des Volkes“ werden – ein Ort, der sozialistische Werte verkörpert und zugleich Kultur und Unterhaltung bietet.

Der Standort ist ein freies Gelände im Zentrum Ost-Berlins, direkt an der Spree. Dort stand früher ein preußisches Wahrzeichen, das Berliner Stadtschloss, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1950 auf Befehl der SED abgerissen worden war – alte Machtstrukturen sollten verschwinden, um Platz für die neue sozialistische Ordnung zu schaffen.

Ein von hunderten Lampen beleuchtetes Foyer mit glänzenden Steinböden, Pflanzkübeln, Kunst und großen roten Ledersofas.
Das Interieur war vom Feinsten – hier das prachtvolle FoyerBild: Straube/akg-images/picture alliance

1973 beginnt der Bau des Palasts der Republik. Ziel: Fertigstellung in nur drei Jahren. Die DDR investiert enorme Mittel, oft zulasten anderer Bauprojekte.

Der Palast der Republik wird pünktlich am 23. April 1976 eröffnet. Ein westdeutscher Journalist berichtet: „Die Ausstattung ist von feinster Qualität, mit Material und Geld wurde nicht gespart.“

Staatsmacht trifft Unterhaltung

Der Palast hat zwei große Säle: einen kleineren für die Volkskammer, das Parlament der DDR, und einen größeren für Veranstaltungen aller Art – von Parteitagen der SED über Konzerte klassischer Orchester, etwa der Staatskapelle Berlin, bis hin zu Auftritten internationaler Stars wie Carlos Santana oder Miriam Makeba. Sogar der westdeutsche Rockmusiker Udo Lindenberg tritt hier auf.

Ein Mann steht vor sitzendem Publikum auf der Bühne und singt in ein Mikrofon, hinter ihm sind große Friedenstauben auf Leinwänden zu sehen.
Im Oktober 1983: Udo Lindenberg bei einem Friedenskonzert im Palast der RepublikBild: Dieter Klar/dpa/picture alliance

Verbunden werden die Säle durch ein riesiges, zweigeschossiges Foyer, das auch als Kunsthalle dient. Dazu kommen Restaurants, Bars, Cafés, eine Eisdiele, eine Diskothek und sogar eine Bowlingbahn.

„Es war immer voll, immer voller Menschen. Es passierte ständig etwas – irgendwo wurde etwas gelesen, irgendwo Musik gemacht“, erinnert sich Hans-Peter Tennhardt, der damals für die Tontechnik verantwortlich war. „Und es gab viele kleine Läden mit Sachen, die man sonst kaum bekam.“

Junge Leute sitzen auf einem großen Sofa im Foyer des Palastes der Republik, ein Pärchen küsst sich.
Treffpunkt für junge Menschen… auch zum „Knutschen“Bild: Claudia Esch-Kenkel/dpa/picture alliance

Tatsächlich ist das Gebäude ein „Haus des Volkes“ geworden. Täglich besuchen rund 10.000 Menschen den Palast. Er soll beeindrucken, aber auch Freude bieten – ein Ort des Feierns und Genießens, der Möglichkeiten eröffnet, die im DDR‑Alltag oft fehlen. Denn dieser ist geprägt von Unfreiheit, staatlicher Überwachung und Mangel an Waren. So ist der Palast der Republik für manche Menschen ein willkommener Ausbruch aus einem eher belastenden Alltag.

Palazzo Prozzo mit Symbolkraft

Andere aber spotten über ihn. Die vielen Lampen im Foyer bringen ihm den Spitznamen „Erichs Lampenladen“ ein, nach SED-Chef Erich Honecker. Wieder andere nennen ihn spöttisch „Palazzo Prozzo“ – wegen seiner prunkvollen, „protzigen“ Gestaltung. Und weil er so teuer war, wird er hinter vorgehaltener Hand auch scherzhaft als „Ballast der Republik“ bezeichnet.

Und für viele ist er auch ein Symbol der allgegenwärtigen Macht der SED – hinter all den Annehmlichkeiten und Zerstreuungsangeboten ist er ein Gebäude, das Offenheit und Teilhabe suggeriert, während es zugleich die Unantastbarkeit des Systems verkörpert.

Ein großer Plenarsaal, vollbesetzt, ein Mann steht an einem Rednerpult in der Mitte.
SED-Parteitag im Palast der Republik 1985Bild: akg-images/picture alliance

„Die Menschen hatten sehr unterschiedliche Gefühle zu diesem Gebäude“, sagt die Museumswissenschaftlerin Mareen Maaß. „Für manche stand es für die staatliche Unterdrückung, und andere kritisierten, dass so viel Geld in den Bau floss, während es anderswo fehlte“, so Maaß gegenüber der DW.

Doch viele erinnerten sich auch positiv: Der Palast war ein Teil ihrer vertrauten Lebenswelt – und viele traf es hart, als er nach dem Mauerfall 1989 seine Bedeutung verlor. Denn, so Maaß: „Für viele Ostdeutsche war das ein sehr symbolischer Ort.“

Umnutzung und Abriss

Nach nur 14 Jahren Nutzung wird der Palast der Republik im September 1990 geschlossen, einen Monat vor der Wiedervereinigung Deutschlands.

In den folgenden Jahren wird das Gebäude entkernt. Alles wird entfernt, nur das Stahlgerüst bleibt. 2003 beschließt der Bundestag den vollständigen Abriss und den Bau eines neuen Gebäudes, das Berlin als Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands besser repräsentiert solle. Die Entscheidung ist Gegenstand heftiger Debatten, denn längst hat der ehemalige Palast eine neue Funktion bekommen: Die leere Gebäudehülle ist ein Ort für Kunst, Ausstellungen und Performances geworden, und viele Menschen setzen sich dafür ein, dass das so bleibt. Andere sehen im geplanten endgültigen Abriss des Palasts den Versuch, die ostdeutsche Geschichte aus der gemeinsamen Erinnerung des wiedervereinigten Deutschlands zu verdrängen.

Eine Person steht vor einem von der Abendsonne beleuchteten Gebäude und trägt eine Mütze mit der Aufschrift "Rettet den Palast".
Proteste kurz vor dem Abriss Bild: Waechter/Caro/picture alliance

Allen Protesten zum Trotz wird der Palast zwischen 2006 und 2008 endgültig abgetragen. Der Stahl wird eingeschmolzen und unter anderem beim Bau des Burj Khalifa in Dubai verwendet.

Bis heute ein besonderer Ort

Heute steht an dieser Stelle wieder ein Schloss. Es beherbergt das Humboldt Forum, ein Kulturzentrum mit Museen, Ausstellungen und Veranstaltungen. Äußerlich erinnert es mit seinen rekonstruierten barocken Fassaden an das frühere Berliner Stadtschloss, das hier bis 1950 stand. Im Inneren ist es jedoch ein moderner Bau, nur wenige originale Elemente wurden integriert.

Blick auf Spree, das Berliner Stadtschloss und das Gebäude der Hochschule, links im Bild im Hintergrund der Berliner Fernsehturm.
Neben dem Schloss ein DDR-Relikt: rechts die Wirtschaftshochschule im früheren DDR-StaatsratsgebäudeBild: Soeren Stache/dpa/picture alliance

Das Projekt ist bis heute umstritten. Kritiker sehen im Wiederaufbau eine nostalgische Verklärung der preußischen Vergangenheit und einen Bruch mit der jüngeren Geschichte – insbesondere, weil der Palast der Republik weichen musste. Auch die Präsentation außereuropäischer Kunst im Humboldt Forum wird immer wieder diskutiert, vor allem im Hinblick auf koloniale Herkunft und Besitzverhältnisse. So bleibt der Ort nicht nur architektonisch, sondern auch politisch und historisch ein Streitpunkt.

Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch



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