20 Jahre Berlin Hauptbahnhof
„Es ist ein symbolträchtiger Tag, weil dies einfach auch ein symbolträchtiger Ort ist.“ Mit diesen Worten eröffnete die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel den Berliner Hauptbahnhof im Mai 2006. „In unmittelbarer Nähe zu dem früheren Verlauf der Mauer wird jetzt so etwas wie ein nochmaliger Brückenschlag zwischen den verschiedenen Himmelsrichtungen vorgenommen, der auch die früher getrennten Teile Berlins auf eine ganz neuartige Weise miteinander verbindet“, fuhr Merkel fort.
Der Standort des neuen Hauptbahnhofes im Zentrum von Berlin galt als besonders symbolisch: Er entstand auf einem Areal, das über Jahre vernachlässigt worden war – entlang eines historischen Niemandslands.
Berlins bewegte Ost-West-Geschichte
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Berlin in einen westlichen und einen östlichen Teil geteilt. West-Berlin war politisch an die Bundesrepublik gebunden, Ost-Berlin wurde Hauptstadt der DDR. Diese Teilung prägte auch das Schienennetz: In Ost-Berlin fungierte der Ostbahnhof als zentraler Knotenpunkt, während im Westteil der Fernverkehr vor allem über den Bahnhof Zoo lief.
Nach dem Mauerfall 1989 und der deutschen Einheit 1990 entstand der Plan für einen neuen Hauptbahnhof, der die Stadt nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch symbolisch wieder zusammenführen sollte. Als Standort wurde das Gelände des ehemaligen Lehrter Bahnhofs gewählt.
Als dieser 1871 eröffnet wurde, entwickelte er sich rasch zum Endpunkt der wichtigsten Ost-West-Bahnverbindung in Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Lehrter Bahnhof schwer beschädigt, die verbliebenen Teile wurden zwischen 1957 und 1959 schließlich abgerissen.
Erhalten blieb jedoch der gleichnamige S-Bahnhof. Er markierte in der geteilten Stadt im West-Berliner S-Bahn-Netz die letzte Station vor der Grenze zum Osten.
Zusammenführung des Schienen-Netzes
Nach der Wiedervereinigung 1990 musste Berlin auch verkehrstechnisch neu organisiert werden. Das jahrzehntelang getrennte Schienennetz wurde modernisiert und zu einem einheitlichen System ausgebaut. Der neue Hauptbahnhof wurde als zentraler Knoten dieses neuen Netzes konzipiert. Mehrere Ebenen mit Ost-West- sowie Nord-Süd-Strecken kreuzen sich im Stadtzentrum.
Den Architekturwettbewerb gewann der deutsche Architekt Meinhard von Gerkan (gestorben 2022) vom Büro gmp Architekten. Die Gleisführung war bereits durch die Deutsche Bahn vorgegeben. „Die Aufgabe bestand darin, auf dieser Grundlage ein Bauwerk zu erschaffen, das sich zur Stadt öffnet und gleichermaßen Orientierung und Übersichtlichkeit vermittelt“, sagt gmp-Partner Stephan Schütz.
Der Entwurf versteht den Hauptbahnhof als „Kathedrale des Verkehrs“. Prägend sind Glas und Stahl, die viel Tageslicht in die Halle lassen und für eine offene, klare Struktur sorgen.
Auffällig ist zudem die Ausrichtung des Gebäudes zur Kuppel des Reichstags. Sie bildet einen visuellen Bezugspunkt – ebenso wie der Bahnhof steht sie für das neu gestaltete, vereinte Berlin – ebenfalls aus Glas, als Symbol für demokratische Transparenz.
Eröffnung zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006
Der Bau des Berliner Hauptbahnhofs begann 1995 und dauerte rund elf Jahre. Eine große Herausforderung war die Lage direkt an der Spree mit hohem Grundwasserspiegel und sandigem Untergrund. Das machte aufwendige Bauverfahren und Abdichtungen für die unterirdischen Bahnsteige und Tunnelanlagen erforderlich. Zudem erschwerten Bomben-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg die Bauarbeiten, die entschärft und abtransportiert werden mussten.
Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurde der Bahnhof eröffnet. Um Termine und Kosten einzuhalten, änderte die Deutsche Bahn Teile des ursprünglichen Entwurfs. Das Glasdach fiel kürzer aus, Bahnsteige blieben teilweise unüberdacht. Unterirdisch wurden statt der geplanten Gewölbe einfache Decken eingebaut.
Der Architekt Meinhard von Gerkan klagte gegen diese Änderungen – mit Erfolg. Ein Gericht sah darin eine Verletzung des Urheberrechts. 2008 einigten sich beide Seiten außergerichtlich, eine aufwendige Umgestaltung blieb aus. Das alles aber sei „Schnee von gestern“, so Stephan Schütz. Die damalige Klage zeige aber, „wie stark wir uns als Büro und Meinhard von Gerkan als Person sich mit dem Bauwerk identifiziert haben“.
Monument an der Spree
Am 28. Mai 2006 – zwei Tage nach der offiziellen Eröffnung – nahm der Berliner Hauptbahnhof den Betrieb auf. Heute passieren täglich rund 1.300 Züge und mehr als 300.000 Fahrgäste den Bahnhof, was ihn zu einem der verkehrsreichsten Knotenpunkte Deutschlands macht.
Der Bahnhof beherbergt zahlreiche Geschäfte und Restaurants, was einige Kritiker zu der Ansicht veranlasst, dass seine Gestaltung eher an ein mehrstöckiges Einkaufszentrum erinnert.
Wer sich jedoch mit der Geschichte dieses Giganten aus Glas und Stahl an der Spree beschäftigt, erkennt, dass er zugleich ein Denkmal der deutschen Wiedervereinigung ist – das nach Einbruch der Dunkelheit noch beeindruckender wirkt. Mit seinen beleuchteten Fassaden ist der Bahnhof heute eines der bekanntesten Wahrzeichen Berlins.
