8200 Menschen in Deutschland warten auf eine Organspende
Zwei Halbkreise, die zusammen einen Kreis bilden: ein Symbol, das die Buchstaben O und D formt, für „Organ Donar“, Organspender. Ein Tattoo, das ein sichtbares Statement ist, um Leben zu retten und Angehörigen im Ernstfall die Entscheidung zu erleichtern. Seit drei Jahren kann man sich in Deutschland kostenlos eine Tätowierung stechen lassen, die zwar nicht den offiziellen Organspendeausweis ersetzt, aber eine klare Willenserklärung ist.
Hinter dem Projekt „Optink“ steckt die Organisation „Junge Helden“, die seit 2003 über das Thema Organspende aufklärt. 30.000 Menschen haben nach ihren Angaben schon ein Tattoo auf dem Knöchel, am Handgelenk oder am Oberarm.
Mitgründerin Angela Ipach, deren Schwester vier Jahre auf eine Spenderlunge warten musste und mit nur 30 Jahren verstarb, sagt der DW: „Die Idee mit der Tätowierung ist aus einer gewissen Frustration entstanden, als die Widerspruchslösung 2020 im Bundestag abgelehnt wurde. Dann haben wir diese Kampagne gestartet, die ausgezeichnet wurde, Hunderte Tattoo-Studios aktiviert, und haben im Mai 2024 auch im Deutschen Bundestag tätowiert. Das hat dem Projekt einen richtigen Schub gegeben.“
Vor sechs Jahren hatte es im deutschen Parlament den bisher letzten Versuch gegeben, in Deutschland die sogenannte Widerspruchslösung einzuführen. Eine interfraktionelle Gruppe hat vor einem Monat einen neuen Anlauf mit einem Gesetzentwurf gestartet: Danach soll künftig grundsätzlich jede Bürgerin und jeder Bürger als Organspender gelten, sofern kein ausdrücklicher Widerspruch vorliegt. Bislang gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungsregelung, nach der eine Organentnahme nur dann erlaubt ist, wenn die verstorbene Person einer Organspende explizit zugestimmt hat.
Deutschland steht damit europaweit ziemlich alleine da. Frankreich, Italien, Österreich, Spanien, die Niederlande, Belgien, Polen und Portugal haben die Widerspruchslösung längst eingeführt. Wo sie nicht gilt, hat das Konsequenzen: 2025 starben in Deutschland laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) 633 Menschen, während sie auf ein fremdes Organ warteten. 8200 Menschen hoffen aktuell auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Die meisten von ihnen auf eine Niere, das dauert im Durchschnitt etwa acht Jahre.
Angela Ipach kann das nicht begreifen: „Sechs Jahre sind seit der letzten Abstimmung im Bundestag vergangen und an den Zahlen hat sich nichts geändert. Viele Menschen sind gestorben. In welchem anderen Bereich ist das möglich, dass über sechs Jahre nichts passiert? Jeder, der gegen die Widerspruchslösung ist, muss jetzt eine wirksame Lösung vorlegen.“
Wie Überlebende versuchen, das Thema Organspende publik zu machen
Auch für Hubert Knicker ist das Thema zur Lebensaufgabe geworden, er gehört zu den bekanntesten deutschen Organspende-Botschaftern. Nach einer schweren Herzmuskelentzündung und einer kurzen Zeit mit einem Kunstherz erhielt er vor 16 Jahren ein Spenderherz. Seine bewegende Geschichte hat er in einem Buch niedergeschrieben, vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit gibt es sogar einen Comic dazu: „Ein neues Herz für Hubert K.“
Diese Woche hat Knicker wieder vor vier Schulklassen eines Gymnasiums einen Vortrag gehalten, damit auch junge Menschen sich mit dem Thema Organspende auseinandersetzen. Er sagt der DW: „Wenn ich vor den Schülerinnen und Schülern spreche, ist es mucksmäuschenstill, jeder hört zu. Weil sich viele Menschen einfach noch keine Gedanken darüber gemacht haben. Ich habe mir damals geschworen, wenn ich wirklich ein Spenderherz bekomme und nicht sterben muss, setze ich mich nachher für die Organspende ein.“
Dabei trifft Knicker auf viel Unwissen, erzählt er. So wie die Frage, warum man denn nicht einfach Organe von Motorradfahrern nehme, die auf der Autobahn tödlich verunglückt seien. Dabei sind zum einen ihre Organe durch die enorme Wucht des Aufpralls oft zu schwer beschädigt und medizinisch unbrauchbar, außerdem ist eine Organspende in Deutschland rechtlich nur möglich, wenn der Hirntod auf einer Intensivstation festgestellt wurde.
Hubert Knickers Appell: „Die Menschen sollten früh genug darüber nachdenken. Und zu ihren Angehörigen sagen: ‚Ja, ich möchte Organspender werden‘ oder auch: ‚Nein, ich möchte das nicht.‘ Für die Angehörigen ist es sehr schwer, wenn sie gefragt werden, und man selbst nicht mehr antworten kann. Wenn der Wunsch nicht zu Lebzeiten dokumentiert wird, entscheiden sich die meisten Angehörigen gegen eine Organspende.“
Welche Aufklärungsarbeit Transplantationsbeauftragte leisten
Frank Logemann kennt diesen Zwiespalt der Angehörigen nur zu gut, der frühere Anästhesist arbeitet als sogenannter Transplantationsbeauftragter an der Medizinischen Hochschule in Hannover. Das heißt, er sucht sensibel das Gespräch mit Ehepartnern oder Kindern, wenn bei Patientinnen und Patienten der Hirntod wahrscheinlich ist. Was Logemann gelernt hat: Einen perfekten Zeitpunkt für diesen Dialog gibt es nicht.
Er sagt der DW: „Nach offiziellen Angaben müssten eigentlich acht von zehn Menschen in Deutschland einen Organspendeausweis haben, tatsächlich sehen wir das bei höchstens 20 Prozent. Das A und O ist es, die Angehörigen früh genug in ihrer Trauer abzuholen und zu eruieren, ob die schwerkranke Person eine Organspende gewollt hätte. Wenn der Hirntod nachgewiesen ist und man kümmert sich erst dann, ist es definitiv zu spät.“
Logemann betont: Er will die Angehörigen nicht zu einer Organspende überreden, sondern ihnen helfen, eine Entscheidung zu fällen, mit der sie persönlich weiterleben können. Diese Woche ist er anlässlich des Tags der Organspende in Norddeutschland unterwegs, besucht dabei Schulen und Kliniken, ist sogar bei einem Schlagerfestival vor Ort und klärt in Fußgängerzonen über das Thema auf.
Seine Erfahrung: „Die Menschen sind meist neugierig, kommen oft eine Stunde nach dem Gespräch nochmal vorbei und wollen einen Organspendeausweis haben. Aber natürlich gibt es auch viele, die ihre vorgefasste Meinung nicht ändern. Für mich ist diese Karte ein kleines Wunderwerk, auf der man so viel dokumentieren kann: ‚Ja, ich möchte, und zwar folgende Organe…‘ oder: ‚Nein, ich möchte nicht.‘ Oder auch: ‚Diese Entscheidung soll folgende Person für mich fällen.'“
Wie Angehörige verstorbenen Organspendern ein Gesicht geben
Anita Wolf musste in kürzester Zeit entscheiden, was mit den Organen ihres Mannes geschehen soll. Er war mit gerade einmal 60 Jahren eine Woche nach einem schweren Schlaganfall verstorben. Einen Organspendeausweis hatte er nicht. Nach langen Gesprächen mit den Transplantationsbeauftragten entschied sie sich, drei Organe freizugeben: Herz, Leber und eine Niere. Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut.
„Ich habe mir gedacht, mein Mann kann jetzt Leben retten, das ist eine schöne Sache. Zwei Monate später bekam ich von der Deutschen Stiftung Organtransplantation einen Brief, dass alle drei Empfänger im Alter meines Mannes und auf dem Weg der Genesung seien. Auch im Nachhinein sage ich mir: Es war die richtige Entscheidung. Und es ist ein kleiner Trost, dass irgendwo irgendwas von meinem Mann weiterleben kann.“
Auch Wolf lässt das Thema nicht los: Sie ist vor acht Jahren dem Netzwerk Spenderfamilien beigetreten, um den Angehörigen Mut zu machen und den verstorbenen Organspendern ein Gesicht zu geben. Heute ist sie sogar Mitglied der „Ständigen Kommission Organtransplantation“ der Bundesärztekammer.
Mehr als 80 Prozent der Deutschen stehen laut den jüngsten Umfragen einer Organ- und Gewebespende positiv gegenüber.
Anita Wolf will genauso wie Angela Ipach, Hubert Knicker und Frank Logemann, dass dies auch Folgen hat. „Immer, wenn Anfang Juni der Tag der Organspenden näher rückt, gibt es einen riesigen Run auf uns. Aber man muss auch sonst das Thema bekannter machen und darüber reden. Weil wir dazu neigen, alles, was mit dem Tod zusammenhängt, ein wenig wegzuschieben.“
