10 Jahre nach dem Verkauf an Chinesen: Was ist aus Kuka geworden?
An der Zugspitzstraße ist es ruhiger geworden, aber einer der ersten Industriestandorte hierzulande steckt immer noch hinter der alpinen Adresse im Augsburger Osten. Nur schaut nicht mehr die halbe Nation dorthin. So wie vor zehn Jahren, als der deutsche Roboterhersteller KUKA zu einem chinesischen Unternehmen wurde.
Der Maschinenbaukonzern aus Bayerisch-Schwaben wurde 2016 geradezu über Nacht zu einem Symbol für den labilen Wirtschaftsstandort Deutschland: eine Industrie-Perle, die in deutscher Hand – die Voith-Gruppe hielt damals 25 Prozent der Aktien, der Industrielle Friedhelm Loh zehn Prozent – keine Zukunft mehr hatte.
Stattdessen ging sie, ausgehend von einer Offerte über knapp fünf Milliarden Euro, an den chinesischen Mischkonzern Midea über. Die Bemühungen der damaligen Bundesregierung, die Übernahme abzuwehren und den vermeintlichen Ausverkauf deutscher Spitzentechnologie zu verhindern, schlugen fehl. Nach ihrer Ankündigung am 18. Mai 2016, KUKA übernehmen zu wollen, und einem offiziellen Übernahmeangebot Mitte Juni machten die Chinesen ernst. In Deutschland und ganz Europa gab es niemanden, der ihnen Konkurrenz machte.
Innovationskraft wandert ab
Zehn Jahre KUKA in chinesischer Hand: Ein Grund zum Feiern ist das Verkaufsjubiläum für viele Mitarbeiter nicht gerade. Zwar geht es dem Unternehmen wirtschaftlich recht ordentlich. Aber den Rekordaufträgen in Höhe von 4,2 Milliarden Euro stehen ein deutlicher Stellenabbau und eine schleichende Verlagerung der Innovationskraft nach Fernost gegenüber. Wobei das Robotergeschäft nur etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes von zuletzt 3,9 Milliarden Euro beisteuert – der Rest fällt auf die weniger bekannten Geschäftsfelder Anlagenbau, Intralogistik, Gesundheitslogistik und Software.

Noch immer zählt KUKA mit seinen global 15.000 Beschäftigten – 3000 davon in Augsburg – zu den führenden Anbietern intelligenter Automatisierungslösungen in der Welt. Das Unternehmen steht im Wettbewerb mit internationalen Konkurrenten wie FANUC und Yaskawa aus Japan oder ABB aus der Schweiz. Deren Spezialität sind ebenfalls schwere, mitunter meterhohe Industrieroboter. Das Robotergeschäft von ABB ist inzwischen ebenfalls in asiatischer Hand, es wurde vom japanischen Investmentkonzern Softbank gekauft.
Midea, der zwölfmal so große chinesische Haushaltsgerätekonzern, hält inzwischen sämtliche Anteile und hat KUKA nach einem Squeeze-out vor vier Jahren von der Börse genommen. Während Augsburg offiziell der Hauptsitz geblieben ist, hat sich das Machtgefüge deutlich nach China verschoben, heißt es im Umfeld des Konzerns.
Die Situation am Stammsitz ist angesichts der hohen Standortkosten und des verschärften Wettbewerbsdrucks angespannt. Ende vergangenen Jahres wurde bekannt, dass in Augsburg deutlich mehr Arbeitsplätze wegfallen als ursprünglich geplant – insgesamt nun 560 statt 400 Vollzeitstellen. Immerhin konnten durch eine Tarifeinigung mit der IG Metall betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2029 ausgeschlossen werden. Im Gegenzug mussten die Mitarbeiter Gehaltseinbußen hinnehmen.

Dem chinesischen Eigentümer war von Anfang an viel Misstrauen entgegengebracht worden, über Industriekreise hinaus kannte ihn kaum jemand. Midea beteuerte aber stets, mit KUKA Geschäft machen zu wollen und an einer Schwächung des Unternehmens kein Interesse zu haben. Dementsprechend fiel der erste große öffentliche Auftritt des Midea-Vorstandschefs Fang Hongbo in Deutschland aus. Auf der Hannover Messe versicherte er, es handele sich um eine „ganz normale Übernahme“. Sie habe die vielen Emotionen nicht verdient. Er war damals noch keine 50 Jahre alt und wirkte eher jugendlich-harmlos als durchtrieben. Dieser Eindruck stützte seine Botschaft an das besorgte Publikum in Deutschland.
Zurückhaltung bei humanoiden Robotern
Die Aussage von der vermeintlich harmlosen, weil ganz alltäglichen Übernahme ist bis heute umstritten geblieben. Kritiker sagen, dass die hohen Renditeerwartungen der Chinesen KUKA nicht gutgetan habe. Der Standort Augsburg habe darunter gelitten. Unstrittig ist, dass das Unternehmen personell ordentlich durchgeschüttelt wurde – auch an seiner Spitze.
Zum Zeitpunkt des Verkaufs war Till Reuter der Vorstandsvorsitzende und als solcher geradezu ein Manager von nationalem Interesse. Er wurde damals auf die Schnelle zu einem Gesicht der deutschen Industrie. Auf den vormaligen Investmentbanker Reuter folgte dann erst Peter Mohnen, im vergangenen Jahr der Intel-Manager und Software-Fachmann Christoph Schell.

Reuter hatte auch Kritik auf sich gezogen. Er habe auf Marktveränderungen, vor allem auf das Aufkommen kleinerer, flexibler Roboter, zu spät reagiert. In der Entwicklung und Produktion sogenannter Cobots – das sind kollaborative, leicht zu programmierende Roboter – sei KUKA nicht gerade ein Vorreiter gewesen. Den Markt habe man Newcomern wie Universal Robots und weiteren Robotik-Aufsteigern überlassen – vormalige Start-ups, die KUKA unterschätzt habe. Die Augsburger stehen seit jeher für hochpreisige, eher komplizierte Technik.
Welche Rolle spielte der chinesische Staat?
Inwieweit der Kauf staatlich getrieben war, ist bis heute offen. Midea befindet sich zwar in Privatbesitz. „Die Übernahme wurde aber durch ein Bankenkonsortium unter Führung staatlicher chinesischer Förderbanken finanziert“, hieß es in einem Report des US-Handelsbeauftragten im Jahr 2018, der chinesische Technologietransfers unter die Lupe nahm. Die China Exim Bank habe allein 770 Millionen Euro an Krediten bereitgestellt und die Übernahme mit der Neuen Seidenstraße verknüpft, dem weltweiten Infrastrukturprojekt des chinesischen Präsidenten Xi Jinping.
„Es scheint schon etwas dran zu sein, dass Midea einen politischen Auftrag hatte“, sagt Georg Stieler, Berater der gleichnamigen Unternehmensberatung und Robotikfachmann mit Spezialisierung auf China. Dass sich KUKAs Aktivitäten nach China verlagerten, sei „ganz normal“, sagt er. „Vor zehn Jahren war Europa für rund ein Viertel des weltweiten Industrieroboterabsatzes verantwortlich. Heute sind es 16 Prozent.“ Man könne nicht erwarten, dass man „führender Hersteller sei, wenn man zwölf Flugstunden von dort entfernt ist, wo die Musik spielt. Und das ist China.“
KUKA habe indes seine Position gestärkt, während andere Konkurrenten wie ABB und FANUC an Boden verlören. „Ich glaube nicht, dass die Industriegeschichte anders verlaufen wäre“, sagt Robotikfachmann Stieler. „Deutschlands Abstieg wäre nicht anders verlaufen, wenn die Chinesen KUKA nicht gekauft hätten.“ Das Problem von KUKA sei die Schwäche seiner Kunden in Deutschland. „KUKA hätte noch mehr Probleme, wenn sie in China nicht verhältnismäßig gut dastehen würden.“
Chinas Roboterkonzerne holen ähnlich rasant auf wie die Autohersteller. Als KUKA in chinesische Hände kam, wurden im Jahr rund 240.000 neue Industrieroboter installiert, aktuell sind es 550.000. Chinas Anteil an diesem Markt wuchs von 27 Prozent auf 54 Prozent. Der globale Marktanteil von KUKA in der Robotik liege derzeit bei rund zehn Prozent.
Und in China haben chinesische Hersteller gar einen Marktanteil von 57 Prozent erreicht. KUKA ist da noch nicht eingerechnet. Der Marktanteil der Augsburger ist dort von sieben auf zehn Prozent gestiegen. Das neue Werk in Foshan für mindestens 15.000 Roboter im Jahr hilft. Durch Midea hat KUKA besseren Zugang zu großen chinesischen Industriekunden erhalten, nicht zuletzt in der chinesischen Autoindustrie. „Dank unseres Mutterkonzerns wachsen wir jetzt stark in China“, sagt ein Unternehmenssprecher. Nach Stückzahlen liege man dort auf Platz drei, global sogar auf Platz zwei.
Skepsis gegenüber Robotikaufsteigern
Aktuell machen chinesische Unternehmen, aber auch deutsche Hoffnungsträger wie Neura Robotics oder Agile Robotics sowie weitere internationale Wettbewerber Furore, die sich humanoiden Robotern verschrieben haben und enorme Verkaufszahlen auf einem bald riesigen Markt in Aussicht stellen. Auch Elon Musk spielt auf diesem vergleichsweise neuen Feld der Robotik mit und skizziert eine Arbeits- und Lebenswelt mit Millionen Humanoiden.
Auch KUKA forscht auf diesem Gebiet, hält sich mit allzu hochfliegenden Ankündigungen aber zurück. Humanoide seien kein „kurzfristiges Produktziel“. Sie seien allenfalls als Bestandteil einer komplexen Robotikwelt vorstellbar, in der Künstliche Intelligenz immer mehr Anwendungen ermöglicht. Hinter vorgehaltener Hand sagen KUKA-Vertreter, Verfechter humanoider Roboter präsentierten zwar aufregende Wachstumsgeschichten, die Investoren gerne hörten, aber das bedeute noch nicht viel. KUKA habe Zehntausende Roboter in Werkshallen der Welt installiert. Diese hätten ihre Leistungsfähigkeit im Dauereinsatz bewiesen. Die strategische Entscheidung, wie entschlossen sich KUKA bei Humoiden engagieren wird, dürfte ohnehin in China getroffen werden.
Midea investiert derweil alles in allem rund 110 Millionen Euro in die Modernisierung der Produktion und Logistik in Augsburg. Es sei ein geduldiger Konzern mit langfristigem Blick, heißt es in Augsburg. Wer wisse denn, ob das bei der Übernahme durch ein amerikanisches Unternehmen auch so gewesen wäre. Noch größer sind die Anstrengungen für den Ausbau der Konzernzentrale im chinesischen Foshan. Die generelle Entwicklung in China dürfte man in Augsburg ohnehin als Bestätigung für den eigenen Weg sehen, auch wenn er fremdgesteuert ist.
Die Politik zog die Zäune höher
Aber nicht nur für das Unternehmen brachte die Übernahme gravierende Veränderungen mit sich: Die Politik reagierte mit einer Reihe von Verschärfungen des Außenwirtschaftsrechts auf den Verkauf von KUKA – aber nicht nur auf diesen Fall. In mehreren Schritten senkte die Bundesregierung die Schwellenwerte, von denen an die Übernahme eines deutschen Unternehmens geprüft und im Fall einer Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit untersagt werden kann.
Heute erfolgt eine solche Prüfung unabhängig von der Branche, sobald ein Investor von außerhalb der EU eine Beteiligung von 25 Prozent oder mehr anstrebt. Für Zukunftstechnologien wie KI und Robotik liegt der Schwellenwert bei 20 Prozent, im Bereich der kritischen Infrastruktur (Wasserversorgung, Energie, Telekommunikation) sind es zehn Prozent.

Die Verschärfungen erfolgten unabhängig davon, ob der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), Peter Altmaier (CDU) oder Robert Habeck (Grüne) hieß. Was den kritischeren Umgang mit China betrifft, waren sich die Parteien in Berlin in den vergangenen Jahren vergleichsweise einig. 2018 verhinderte der damalige Wirtschaftsminister Peter Altmaier, dass sich der chinesische Staatskonzern SGCC am deutschen Stromnetzbetreiber 50 Hertz beteiligen konnte. Altmaier lotste den 20-Prozent-Anteil zur Staatsbank KfW. Wirtschaftsverbände kritisierten die Eingriffe der Politik damals vehement. Sie schwenkten erst später auf eine chinakritischere Linie ein.
Im Herbst 2022 war die Aufregung in Berlin abermals groß, als die chinesische Reederei Cosco ihren geplanten Einstieg an einem Terminal des Hamburger Hafens publik machte. Außen- und Wirtschaftsministerium, beide damals in Hand der Grünen, waren vehement gegen eine Beteiligung. Kanzler Olaf Scholz (SPD) setzte sie am Ende mit einem Machtwort durch, wenn auch mit einem geringeren Anteil als von den Chinesen erwünscht. Die Untersagungen, die es in den vergangenen Jahren noch gab, betrafen eher kleine Mittelständler. Der „Fall KUKA“ wirkt also lange nach. Es ging nie nur um Roboter.
